Wege aus der Glaubwürdigkeitskrise: Fehler eingestehen und Transparenz schaffen

 

Erklärer, Aufklärer, "Lügenpresse". Die Rolle der Medien in der Demokratie polarisiert wie nie zuvor. Der große Turm der Glaubwürdigkeit wankt. In einer Podiumsdiskussion während der "Redaktionskonferenz Lokaljournalismus 4.0" in Gummersbach diskutieren Lokaljournalisten über Auswege, Lösungen und ihre Rolle in der Gesellschaft.

Wir sonnen uns im Schein des Artikels 5 des Grundgesetzbuches. "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten […]. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt." Ein Artikel, für den Deutschland von vielen Staaten beneidet wird. Wir Journalisten halten unsere Arbeit für so unersetzlich und wichtig, wie den Artikel selbst. Die Sache hat nur einen Haken: Abseits unserer Branche teilen nicht viele Menschen diese Ansicht. Der Journalismus ist in Verruf geraten, seine Glaubwürdigkeit kommt ins Wanken.

Während der "Redaktionskonferenz Lokaljournalismus 4.0", einer Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung, diskutieren Lokaljournalisten über Wege, das Kredibilitätsproblem zu lösen.

kress.de fasst die wichtigsten Aussagen zusammen.

Annette Binninger, Ressortleiterin der "Sächsischen Zeitung" in Dresden, sagt: "Wir in Sachsen waren das erste Bundesland mit der NPD im Landtag, bei uns hat auch die AfD ihren ersten Landtagseinzug gefeiert, wir sind die Pegida-Hochburg. Für Lokaljournalisten ist das nicht einfach. Wir haben uns zehn Jahre mit der NPD beschäftigt – irgendwann war das Thema dann vorbei und es kamen die Nächsten. Damals ging es um eine politische Ebene, auf der wir Populisten begegnet sind. Heute ist das anders. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir neben der Politik der Hauptangriffspunkt von Pegida sind. Es existiert mittlerweile eine klare Schere zwischen dem, was wir abbilden und dem, was die Leute empfinden. Natürlich gibt es auch uns zu denken: Machen wir alles richtig? Wählen wir die richtigen Themen? Ist unsere Darstellung korrekt? Sich zu hinterfragen ist wichtig – anzunehmen, wir wären frei von Fehlern, ist falsch."

"Wir kommen gestärkt aus der Sache hervor"

"Mittlerweile", führt Binninger weiter aus, "gehen wir mit Pegida anders um als noch vor einem Jahr. Wir suchen den Kontakt zu denen, die jeden Montag 'Lügenpresse' rufen. Wir wollen sachlich und auf Augenhöhe mit ihnen reden. Wenn Leute, die einem nicht ins Ohr brüllen, bei uns anrufen, fragen wir: 'Wo genau ist der Punkt, an dem Sie glauben, dass wir vorsätzlich die Unwahrheit geschrieben haben?' In einer Kolumne diskutieren wir jede Woche einen dieser kritischen Leserbriefe; wir suchen ganz bewusst den Dialog mit unseren Nutzern. Wir versuchen, die Abgewanderten zurückzuholen. Ich sehe keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken – wir kommen am Ende aus der Sache gestärkt hervor."

"Wir sind schlecht im Digitaljournalismus"

Henning Noske, Lokalchef der "Braunschweiger Zeitung", meint: "Da draußen liegt ein Journalismus vor uns, der mehr Menschen erreicht, als je zuvor! Den müssen wir wahrnehmen und die Chancen nutzen. Da gibt es ein Problem: Wir sind schlecht im Digitaljournalismus. Mit der enormen Geschwindigkeit, die das Internet bietet, halten wir nicht mit. Dabei liegt genau dort das Potenzial. Eine gute Geschichte wirklich schnell und transparent zu verbreiten und gleichzeitig auch noch mit den Nutzern in Kontakt treten, das geht nur online. Diese Geschwindigkeit setzt Journalisten unter Druck: schneller, umfangreicher, besser und trotzdem richtig! In der Entwicklung mit Populisten brauchen Redaktionen Courage. Wer als Journalist mit Selbstbewusstsein, Courage und Glaubwürdigkeit auf die Menschen zugeht und ihre Fragen beantwortet, an dem perlen die Vorwürfe ab", so Noske.

"Wenn wir den Lesern keine Antworten geben, verlieren wir sie"

"Diesem Dialog müssen wir uns stellen – wenn wir den Lesern keine Antwort geben, verlieren wir sie. Das darf nicht passieren. Populisten wird es immer geben: in den letzten Jahren war es erst die EU, dann Griechenland, jetzt die Flüchtlingsdebatte. Damit müssen wir uns abfinden. Am effektivsten ist die sachliche Diskussion – nicht über, sondern mit den Leuten."

"Wir müssen zeigen, dass wir die Wahrheit suchen"

Ekkehard Rüger, Alleinredakteur der "Westdeutschen Zeitung" in Burscheid, sagt: "Wir müssen eine neue Haltung zu neuen Phänomenen entwickeln. Journalisten müssen weg von ihrer Welterklärungshaltung – wir erklären den Lesern nicht alles. Wir müssen zeigen, dass auch wir die Wahrheit suchen. Es ist nicht so, dass alle Menschen begeistert sind, wenn mehr Flüchtlinge zu uns kommen. Die Geschichte kann man auch so erzählen – sachlich von beiden Seiten. Wir müssen nach außen deutlich machen, dass auch wir nach der Wahrheit suchen und es immer verschiedene Perspektiven zu der Wahrheit gibt. Eine Ursache des Problems ist auch die Haltung vieler Journalisten die glauben, ihre Arbeit sei frei von Fehlern. Diese Haltung müssen wir ablegen und für den Leser greifbarer werden."

"Wir kommen aus einer Tradition, in der Journalisten keine Fehler machen dürfen"

David Schraven, Leiter des Recherchebüros Correct!v, erklärt schließlich: "Die Vorfälle der Silvesternacht in Köln sind ein gutes Beispiel dafür, wie der Mythos der Lügenpresse weiter an Popularität gewinnt. Die Polizeipressestelle ging von einer normalen Silvesternacht aus: ein paar Verletzte, einige Übergriffe, nichts Weltbewegendes. In der Nacht des Jahreswechsels gab es noch nicht viele konkrete Hinweise, sodass die Pressemitteilung am Morgen des 1. Januar ohne besondere Verweise verschickt wurde. Die Journalisten, die Neujahr gearbeitet haben, haben diese dann verarbeitet, ohne genauer nachzuforschen. Daraus entsteht später eine Diskrepanz und der Vorwurf, es wäre doch alles gelogen", kritisiert Schraven. 

"Man muss offenlegen, wie sich Fehler eingeschlichen haben"

"Als rauskam, dass Fehler passiert sind", so Schraven weiter, "sind Lokaljournalisten hingegangen und haben alles kleinlich aufgearbeitet – bis in kleinste Detail. Das muss man zeigen! Man muss offenlegen, wie sich Fehler eingeschlichen haben und was schiefgelaufen ist. Journalisten müssen Transparenz erzeugen und Fehler eingestehen. Das Problem ist, dass wir aus einer Tradition kommen, in der Journalisten keine Fehler machen dürfen – das ist doch Schwachsinn. Wir müssen ganz deutlich zeigen, welcher Aufwand betrieben wird, um die Geschehnisse aufzuarbeiten!"

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