Akademie-Direktor Christoph Picker: "Gute Zeiten für Verschwörungstheoretiker und falsche Propheten"

 

Als große Gefahr für Diskurse betrachtet Christoph Picker, Direktor der Evangelischen Akademie der Pfalz, den immer stärker um sich grassierenden Zeitmangel: "Vor 20 Jahren haben sich Entscheidungsträger noch selbstverständlich Wochenenden lang auf Akademietagungen orientiert. Das gibt es in der heutigen Tempogesellschaft kaum mehr. Selbst bei kürzer getakteten Veranstaltungen fliegen Wissenschaftler oder Politiker häufig nur zu ihren eigenen Beiträgen ein und schwirren dann zum nächsten Termin. Im Extremfall hört jeder nur noch sich selber zu", kritisiert Christoph Picker im Vorfeld des Mainzer Medien-Disputs in Berlin (14. Juni, 19 Uhr).

kress.de: Warum ist der kontroverse Diskurs zu zentralen Konfliktthemen in Medien und Öffentlichkeit 'notleidend'?

Christoph Picker: Die Faktoren heißen Macht, Kultur und Wohlstand. In manchen Themenbereichen gibt es einflussreiche Stakeholder, die an sachbezogenen und ergebnisoffenen Debatten schlicht kein Interesse haben. Beispiele sind TTIP, Waffenexporte, Militärstandorte. In Sachen "Streitlust" gibt es wohl auch ein kulturelles Tief. Angesichts der Unübersichtlichkeiten einer sich globalisierenden Welt ist der Bedarf an "Unordung" - durch diese Phasen muss jeder gute Diskurs! - begrenzt. Schließlich: Diskurse entzünden sich am Mangel. Vielleicht geht es den diskursaffinen Milieus einfach zu gut. Insgesamt würde ich aber auch vor kulturpessimistischer Weltuntergangsstimmung warnen. Auch in Merkels Deutschland wird an vielen Stellen anspruchsvoll und kontrovers debattiert.

Welche Defizite, Schwachstellen und Handicaps identifizieren Sie als Ursachen für die Diskurs-Armut?

Christoph Picker: Der Faktor Zeit spielt eine entscheidende Rolle. Vor 20 Jahren haben sich Entscheidungsträger noch selbstverständlich Wochenenden lang auf Akademietagungen orientiert. Das gibt es in der heutigen Tempogesellschaft kaum mehr. Selbst bei kürzer getakteten Veranstaltungen fliegen Wissenschaftler oder Politiker häufig nur zu ihren eigenen Beiträgen ein und schwirren dann zum nächsten Termin. Im Extremfall hört jeder nur noch sich selber zu. Diskurse, die mehr sind als Diskurssimulationen, brauchen Zeit. Wir aber sind gehetzt. In der Presselandschaft und bei der individuellen und institutionellen Selbstdarstellung spielt die Aufmerksamkeitsbewirtschaftung eine gefährliche Rolle. Es zählt der Hype, danach klingt die Aufmerksamkeit schnell wieder ab - bis der nächste starke Reiz gesetzt wird. Längere Diskursprozesse sind in so einem Klima nur schwer zu etablieren.

Wer will denn wem welche Wahrheiten nicht zumuten?

Christoph Picker: Wir sind weit entfernt von den Monokulturen autoritären Systeme. Die deutsche Presselandschaft ist nach wie vor ausgesprochen plural aufgestellt. Das Spektrum von "Welt" bis "Freitag" und jenseits davon ist ausgesprochen breit. Komplexe Wahrheiten sind aber offenbar nur begrenzt gefragt.

Wie bewerten Sie die Auslagerung von Diskussionen in isolierte, nicht miteinander verbundene Parallelwelten?

