Publizist Christian Schüle: "Wir haben Differenz, Differenzierung und geistige Noblesse verlernt"

 

Im Vorfeld des Mainzer Medien-Disputs in Berlin geht der Autor und Publizist Christian Schüle im Gespräch mit kress.de mit den Medienschaffenden hart ins Gericht.

"Diskurs ist mühsam und erfordert Haltung, hohen Ton, langen Atem und die spielerische Lust an Gegensätzen und ihrer Versöhnung. In einer geistfeindlichen Epoche, da der totale Boulevard selbst die Qualitätsmedien kolonisiert hat, da zunehmend mehr Zeitgenossen in Diffamierungen ihr billiges Heil finden und eine zwanghafte Gewinnerkultur nur noch nach verwertbaren Helden und Loosern sucht, haben wir Differenz, Differenzierung und geistige Noblesse verlernt", sagt der Autor und Publizist Christian Schüle im Vorfeld des Mainzer Medien-Disputs in Berlin (14. Juni, 19 Uhr).

Christian Schüle, Jahrgang 1970, hat in München und Wien Philosophie und Politische Wissenschaft studiert und ist freier Autor und Publizist. Seine Essays, Feuilletons und Reportagen wurden mehrfach ausgezeichnet, laut JournalistenPreise.de unter anderem mit dem Hansel-Mieth-Preis für Reportage und dem Erich-Klabunde-Preis. Darüber hinaus war er dreimal für den Egon-Erwin-Kisch- bzw. den Nannen-Preis nominiert. Christian Schüle hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem "Deutschlandvermessung. Abrechnungen eines Mittdreißigers", "Das Ende der Welt. Von Ängsten und Hoffnungen in unsicheren Zeiten" oder "Wie wir sterben lernen. Ein Essay" erschienen.

kress.de: Herr Schüle, warum ist der kontroverse Diskurs zu zentralen Konfliktthemen in Medien und Öffentlichkeit 'notleidend'?

Christian Schüle: Weil man immer stärker Emotionen, Moral und der Gesinnung das Feld überlässt. Diskurs heißt Streit der Argumente, heißt die Bereitschaft, sich auf das intellektuell Andere, auf den weltanschaulich Andersplatzierten, auf das fremde Sach-Argument einzulassen. Diskurs ist mühsam und erfordert Haltung, hohen Ton, langen Atem und die spielerische Lust an Gegensätzen und ihrer Versöhnung. In einer geistfeindlichen Epoche, da der totale Boulevard selbst die Qualitätsmedien kolonisiert hat, da zunehmend mehr Zeitgenossen in Diffamierungen ihr billiges Heil finden und eine zwanghafte Gewinnerkultur nur noch nach verwertbaren Helden und Losern sucht, haben wir Differenz, Differenzierung und geistige Noblesse verlernt. Zudem basiert die deutsche Art von Debattenführung auf der Konfrontation geschlossener Weltbilder. Die Re-Ideologisierung des Politischen mündet entweder in Apathie oder Hass und endet irgendwann berechenbar bei Hitler. Wer Nazi sagt, hat ja immer Recht. Guter Diskurs findet übrigens durchaus in der zweiten Öffentlichkeit statt: in evangelischen oder katholischen Akademien, auf Tagungen und Symposien, denen in der impulsüberfrachteten Massenproduktion allerdings passende PR zur öffentlichen Durchschlagskraft fehlt.

Welche Defizite, Schwachstellen und Handicaps identifizieren Sie als Ursachen für die Diskurs-Armut?

Christian Schüle: Mangel an Zeit, Mut und Bildung. Wir leben in einer weitgehend entintellektualisierten Ära; wissenschaftsskeptisch, elitenfeindlich, postmetaphysisch. Die Behauptung großer Zusammenhänge ruft Ablehnung hervor, Wahrheit ist kein Gegenstand diskursiver Suche nach intellektueller Neubegründung mehr. Ersetzt wurde der große Wurf durch eine Vielfahl kleiner (oft affirmativer) Narrative, deren Halbwertszeit manchmal nur Stunden zu veranschlagen ist, bis sie der kollektiven Amnesie anfallen. Verdichtung von Raum und Zeit, permanenter Zeitmangel und ein Kolonisierung aller Lebenswelten durch das ökonomische Prinzip der Kosten-Nutzen-Kalkulation führen zur Angst vor Festlegungen und Positionen, die nicht sofort auf Zustimmung (und also Käuferschaft) stoßen. Diskurs heißt Fähigkeit zur Dialektik, heißt Geist, nicht Zeitgeist. Die Komplexität einer Sache lässt sich niemals auf eine Schlagzeile reduzieren. In Deutschland ist Streit negativ konnotiert, Scheitern wird sozial geächtet, und statt öffentlicher Auseinandersetzung bevorzug man die verlogene Harmonie vermeintlicher Geschlossenheit. Schließlich hat die Figur des öffentlichen Intellektuellen in Deutschland keine Aktien mehr. Es fehlt schmerzlich der gute alte Schirrmacher, und ein neuer ist leider nicht in Sicht. Precht und Safranski als Philosophen – damit ist die Malaise verkörpert.

