Vorsicht, böse Satire: Mit Recht zum miesen Image?

13.06.2016
 
 

Böhmermann hat seine Schlagzeilen vorerst hinter sich und schwappt selbst noch ein wenig mit "Sprechdurchfall" ("Tages­spie­gel") gegen Merkel nach. Erdogan ist gerade in der ersten Instanz damit ge­scheitert, Döpfner den Mund zu ver­bieten. Und vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht noch in Sachen Kachelmann entschieden. Immer wieder streiten Prominente medienwirksam. Ob und wem das nutzt oder schadet, das hat unsere Autorin einmal satirisch böse betrachtet – und will inkognito bleiben.

Ein kurzer Prolog: Alles, was Sie jetzt lesen, ist anonym und allgemein. Es geht hier nicht um bestimmte Personen. Es geht um Fälle, in denen Anwältinnen und Anwälte das Image ihrer Mandanten mit dem Recht ramponieren. Mit der geballten Rechts­kraft ihrer Advokatur schlagen sie Dellen in deren schöne Politur. Persön­lich soll hier niemand ange­griffen werden. Es geht ums Prinzip, um die Kultur der Rechts­pflege und die "ars vivendi" des Presse­rechts, nicht um das rein Juristische, sondern um PR-Wirkung. Die Beispiels­fälle sind typische Fälle, fiktiv gezeich­net und satirisch zu­sam­men­gebaut, um das Problem ganz all­gemein dar­zustellen. Und gegen Satire wird ja wohl keiner vorgehen wollen.

Kann eine prominente, allseits beliebte Schauspielerin es wirklich wollen, dass ihre Anwältin eine arme Rentnerin abmahnt oder sogar gleich verklagt? Nur weil die alte Dame auf ihre Website ein Foto der von ihr ver­ehrten Schauspielerin von deren Website herüberkopiert, also gestohlen hat? Wird ein Schrift­steller es gutheißen können, dass in seinem guten Namen Hunderte von kleinen Läden und Kindergärten Post von seinem Anwalt bekommen, nur weil die aus aller­größter Sympathie für diesen Autor den Namen einer seiner Roman­figuren in ihren Firmen­namen benutzen?

Ist es weise, im Namen eines Stars einem Fan-Klub verbieten zu wollen, sich mit dem Namen des um­schwärmten Stars zu schmücken? Ist ein beleidigter Großfürst aus rein staats­männi­scher Sicht und vor dem Hintergrund wichtiger internationaler Entscheidungen wirklich gut beraten, wenn er gegen einen kreischenden Affen und einen Bei­fall spendenen Papagei vor Ge­richt zieht? Und dann sogar scheitert?

Manchmal wissen die Mandanten nichts von den Taten ihrer Advokaten

Das alles ist aus Sicht der öffentlichen Wirkung nicht nur frag­würdig, es ist ein wenig absurd, paradox und welche Wörter noch zu finden sind für solche PR-Meister­­stücke: Fiat iustitia, ruat caelum! Auch wenn der Himmel über den Mandanten, vor allem den prominenten, zusammenstürzt, die Anwältin und der Anwalt schweben darin auf Wolke 7, weil sie in einem spektakulären Fall ihrem Schützling medien­wirksam zur Seite ge­standen haben und sogar gewinnen. Zur Seite? Oftmals ist infam zu vermuten oder boshaft zu spekulieren, dass diese Mandanten manchmal erst von dem helden­haften Zur-Seite-Stehen erfahren, wenn das auf einer Seite steht – bei einer großen Zeitung, Zeitschrift oder im Web. Eine schöne Über­raschung! Da braucht man keine Feinde mehr, wenn man solche Anwäl­tin­nen und Anwälte hat.

Wer nicht schon "bei 1" auf den Bäumen ist ...

Nun hat ja manche Kanzlei ihre Ab­mahn­erei oder Klagerei gegen jeden, der nicht be­reits bei 1, statt erst bei 3, auf den Bäumen (des Blätter­waldes) war, für ihre prominenten Klienten letztlich so weit getrieben, dass über diese Prominenten nach sehr vielen nervigen "1"-Rufen niemand mehr berichtet hat. Damit haben sich dann diese Anwälte den Ast abgesägt, auf dem sie saßen (obwohl sie selbst gar nicht bei 1 auf den Bäumen sein mussten).

