Richard Gutjahr über "Influencer Marketing": Verflixt und zugemüllt

 

Haben Sie sich mal gefragt, weshalb Online-Werbung so nervt? Warum sich mittlerweile jeder vierte Deutsche nicht mehr anders zu helfen weiß und einen Adblocker nutzt? Nennen Sie mich verrückt, aber ich hätte da so eine Theorie: Weil Online-Reklame unfassbar primitiv ist! Weil sie ihre Betrachter anbrüllt. Weil sie blinkt, verfolgt, Bildschirme verdeckt, einen quasi visuell vergewaltigt nach dem Motto: SCHAU! MICH! AN!

Nicht anders die PR-Arbeit im Digitalzeitalter. Fast jede zweite Mail in meinem Posteingang eine unerwünschte Pressemitteilung. Mit aufwühlenden Headlines wie: "Gesundheitskiller High Heels: Podoätiologe klärt über Risiken auf" oder auch "Treuer Skorpion, sexy Krebs - So schätzen sich die Sternzeichen selbst ein". Sie fragen sich: Wie kommt jemand wie ich an solche Top-Insider-Informationen? Hat Gutjahr einen unfairen Wissensvorsprung? Wo muss ich unterschreiben?

Liebe PR-Profis. "Presse"-mitteilungen. Really? Als hätte gerade das Jahr 1985 angeklopft. Mit einem Unterschied: Heute müllt Ihr nicht mehr nur Redaktionen zu mit Eurer belanglosen Phrasen-Prosa; heute zielt Ihr direkt auf die Journalisten, die Influencer, die Multiplikatoren, die Kress-Köpfe. An die persönlich ranzukommen ist knifflig, nicht nur, weil Bianca "Bibis Beauty Palace" Heinicke kein Fax-Gerät besitzt (Die gute Bibi, Jahrgang 1993, weiß vermutlich noch nicht einmal, was ein Fax ist). Was also tun?

Influencer-Marketing ist der neueste heiße Scheiß in der Werbe- und PR-Industrie. Das haben mittlerweile auch die PR-Zulieferer erkannt. Die handeln heute nicht mehr nur mit Fax-Nummern von Redaktionen, sondern auch mit E-Mail-Adressen von Bloggern. Persönlichen E-Mail-Adressen wohlgemerkt, wie zum Beispiel mit meiner. Warum? Vielleicht weil der Praktikant irgendwo gelesen hat, dass kressPro mich aktuell auf Platz 28 der Top-Influencer im Netz listet? Ey, kress: Danke!

Wie ich durch querulantes immer-wieder-Nachhaken in Erfahrung bringen konnte, kommen diese Datenbanken oft durch fragwürdige Methoden zustande. Da werden wahllos Informationen aus dem Netz gefischt und ohne Zustimmung der Betroffenen als Premium-Profile verkauft. Einwilligungen werden dreist erschlichen. Das ganze Elend habe ich drüben in meinem Blog beschrieben.

Von "Einzelfällen" spricht der Datenbroker Meltwater. Einen "Graubereich" nennt man das bei CISION. Rechtsanwalt Udo Vetter von law-blog.de hat drei andere Worte dafür: "Illegal, illegal, illegal!".

Aber halten wir uns nicht mit so banalen Dingen wie Gesetzen auf - viel spannender doch die Frage: Warum ist das so? Warum arbeiten Werber und PR-Agenturen heute noch mit Betrugsmethoden, die selbst den Managern bei VW peinlich wären? Wie müsste man ein Angebot gestalten, damit ich als Journalist davon profitiere, in einer solchen Datenbank geführt zu werden - am Ende vielleicht sogar dafür zahle?

Mein Rat an alle Adressenhändler: Schaut Euch noch einmal Häuser wie Facebook, Google oder Amazon an und fragt Euch: Wieso lassen die Nutzer dort gerne ihre Daten? Wieso bringt es mir was, mein Portfolio bei LinkedIn zu hinterlegen? Müsste Euer Anspruch nicht sein, für Journalisten wie für Firmen derart sexy zu sein, dass man Euch gerne nutzt - eine Art Tinder für Journalisten? Stattdessen zementiert Ihr Euren zwielichtigen Ruf auch in der digitalen Welt irgendwo zwischen Gebrauchtwagenverkäufer und Daten-Zuhälter.

Bei meiner Suche nach der Ursache für all den Werbemüll in meiner In-Box wurde ich von den verantwortlichen Firmen immer wieder abgewimmelt. Also habe ich vor ein paar Tagen einen Top-Manager von CISION Germany persönlich angerufen, früh morgens, auf seinem Mobiltelefon. Ein guter Typ, wie sich herausstellte, wenn auch leicht irritiert über meinen Anruf. Die erste Frage des Datenhändlers: "Woher haben Sie diese Nummer?" (für Neugierige: hier ist sie)

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