Wer will denn wem welche Wahrheiten nicht zumuten?

Christian Schüle: Der Begriff "Wahrheit" ist schwierig, weil er Objektivität voraussetzt. Die peinvollste Dummheit einer entintellektualisierten Epoche ist der Rückfall ins reaktionäre Rechts-Links-Denken, das jeweils seine Wahrheit zementiert und in Erz meißelt. Die reflexhafte Gleichsetzung von Kritik an anderen Sitten, Werten, Religionen und Völkern mit faschistoidem Rassismus ist ebenso billig wie die undifferenierte Anklage des Humanitarismus und Humanismus als Vorboten der Apokalypse. Das Lagerdenken radikalisiert sich gerade, die Simplizität des Denkens ist erschreckend, Vermittlung wird schwierig. Vermittlungsarbeit aber wäre ja gerade das Betriebssystem des Diskurses.

Die so entstehende geistige Grobheit ermöglicht keinerlei Offenheit für das Gegenteil mehr. Von der alten Idee eines Funkenschlags des besseren Arguments – welches alle einsehen –, egal aus welcher Ecke es stammt, sind wir Lichtjahre entfernt. Lagerzugehörigkeit ist heute wieder wichtiger als geistige Unabhängigkeit. Es wird sofort gemeint und geurteilt, statt gewusst und gedacht. Dazu kommt der Zwang zur unbedingten Schlagzeilen-Verkürzung ("Gauland beleidigt Boateng"), der Ja-Nein-Dualismus einer wirkmächtigen Demoskopie mit geschlossenen Fragestellungen ("Macht Merkel ihre Arbeit gut?") und die Entmündigung des Bürgers als Leser und Zuschauer, komplexe Sachverhalten durchdringen zu können, wenn jedes Fremdwort als Angriff auf die Menschenwürde verstanden wird. Die Entwertung des Öffentlichen (neben Diskussion und Repräsentation einer der drei Pfeiler von Demokratie) durch die veröffentlichte Meinung scheint mir besorgniserregend.

Wie bewerten Sie die Auslagerung von Diskussionen in isolierte, nicht miteinander verbundene Parallelwelten?

Christian Schüle: Im Prinzip ist alles gut und recht, was den Austausch unterschiedlicher Sichtweisen in Gang bringt, vorantreibt und aufrecht erhält; eine Gesellschaft, die sich nicht mit sich selbst über ihre Grundlagen verständigt, ist tot. Die Feuilletons der großen Zeitungen setzen leider immer noch auf Sparten-Rezensionen statt auf Essays, die Wissenschaft, Technik und Politik als Kulturgut begreifen; im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird die Reflexion, so überhaupt ins Programm gehoben, in die Nacht verlegt. Und die Inflation von Krimi, Quiz und Fußballerei vor dem Hintergrund heiliger Quoten-Idiotie lässt einen schier verzweifeln; wohingegen, wie in Frankreich, hierzulande eine philosophische débat zur öffentlich-rechtlichen Primetime unvorstellbar ist. Man kann vor diesem Hintergrund den öffentlich-rechtlichen Hörfunk nicht oft genug loben und vor Controlern und Betriebswirtschaftlern an der Spitze der Anstalten warnen.

Womöglich gibt es die Eine Welt nicht mehr, womöglich bilden Parallelwelten den Pluralismus der Gegenwart am besten ab. Wichtig wäre also der Versuch, die Isolation aufzuheben, die vielfältigen Diskürschen aus den Hinterzimmern zu holen und in einem großen Forum zu verknüpfen – eine Art Deutschlanddiskurs, aber ergebnisoffen. Der nächste Schritt bestünde dann im Europa-Diskurs mit allerlei Nachbarn.

Haben "soziale Medien" mit Unterstützung der etablierten Medien eine neue Empörungskultur geschaffen, die Dialoge ersetzt?

Christian Schüle: Soziale Medien sind Fluch und Segen zugleich. Sie sind interessante Katalysatoren, die Narrative in kürzester Zeit ausrufen, beschleunigen und bedeutsam werden lassen können, es aber allzu oft bei kurzfristiger Moralisierung und wohlfeilem Gesinnungs-Furor belassen ("Mein Nachbar Boateng"). Die Gatekeeperfunktion der klassischen Redaktionen ist mittlerweile ebenso außer Kraft gesetzt wie das Monopol der alten Medien auf Agenda-Setting. Die Diversifizierung der Plattformen ermöglicht für jede Interessen-Gruppe höchstmögliche Affirmation ihrer Interessen; Kritik und Selbstkritik ist selbstredend unschick, unerquicklich, riskant und erfüllt in einer auf das Entweder-Oder, Freund-Feind-Schema ausgerichteten Twitter- und Facebook-Zeitalter kaum das Bedürfnis nach sofortiger Belohnung. Daumen hoch, Daumen runter ist ebenso primitiv wie Empörung um ihrer selbst willen. In den dauererregten Eklat- und Anklage-Netzwerken findet Dialog in Form einer Kommunikation als gemeinschaftsbildende Verhandlung der Res Publica, des für alle geltenden Gemeinwohls der Polis, nicht mehr statt.