Ganz ehrlich: Solche Anwälte haben Großes für das Recht geleistet, denn die Klagerei war meistens völlig rechtens und hat das Medienrecht weiterentwickelt. Das ist keine Frage! Aber nutzte es unterm Strich der Mandant­schaft? Oder – wie die Führungs­elite der Wirtschaft und Politik heute so gern daher­redet – nutzte es "am Ende des Tages"?

Nur mal angenommen: Da plant irgend ein prominentes und beliebtes Paar seine Hochzeit. Die vielen Millionen Fans freuen sich. Doch die Presse darf über dieses selbstverständlich private Ereignis nicht berichten; und so gibt es auch keine Fotos für die Fans – oder nur exklusive in einer einzigen Zeitschrift, die im Gegenzug dafür die Hochzeits­feier ein wenig sponsort.

Vermutlich wird es aber nicht im Sinne des Hochzeitspaares sein, wenn schon Wochen vor der Hochzeit Drohbriefe der Rechts­anwältin des prominenten Paares in alle einschlä­gigen Redaktionen geschickt werden: "Wehe, Sie berichten und lassen Fotos machen oder publizieren sie. Dann knallt’s." Wörtlich steht das natürlich nicht so drin, aber sinngemäß oder es wird so empfunden. Fördert das denn das Image? Oder verbeult es nicht eher die gute Außendarstellung? Verärgert das nicht womöglich sogar die wohlge­sonnenen Journa­listinnen und Journalisten?

Es geht auch freundlich und bestimmt

Es gibt nun auch viele Fälle, in denen der präventive Hinweis sicherlich not tut: Das uneheliche, heimliche Kind des Bundes­tagsabgeordneten, der geheime Kindsvater der Tochter einer Ministerin oder einer Showmasterin. Auch die sexuellen Orientie­rungen, perversen oder leiden­schaftlichen privaten Hobbys irgendwelcher Promi­nenter gehen niemanden etwas an; es sei denn, die Prominenten gehen mit ihrem Privat­leben selbst hausieren. Aber bedarf es dann böser Präventivschläge? Auch ein freundlicher, aber klarer Brief kann auf die Intims- oder Privatsphäre der Mandant­schaft hinweisen, ohne gleich einen deftigen Imageschaden zu verursachen.

Die meisten Jornalistinnen- und Journa­listen akzeptieren schon aus eigener Über­zeugung, dass gewisse private Dinge nicht an die Öffentlichkeit gehören. Die meisten. Sonst begönne eine große Schlammschlacht, bei der viele im Morast ersticken. So bleiben Hunderte hochinteressanter Klatsch- und Tratschnachrichten im kleinen Kreis von informierten Medienschaffenden. Und das ist meist auch besser so.

Das gute Verhältnis zur Presse pflegen

Kurz zurück zum freundlichen Brief: Eine große Kanzlei, die Urheberrechts­ver­letzungen an Fotos verfolgt, also dem Bildklau auf der Spur ist, schreibt den "Dieben" erfreulich freundliche Briefe, in denen sie zwar herz­lich um das Fotohonorar bittet, aber die (viel gebühren­trächtigere) Unterlassungs­erklärung ganz ausdrücklich nicht fordert. Denn: Die Mandatschaft will ja auch weiterhin Fotos verkaufen und darum ein gutes Ver­hältnis zu den "Dieben" pflegen. Das geht also auch.

Ein gemeiner Verdacht: Oft geht es in so manchen bösen Vorab­mahnungen mancher Kanzleien womöglich etwas mehr darum, sich selbst zu brüsten, und viel­leicht etwas weniger um den Mandantenschutz. Dieser Eindruck entsteht, jedenfalls, was den Ton so mancher Vorab­mahnung betrifft.

Journalistinnen und Journalisten wüssten schon ganz gern einen sachlichen, vernünf­tigen Grund, warum die Hochzeit eines Top-Prominenten völlig ohne Öffentlichkeit, ohne Presse statt­finden soll. Dass das so in dieser Absolutheit in aller Regel auch schwer möglich ist, weder faktisch, noch juristisch, müssten Anwältinnen und Anwälte ihrer Man­dant­­­schaft erklären können, statt ihnen vielleicht vorzu­gaukeln, sie könnten sie stets vor jeglicher Unbill be­wahren.

