Vize-Chefredakteurin Katrin Gottschalk von der "taz": "Wer eine Expertin braucht, holt sich Alice Schwarzer"

 

"Viele diskutieren über Themen, von denen sie wenig wissen. Gerade bei Feminismus wollen alle mitreden - oft nur weil sie selbst Frauen sind oder welche kennen. Wer eine Expertin braucht, holt sich Alice Schwarzer. So bewegen wir uns auf der Stelle", warnt die stellvertretende "taz"-Chefredakteurin Katrin Gottschalk im Vorfeld des Mainzer Medien-Disputs in Berlin (14. Juni, 19 Uhr).

kress.de: Warum ist der kontroverse Diskurs zu zentralen Konfliktthemen in Medien und Öffentlichkeit 'notleidend'?


Katrin Gottschalk: Weil die Diskussion reflexhaft geschieht. Nach einer Aussage wie der Gaulands über Boateng, reden wir nicht über Rassismus in der Gesellschaft, sondern über Nachbarschaft. Das ist absurd.

Welche Defizite, Schwachstellen und Handicaps identifizieren Sie als Ursachen für die Diskurs-Armut?

Katrin Gottschalk: Viele diskutieren über Themen, von denen sie wenig wissen. Gerade bei Feminismus wollen alle mitreden - oft nur weil sie selbst Frauen sind oder welche kennen. Wer eine Expertin braucht, holt sich Alice Schwarzer. So bewegen wir uns auf der Stelle.

Wie bewerten Sie die Auslagerung von Diskussionen in isolierte, nicht miteinander verbundene Parallelwelten?

Katrin Gottschalk: Soziale Netzwerke sind keine Parallelwelt, sondern Teil unserer Gesellschaft und unseres Alltags.


Haben "soziale Medien" mit Unterstützung der etablierten Medien eine neue Empörungskultur geschaffen, die Dialoge ersetzt?

Katrin Gottschalk: "Empörungskultur" heißt häufig: Vorher in der Mainstream-Presse nicht beachtete Stimmen, etwa von jungen muslimischen Frauen, werden jetzt hör- bzw. lesbar. Diese Stimmen können Teil eines Dialogs werden. Man muss sie nur ernst nehmen.

Warum meidet die etablierte Politik ungefilterte Debatten - intern und extern - und favorisiert die "diskussionslose Geschlossenheit"?

Katrin Gottschalk: Es wird mitunter ja durchaus offen diskutiert, etwa bei CSU und CDU oder der Linken. Gerade erst hat Sahra Wagenknecht für ihre Äußerungen zu Obergrenzen bei Geflüchteten eine Torte ins Gesicht bekommen. Die Offenheit hebt also leider nicht automatisch das Niveau.

Wie lässt sich die grassierende Diskurs-Allergie aus Ihrer Sicht therapieren?

Katrin Gottschalk: Blick erweitern, Stimmen ernst nehmen, Reflexe vermeiden, über Themen schreiben, von denen man etwas versteht und nicht immer dieselben Menschen mit ihren erwartbaren Positionen zu Gesprächen einladen.

Mainzer Medien-Disput am 14. Juni in Berlin

"Zwischen Debatten-Allergie und Bekenntnis-Ritualen - Welchen Mehrwert hätten Diskurse für eine vitale Demokratie" lautet das Streit-Thema beim Mainzer Medien-Disput am 14. Juni um 19 Uhr in Berlin. Mit SWR-Chefreporter Thomas Leif und der neuen stellvertretenden "taz"-Chefredakteurin Katrin Gottschalk diskutieren Anne Wizorek (#Aufschrei), der Publizist und Autor Wolfgang Herles (früher "ZDF Aspekte", Buch: "Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik"), Albrecht von Lucke, Redakteur "Blätter für deutsche und internationale Politik", und der "FAZ"-Journalist und Buchautor Stefan Schulz ("Redaktionsschluss - Die Zeit nach der Zeitung").

Der Mainzer Medien-Disput ist die wichtigste Diskussions-Plattform zum Austausch über medien- und gesellschaftspolitische Grundsatzfragen in Berlin. kress.de ist Partner vom Mainzer Medien-Disput. Anmeldungen für den MMD am 14. Juni um 19 Uhr in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund, In den Ministergärten 6, in Berlin, sind per Email unter veranstaltungen@lv.rlp.de möglich. Die Teilnehmerzahl ist aus Raumgründen begrenzt.

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