Günther Jauch selbstbewusst: "Niemals war irgendein Polittalk über Jahre beim Publikum so erfolgreich - auch nicht vor meiner Zeit"

 

Vier Jahre lang war Günther Jauch der wichtigste Polit-Journalist im deutschen Fernsehen. Sein Sonntagabend-Talk löste heftige Reaktionen aus, sorgte für Debatten. Jetzt stellt der beliebte Fernseh-Moderator selbstbewusst fest: "Niemals war irgendein Polittalk über Jahre beim Publikum so erfolgreich - auch nicht vor meiner Zeit." Ein Gespräch über Alkohol im Fernsehen, ein legendärer Besuch bei Helmut Kohl gemeinsam mit Thomas Gottschalk, die Last mit den Yellows, die er "Drecksblätter" und "gelbe Pest" nennt, was er seinen Kritikern zu sagen hat und warum er der AfD eine Plattform bot.

Das Magazin des "Kölner Stadt-Anzeigers" schafft es immer wieder, seine Leserinnen und Leser zu überraschen. Das Halbformat, das Ismene Poulakos, heute Mitglied der Chefredaktion vom "Kölner Stadt-Anzeiger" groß gemacht hat und das heute Claudia Lehnen leitet, ist am Wochenende ein außergewöhnliches Interview in der Reihe "Wein & Sein" gelungen.

Die Wein-Expertin Romana Echensperger, Chefkorrespondent Joachim Frank, Gastor-Expertin Maria Dogmen und Fotograf Stefan Worring waren zu Gast im Weingut von Othegraven und haben dort ein langes Interview mit dem TV-Moderator Günther Jauch und seiner Frau Thea Sihler geführt.

Offen wie selten spricht Jauch dabei nicht nur über sein Leben als Winzer. Seine wichtigsten Antworten haben wir hier zusammengestellt.

Über seine erste Begegnung gemeinsam mit Thomas Gottschalk mit Bundeskanzler Helmut Kohl in den 1980er Jahren im Kanzleramt:

Günther Jauch: Wir kamen also in Bonn in sein riesiges Arbeitszimmer. Mit Aquarium und allem, was man so kannte. Dann ging die Tür zu, klassische Musik erklang, kein Telefonat wurde mehr durchgestellt, und Kohl machte einen Pfälzer Wein nach dem anderen auf. Zwei Stunden Geplauder, noch ein Glas und noch ein Glas. Einer dieser Tropfen lag wie Schweröl im Glas, in dem seitlich die Schlieren runterliefen. Kohl belehrte uns, dass man dieses Phänomen in seiner Heimat als "Engels-Piss" bezeichne. So gesehen ging es früher wirklich lockerer zu.

Warum sich Günther Jauch nicht mit Weinglas in der Hand fotografieren lässt, erklärt er dem Team vom Magazin des "Kölner Stadt-Anzeigers" so:

Günther Jauch: Es geht eher um die schlechten Erfahrungen mit den Klatschblättern, die ich nur noch als "gelbe Pest" empfinde. Jede Woche im Schnitt zwei Klagen gegen Lügen oder irgendeinen Unsinn - das ist mühsam. Aber unter- dessen bin ich sturmerprobt. Diese Dreckblätter brauchen einfach immer nur Bilder, egal wie banal, und sie bauen ihre hirnlosen Texte drumherum. Je weniger Bilder, desto weniger Veröffentlichungen. Aber inzwischen füllen die schon eine Seite mit der Tatsache, dass ich einen Rollkoffer nicht hinter mir herziehe, sondern einfach trage. Was glauben Sie, warum im Fernsehen auch kein Mensch mehr mit einem Glas Bier oder Wein gesehen werden möchte?

Ob denn ein Glas Wein zur Entspannung Gästen von Talkshows nicht helfen würde?

Günther Jauch: Einerseits ja, weil viele schon aus lauter Angst vor Kontrollverlust total verkrampft sind. Andererseits wird jede noch so geringe Normabweichung heute von der politischen Korrektheitspolizei gnadenlos verfolgt. Würden Politiker im Fernsehen Alkohol trinken, müssten sie sich also noch mehr beherrschen und hätten überdies jahrelange Gesinnungsdebatten an der Backe. Früher waren sie da lockerer.

Erstmals äußert sich Günther Jauch auch über die Kritik an seiner Polit-Sendung in der ARD.

Günther Jauch: Das war doch immer dieselbe Leier. "Und wieder war Günther Jauch mit seinen Gästen nicht in der Lage, den Nahost-Konflikt zu lösen." Als ob ich das je gewollt, geschweige denn gekonnt hätte. Mein Ziel war es, komplizierte Sachverhalte mit interessanten Menschen so zu erklären, dass man nach einer Stunde einfach kapiert hat, worum es geht und warum das Ganze kompliziert ist. Außerdem wollte ich mehr junge Leute für Politik interessieren. Das ist bis zum Schluss gelungen: Niemals war irgendein Polittalk über Jahre beim Publikum so erfolgreich - auch nicht vor meiner Zeit.

