Jessica Schwarzer im kress.de-Porträt: Von klein auf von Finanzthemen fasziniert

16.06.2016
 

Seit einigen Wochen hat Jessica Schwarzer, Chefkorrespondentin der Wirtschafts- und Finanzzeitung "Handelsblatt", einen weitere Posten inne: Sie ist Leiterin "Journalismus Live". Was das genau bedeutet, wie wichtig Streitkultur ist und warum Frauen die besseren Anlegerinnen sind, erzählt sie im Gespräch mit kress.de.

Als Kind ist sie mit dem Fahrrad von Bank zu Bank geradelt und hat die besten Zinsen für ihr Erspartes verhandelt. Irgendwann kam der erste Fonds und, da war Jessica Schwarzer zwanzig, die erste Aktie. Telekom. Es erstaunt nicht, dass das von Geld und Wirtschaft faszinierte Kind zu einer leidenschaftlichen Börsianerin und zur kompetenten Chefkorrespondentin des "Handelsblatts" wurde.

Sparringspartnerin für Journalisten

"Als ich mit Anfang 20 ein Praktikum bei der Verlagsgruppe Handelsblatt angefangen habe, dachte ich eigentlich, dass ich über Politik oder Karrierethemen schreibe. Aber dann bin ich schnell bei Börsenthemen und dem Neuen Markt gelandet – und im Gegensatz zu vielen anderen, die mit dem Crash von der Börse geflohen sind, bin ich dabei geblieben. So nahm das Schicksal seinen Lauf." Der momentane Stand des Schicksals: Als Leiterin "Journalismus Live" wird Schwarzer für die richtige Inszenierung der "Kombination aus Wissen, Inspiration und Begegnung" sorgen.

Derzeit veranstaltet das "Handelsblatt" etwa 200 Veranstaltungen – von klassischen Konferenzen bis zum öffentlichkeitswirksamen und stets prominent besetzten "Deutschland Dinner". Damit alle Veranstaltungen künftig einen noch stärkeren journalistischen Fokus bekommen, wurde die neue Position geschaffen, in der Schwarzer "nicht nur der Sparringspartner für den Veranstaltungsbereich Face-to-Face, sondern auch für die Journalisten" sein will.

Lebendige Debatten statt Frontalbeschallung

Der Weg für "Journalismus Live", findet sie, sei klar und bereits geebnet: "Von Veranstaltungen mit Frontalbeschallung, trockenen Podiumsdiskussionen und einschläfernden Vorträgen haben wir uns bereits in den vergangenen Jahren sehr weit entfernt. Stattdessen möchten wir unserem Publikum lebendige Debatten, kontroverse Streitgespräche und spannende Interviews auf der Bühne bieten. Dabei wollen wir unsere Leserinnen und Leser einbeziehen und ihnen eine Plattform für den Austausch von Fakten und Meinungen geben."

Ein Austausch, der, wenn es nach Schwarzer geht, auf der Bühne im Ton durchaus mal lebhafter werden darf. Lebhafter und, so erstaunlich das bei den Themen Wirtschaft, Geld und Börse anmutet: emotionaler. Für die Börsenexpertin ist das kein Widerspruch. "Heutzutage braucht es ein wenig Action auf der Bühne, sonst schläft das Publikum ja ein. Wenn man mit aktuellen Themen arbeitet, die inhaltlich nah an den Kernthemen von 'Handelsblatt' und 'WirtschaftsWoche' sind, ein Podium zusammenstellt, bei dem nicht alle einer Meinung sind, schöne Streitgespräche zulässt und dazu noch Filme und Musik einbindet und das Ganze interaktiv gestaltet – dann geht das!"

Börse emotional erlebbar machen

Schwarzer wirkt wie ein Mensch, dem das gelingen kann. Vor Veränderungen in ihrem Berufsbild jedenfalls hat sie keine Angst. "Meinen allerersten Artikel hab ich für die 'Rheinische Post' geschrieben, das war Mitte der neunziger Jahre. Da habe ich noch grüne Buchstaben auf einen schwarzen Bildschirm getippt. Wenn Sie mir damals gesagt hätten, dass ich mal auf einer Bühne oder vor einer Kamera stehen würde ... Aber natürlich wächst man da rein, heute arbeiten wir multimedial und bedienen alle Kanäle – vom gedruckten Artikel, über unsere Apps und Bildergalerien bis hin zu Videoformaten."

Oder schreiben Bücher, ganz nebenbei. Drei sind es im Falle von Jessica Schwarzer. "Das kostet natürlich viel Zeit und Urlaubstage. Aber ich habe selbstverständlich auch Synergieeffekte genutzt und bin vom Verlag unterstützt worden." Schwarzer schreibt über Börsenweisheiten, Börsenpsychologie und Anlagetipps – locker im Ton, mit einer gesunden Mischung aus persönlichen Erfahrungen und fachlichem Rat. "Es war mir wichtig, dass die Leute Spaß haben beim Lesen. Ich kann sie bei einem Börsenthema mit Grafiken und langweiligen Zahlen totschlagen oder ich kann ihnen eine schöne Geschichte erzählen."

Mehr Frauen auf die Podien

Emotionalität, Psychologie und Börse – klingt nach dem Versuch, klassisch als "weiblich" definierte Themen in ein klassisch "männliches" Feld einzubringen. "Es ist sicherlich richtig, dass die Börse eine Männerdomäne ist", bestätigt Schwarzer. "Allerdings habe ich das nie als Nachteil erlebt. Ich persönlich kann auch die Diskussion über die mangelnden Chancen für Frauen in der Berufswelt nur begrenzt nachvollziehen. Ich hatte nie das Gefühl, übergangen oder bevorzugt zu werden, weil ich eine Frau bin."

Obendrein, so Schwarzer, seien Frauen die besseren Anlegerinnen. Weil sie strategischer, ruhiger und weniger gierig seien als Männer. Gibt es ein besseres Argument gegen rein männlich besetzte Podien? "Ich verspreche Ihnen, wir arbeiten daran", lacht Schwarzer. Auch das ein maßgeblicher Teil der Modernisierung, dem sich keine Branche verschließen kann. Die Entwicklung ist allerorten rasant. "Es ist wichtig, nicht nur in seinem Turm zu sitzen und seine Geschichten zu schreiben. Man muss Qualität liefern und neue Formate finden, um mit den Lesern ins Gespräch zu kommen. Ich glaube, dass Journalismus Live da ein sehr guter Weg ist."

Hintergrund:

Das "Handelsblatt" ist die größte Wirtschafts- und Finanzzeitung in deutscher Sprache. Sie erscheint montags bis freitags in der Verlagsgruppe Handelsblatt und wird von Dieter von Holtzbrinck verlegt. Die erste Ausgabe erschien im Mai 1946. Mittlerweile beschäftigt die Zeitung 200 Mitarbeitende weltweit und verkauft 123.739  Exemplare (IVW 1/2016). Mit monatlich bis zu 22 Millionen Visits und rund 100 Millionen Page Impressions ist Handelsblatt Online das führende Wirtschaftsportal in Deutschland.

Die Chefredaktion leitet Sven Afhüppe, seine Stellvertreter sind Peter Brors und Thomas Tuma. Herausgeber ist Gabor Steingart. Leiter Digital Transformation ist Jochen Bohle. Der im Frühjahr 2016 neu geschaffene Bereich "Journalismus Live" wird von Jessica Schwarzer geleitet, das Veranstaltungsmanagement obliegt Ines Alexander von Face-to-Face. 

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