Warum meidet die etablierte Politik ungefilterte Debatten - intern und extern - und favorisiert die "diskussionslose Geschlossenheit"?

Christian Schüle: Ungefilterte Debatten bergen die Gefahr von Irrationalitäten und verbalen Irrläufern, die in der medialen Verwertungskette skandalisiert und somit unkontrollierbar werden, weswegen eine Partei permanent mit höchsten Aufwand an Richtigstellungen, Korrekturen und Relativierungen statt mit konstruktiver Politikgestaltung beschäftig wäre. Meines Erachtens tragen die meisten der auf Eklats und Emotionen abonnierten Massenmedien, die vornehmlich an Scoops, Sensationen und Personen-Gossip interessiert sind, einen Großteil der Diskursverweigerung etablierter Politik bei. Wenn jede Silbe sofort auf der Goldwaage liegt, jedes Wort per Twitter gedreht, gewendet und interpretiert wird – welche Kraft und Zeit müsste Politik aufbringen, um diesen leerlaufenden Wahnsinn wieder zu rationalisieren? Es werden ja permanent hundert Säue zugleich durchs Dorf getrieben. In gewisser Weise spielt die vorauseilende Selbstdisziplinierung den Parteivorsitzenden in die Hände, die umso straffer führen können, weil sie keine Stellung zu beziehen brauchen (das Prinzip Merkel) oder durch Markigkeit Themen setzen und sonnenkönigshaft die Empörungsmaschine in Gang bringen können (das Prinzip Seehofer). Weil sie intellektuell entkernte Machtverwaltungs-Gruppen sind, fehlen den Parteien heute Personen, die das Unbequeme einfordern, die den Schulterschluss mit der Wissenschaft suchen, die zeit zur Erklärung und Aufklärung fordern oder moralisches Vorbild-Räsonnement durch Werthaltung repräsentieren (das Prinzip von Weizsäcker und Helmut Schmidt).

Wie lässt sich die grassierende Diskurs-Allergie aus Ihrer Sicht therapieren?

Christian Schüle: Durch Desensibilisierung. Durch Spritzen in verträglichen Diskurs-Dosierungen über längere Zeiträume hinweg. Durch Vertrauen in die geistigen Fähigkeiten der Leser, Hörer und Zuschauer. Durch Mut der Redakteure zum Ungefälligen, Riskanten, Gewagten. Ich bilde mir ein, dass gerade durch diskursive Verhandlung der großen Themen Lebensarbeitszeit oder Gerechtigkeit in Zeiten permanenter Migration oder Europa in der Epoche nationalistischer Populisten oder Ethik der Robotik – zu jenen Themen also, die jenseits der Nationalmannschaft und des Dschungelcamps uns alle betreffen! – die Zeitungen oder Online-Abos höhere Auflagen erreichen könnten, dass gerade durch die Neubegründung des Diskurses die von vielen vermisste geistige Auseinandersetzung stattfindet – in einer Zeit, da Politik wieder existentiell geworden ist. Vielleicht fehlt ja nur ein kleines Kollektiv an verantwortungsvollen, ideologisch freien Köpfen, die sich jenseits ihrer eigenen politischen Ansichten zu einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs verabreden und es auf sich nehmen, das Projekt nachhaltig zu moderieren. Das geneigte Kopfnicken der Medien- und Verlags-Konzernchefs böte Chefredakteuren die Sicherheit, auch jenseits der Produktverkäuflichkeit etwas vermeintlich Unverkäufliches zu wagen. Bietet man den Konsumenten nicht leichten Konsum, sondern herausfordernde Inhalte an, fühlen sie sich überraschend bereichert; je öfter das geschähe desto selbstverständlicher würde es. Qualität spricht sich herum. 

Mainzer Medien-Disput am 14. Juni in Berlin

"Zwischen Debatten-Allergie und Bekenntnis-Ritualen - Welchen Mehrwert hätten Diskurse für eine vitale Demokratie" lautet das Streit-Thema beim Mainzer Medien-Disput am 14. Juni um 19 Uhr in Berlin. Mit SWR-Chefreporter Thomas Leif und der neuen stellvertretenden "taz"-Chefredakteurin Katrin Gottschalk diskutieren Anne Wizorek (#Aufschrei), der Publizist und Autor Wolfgang Herles (früher "ZDF Aspekte", Buch: "Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik"), Albrecht von Lucke, Redakteur "Blätter für deutsche und internationale Politik", und der "FAZ"-Journalist und Buchautor Stefan Schulz ("Redaktionsschluss - Die Zeit nach der Zeitung").

Der Mainzer Medien-Disput ist die wichtigste Diskussions-Plattform zum Austausch über medien- und gesellschaftspolitische Grundsatzfragen in Berlin. kress.de ist Partner vom Mainzer Medien-Disput. Anmeldungen für den MMD am 14. Juni um 19 Uhr in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund, In den Ministergärten 6, in Berlin, sind per Email unter veranstaltungen(at)lv.rlp.de möglich. Die Teilnehmerzahl ist aus Raumgründen begrenzt.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.