Und war er denn betroffen, gingen manche Äußerungen der Kritiker nicht an seine Berufsehre?

Günther Jauch: "Schlecht gefragt" ist häufig nur eine Chiffre für ideologische Vorbehalte gegen einen Gast oder das, was er sagt. Außerdem darf man den zweiten Reflex der Kritik nicht unterschätzen: Sie messen das Gelingen oder Scheitern einer Sendung mit dem "Zoffometer". Wie krawallig ist es zugegangen? Haben sich die Gäste auch ordentlich gefetzt? Deshalb sind Talkshows oft wie ein Puppentheater konstruiert: das Kasperle mit der Pritsche, der Polizist mit seinem Knüppel, das Krokodil, der tollpatschige Seppel und so weiter. Und am Ende soll es einen Gewinner und einen Verlierer geben - das ist aber nicht meine Vorstellung von politischem Erkenntnisgewinn. Und schließlich: Ich habe diese Sendung nicht für Kollegen gemacht, die tagespolitisch immer auf dem Laufenden sind, sondern für die Zuschauer, die die ständige Beobachtung von Politik nicht zum Beruf haben. Da wollte ich erfolgreich sein - und das ist zum Glück immer gelungen.

Über die Kritik, warum er der AfD als erste große Talk-Sendung ein Forum bot:

Günther Jauch: Sie meinen die Sendung mit Björn Höcke im vorigen Oktober? Ich halte das anschließende Gezeter bis heute für komplett unsinnig - und für unpolitisch obendrein. Das Plattform-Argument gibt sich moralisch überlegen, entzieht sich aber dem Streit über Inhalte. Totschweigen, ignorieren - das ist der völlig falsche Ansatz. Als Höcke damals in der Sendung diese knittrige Deutschland-Flagge rauszog, dachte ich: "Super, das ist gelaufen! Der Typ hat sich jetzt komplett entlarvt." Wer danach nicht erkannt hatte, wes Geistes Kind diese Leute sind, dem kann ich dann auch nicht mehr helfen. Im Nachhinein gesehen, war das eine meiner interessantesten Sendungen, die ich jederzeit wieder machen würde - und zwar genau so. Man hat nämlich zum ersten Mal begriffen, wie die Gegenfront zum AfD-Gründer Bernd Lucke funktioniert. Das war vorher nicht so klar.

Hintergrund Günther Jauch

Günther Jauch, gebürtig aus Münster, gehört zu den profiliertesten Fernsehjournalisten und Moderatoren im Land. Jauch ist Gesellschafter der Produktionsfirma iutv, deren Hauptauftraggeber RTL, ARD und ZDF sind. Für die Firma arbeiten nach Unternehmensangaben derzeit rund 140 Mitarbeiter, Geschäftsführer und Chefredakteur ist Andreas Zaik. Zu den aktuellen Moderatoren der Kölner Firma gehören neben Günther Jauch unter anderem Barbara Schöneberger, Oliver Pocher, Steffen Hallaschka, Kai Pflaume, Oliver Geissen, Thomas Gottschalk, Daniel Hartwich und Thorsten Schorn. Günther Jauchs Vater war der Agenturjournalist Ernst-Alfred Jauch, der über viele Jahre das Bild der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) geprägt hat.

Hintergrund "Kölner Stadt-Anzeiger"

Chefredakteur vom "Kölner Stadt-Anzeiger" ist Peter Pauls, seine Stellvertreter sind Lutz Feierabend und Rudolf Kreitz, der Chefredaktion gehört ebenfalls Digital-Chefin Ismene Poulakos an. Als Herausgeber fungieren der im vergangenen Jahr verstorbene Verleger Alfred Neven DuMont sowie Christian DuMont Schütte und Isabella Neven DuMont. Leitender Redakteur ist Wolfgang Wagner, Chefkorrespondent Joachim Frank. Weitere Ressortverantwortliche sind Christian Hümmeler (Köln), Detlef Schmalenberg (NRW), Hans-Jürgen Deglow (Nachrichten), Karlheinz Wagner (Sport), Martin Oehlen (Kultur), Claudia Lehnen (Magazin, Panorama), Peter Berger, Petra Pluwatsch (Chefreporter), Klaus Schröder (Produktion). Korrespondent in der Landeshauptstadt Düsseldorf ist Fabian Klask. Geschäftsführer ist Philipp M. Froben, Verlagsleiter Karsten Hundhausen, der gemeinsam mit Marco Morinello auch den Mediaverkauf verantwortet. Für Vertrieb und Marketing ist Carsten Groß zuständig. Die Zeitung, die in der DuMont Mediengruppe erscheint, hat gemeinsam mit der "Kölnischen Rundschau" eine verkaufte Auflage von 275.105 Exemplaren (laut IVW 1/2016).

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