Große Arenen als Heilige Hallen – Fragestunden als Farce-Runden

Kommen wir von Hochzeiten zu anderen spekta­ku­läreren Ereignissen: zu öffent­lichen Auftritten weltbekannter Künstler. Ganze Konzerthallen, riesige Stadien werden von Anwältinnen und Anwälten der Super-Stars zu Maulkorb- und Zensurgebieten erklärt. Kommentare müssen positiv sein, Fotos dürfen nur wunder­schöne, charis­ma­tische Antlitze der Super-Stars zeigen, nicht deren vielleicht kaputte, abge­wetzte Visage.

Apropos Charisma: In Presse­konferenzen oder Fragestunden stehen Wirtschaftsbosse immer öfter nur für Fragen zur Verfügung, die zuvor einge­reicht, bewertet und für den großen Boss medien­wirksam und unangreifbar von Experten beantwortet werden. Die Anworten liest der Guru einer ganzen Wirtschaftsbranche praktisch vom Blatt ab und lässt andere oder weitere Fragen nicht zu. Ist das gut fürs Image – und damit fürs Geschäft? Die Antwort darauf ist wie so oft selbst­verständlich vom Einzelfall abhängig. Aber dieser PR-Einzelfall ist für solche Juristen und Juristinnen schwer zu beantworten, die ihren Blick rein juristisch ausgerichtet haben und eben alles verklagen oder vorabmahnen, was nicht schon "bei 1" auf den Bäumen ist.

Echte Namen als streng geheime Daten

Um ihre Privatsphäre zu schützen oder klarzumachen, dass die öffentliche Rolle nicht mit ihrer privaten vermischt oder verwechselt werden soll, treten ja viele Stars schon seit zig Jahren unter Künstler­namen auf, also einem Pseudonym. Das ist oft sinnvoll und zweckmäßig, vor allem wenn man Gerhard Höllerich, Ludwig Franz Hirt­reiter oder Ferdinand Maximilian Neumayer heißt. Horst Köhler geht ja da gerade noch.

Doch da stellt sich vielleicht die Frage, ob der womöglich saublöde Klarname, die wahre Identität, geheim bleiben darf oder muss, um das Private zu schützen. Prinzi­piell eine gute Idee; das schafft klare Grenzen zwischen Bühne und Wohnzimmer. Aber dann stellt sich weiter die PR-Frage: Mit wel­cher Waffengewalt soll sich der Geheim-Star wehren, wenn nun doch mal jemand ohne Arg das Rumpelstilzien beim richtigen Namen nennt. Darf die Anwäl­tin dann das gute Image der pro­minenten Kunst­figur aufs Spiel setzen? Schadet ein Kampf gegen die Presse wo­möglich dem guten Ansehen?

Am Ende dieser satirischen Betrachtung, dieses "moralinsaueren Wortes zum Sonntag" steht die Gretchen-Frage: Stellen sich Anwältinnen und Anwälte überhaupt die Frage nach der Poli­tur ihrer Mandanten? Und stellen sie diese Frage ihren Mandanten, wenn sie zuschlagen? Das ist das Problem, um das es hier geht: die Frage nach der PR-Wirkung, nicht danach, ob das alles rechtlich zulässig ist. Das ist es ja meistens – zweifelsohne.

Schließlich der Epilog: Weil auch die Autorin dieses Beitrages ihre Privatsphäre schützen will, weil sie vielleicht Angst vor "anwaltlichen Stalkern" hat, oder viel­leicht einfach nur, weil – wie manche Medienanwälte manche Ansprüche gern begründen – schlichtweg ein verfassungsmäßiges Recht darauf hat, ihren Namen zu verschweigen, schreibt sie hier unter Pseudonym, unter einem Namen, den es in Wahr­heit nicht gibt, der rechts­literarischen und satirischen Kunstfigur

TrueBertus Albern

 

Ihre Kommentare
Kopf
Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

14.06.2016
!

Warum bloß kommt mir gerade Hubertus Albers in den Sinn?


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