Christoph Picker: Den sprichwörtlichen "Stammtisch" gab es schon immer - durchaus auch mit einer positiven politischen Funktion. Kein Problem, solange es "inkludierende" Gegengewichte gibt: sozial disparate Nachbarschaften und eine entsprechende Sozialplanung, inklusive Bildungssystem, Sportvereine, Kirchengemeinden. Haben wir hier ein Problem? Dramatisch verstärkt wird das Phänomen kommunikativer Parallelwelten - die sich übrigens nicht nur ideologisch, sondern auch sozial, religiös und ethnisch konstituieren - durch die digitale Kommunikation, die sehr leicht kanalisierbar ist. Ein gravierendes Problem. Gute Zeiten für Verschwörungstheoretiker und falsche Propheten.

Haben "soziale Medien" mit Unterstützung der etablierten Medien eine neue Empörungskultur geschaffen, die Dialoge ersetzt?

Christoph Picker: Das ist ganz offensichtlich. Allerdings finden in der digitalen Welt auch durchaus anspruchsvolle Meinungsbildungsprozesse statt.

Warum meidet die etablierte Politik ungefilterte Debatten - intern und extern - und favorisiert die "diskussionslose Geschlossenheit"?

Christoph Picker: Ergebnisoffene Debatten sind immer ein Risiko. Der Berufsstand der Politiker, Parteien - auch andere traditionelle gesellschaftliche Institutionen wie Kirchen, Gewerkschaften, Verbände - schwächeln. Sie befinden und empfinden sich in der Defensive und gehen lieber auf Nummer sicher: Diskussions- und Entscheidungsprozesse kontrollieren, Kontroversen nicht öffentlich werden lassen, Einheit demonstrieren. Meist fehlt es schlicht an Souveränität. Frappierend ist, wie offen sich Spitzenpolitiker bisweilen nach ihrer aktiven Zeit äußern.

Wie lässt sich die grassierende Diskurs-Allergie aus Ihrer Sicht therapieren?

Christoph Picker: Let's do our job: Presseleute, Instanzen der politischen Bildung, Parteien, Evangelische Akademien - mit guter journalistischer Arbeit und Bildungsveranstaltungen statt Shows liegen wir richtig. Ich setze auf die Verführungskraft guter Diskursveranstaltungen, die aber auch wirklich ernst gemeint sein müssen. Das ist der konservative, aber auch nicht selbstverständliche Teil der Antwort. Darüber hinaus brauchen wir so etwas wie ein nachhaltiges Diskursmanagement, das - unter den Bedingungen einer eng getakteten Arbeitswelt und kurzer Aufmerksamkeitszyklen - längerer ernsthafte Meinungsbildungsprozesse ermöglicht. Das ist eine strategische Aufgabe. Da stehen wir noch ziemlich am Anfang. Wichtig ist natürlich auch die Frage, ob sich digitale Kommunikation diskursförmig gestalten lässt. Ich selbst bin hier Analphabet. Zu alt.

Mainzer Medien-Disput am 14. Juni in Berlin

"Zwischen Debatten-Allergie und Bekenntnis-Ritualen - Welchen Mehrwert hätten Diskurse für eine vitale Demokratie" lautet das Streit-Thema beim Mainzer Medien-Disput am 14. Juni um 19 Uhr in Berlin. Mit SWR-Chefreporter Thomas Leif und der neuen stellvertretenden "taz"-Chefredakteurin Katrin Gottschalk diskutieren Anne Wizorek (#Aufschrei), der Publizist und Autor Wolfgang Herles (früher "ZDF Aspekte", Buch: "Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik"), Albrecht von Lucke, Redakteur "Blätter für deutsche und internationale Politik", und der "FAZ"-Journalist und Buchautor Stefan Schulz ("Redaktionsschluss - Die Zeit nach der Zeitung").

Der Mainzer Medien-Disput ist die wichtigste Diskussions-Plattform zum Austausch über medien- und gesellschaftspolitische Grundsatzfragen in Berlin. kress.de ist Partner vom Mainzer Medien-Disput. Anmeldungen für den MMD am 14. Juni um 19 Uhr in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund, In den Ministergärten 6, in Berlin, sind per Email unter veranstaltungen@lv.rlp.de möglich. Die Teilnehmerzahl ist aus Raumgründen begrenzt.

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