Anne Wizorek (#Aufschrei): "Medien müssen wieder Mut zur Differenzierung, Einordnung und Haltung zeigen"

 

"Gerade auch klassische Medien müssen wieder Mut zur Differenzierung, Einordnung und Haltung zeigen, nicht jedes Narrativ ungeprüft übernehmen, ihre eigene Verantwortung z.B. bei diskriminierungsfreier Sprache ernst nehmen", sagt Anne Wizorek (#Aufschrei).

kress.de: Frau Wizorek, warum ist der kontroverse Diskurs zu zentralen Konfliktthemen in Medien und Öffentlichkeit 'notleidend'?

Anne Wizorek: Weil er in zu vielen Fällen allein auf Konfrontation ausgelegt ist, nicht aber auf den Austausch von Argumenten. Dies führt zu verkürzten Darstellungen und Debatten an der Oberfläche, obwohl es eigentlich in die Tiefe gehen müsste.Hinzu kommt der Aspekt der Aufmerksamkeitsökonomie, bei dem sich Medien mal mehr und mal weniger ihrer Rolle und Verantwortung bewusst sind. Zum Beispiel Artikel die mittlerweile gezielt dafür geschrieben und veröffentlicht werden, um einen Shitstorm im Netz auszulösen und damit entsprechend Klicks zu sammeln. Das ist in meinen Augen kein Journalismus. Ebenso muss nicht jede groteske Äußerung aus AfD-Reihen zur Nachricht gemacht werden. Diese sind ja oft auch gezielte Provokationen, nur um am Ende wieder den News Cycle dominieren zu können. Hinzu kommt dann ein fehlendes Bewusstsein dafür, welche Bilder durch problematische Sprache in der Berichterstattung aufgerufen werden, wenn z.B. permanent von "Flüchtlingskrise", "Flüchtlingswelle" etc. die Rede ist und damit geflüchtete Menschen als Problemauslöser eingeordnet werden, statt auf humanitäre Hilfe für diese Menschen zu fokussieren. Oder wenn unreflektiert Begriffe wie "Homo-Ehe" übernommen werden, ist das absolut relevant für die Debatte darüber, endlich die Ehe für alle in Deutschland einzuführen. Denn faktisch existiert in Deutschland nur das immer noch diskriminierende Lebenspartnerschaftsgesetz - "Homo-Ehe" verschleiert diese Realität aber und viele Menschen gewinnen den Eindruck, es gäbe da nichts mehr zu regeln.

Welche Defizite, Schwachstellen und Handicaps identifizieren Sie als Ursachen für die Diskurs-Armut?

Anne Wizorek: Im Medienbetrieb sehe ich mangelnde Ressourcen und Ausbeutung von Mitarbeitenden als ein großes Problem. Ob das nun die fehlenden Mittel sind, einer Reportage ausführlich nachgehen zu können, der übermäßige Workload von Online-Journalist_innen oder dass Menschen im Community Management viel zu großen Belastungen ausgesetzt sind. Der Druck möglichst schnell reagieren zu müssen, führt außerdem oft zu mangelnder Differenzierung in der Berichterstattung und etabliert Narrative, bevor überhaupt alle Fakten bekannt sind. Debatten werden zwar oft intensiv, aber dann doch ergebnislos und mitunter ahistorisch geführt. So entsteht vielleicht ein Gefühl des "Schön, dass wir mal drüber geredet haben", aber beim nächsten Vorfall fängt man im Grunde wieder von vorne an, statt ihn im Gesamtkontext zu betrachten. Gesellschaftlich würde ich mir wünschen, dass Debattieren und Debattenkultur auch Bestandteil z.B. bereits der schulischen Ausbildung würden, wie es in anderen Ländern der Fall ist. Wir müssen uns schließlich auch immer die Frage stellen, wem der Diskurs derzeit zugänglich ist und warum das nicht für alle der Fall ist - wobei Probleme der Diskursfähigkeit freilich nicht ausschließlich ein Bildungsproblem sind.

Wer will denn wem welche Wahrheiten nicht zumuten?

Anne Wizorek: Ich glaube es geht hier eher um eine Frage des Zuhörens. Die Frage ist doch immer noch, wer überhaupt in Debatten zu Wort kommt bzw. wem eigentlich zugehört wird. Wenn bei "Anne Will" zum Thema Rassismus in Deutschland fast ausschließlich weiße Menschen sitzen, ist halt leider von vornherein klar, dass hier keine konstruktive Debatte entstehen kann, die das Problem endlich ernst nimmt.

Wie bewerten Sie die Auslagerung von Diskussionen in isolierte, nicht miteinander verbundene Parallelwelten?

Anne Wizorek: Wenn hiermit das Internet gemeint ist, muss zunächst festgehalten werden, dass das Netz keine Parallelwelt ist, sondern Online und Offline auch immer verschränkt sind. Sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen ist mal nichts Schlechtes, sondern vielmehr etwas menschliches. Wenn es dadurch aber zur digitalen Abschottung kommt (auch Echokammer-Effekt), ist das natürlich problematisch und muss adressiert werden.Das Netz ist nicht die Ursache dafür, dass Falschmeldungen und Propaganda existieren, es ist auch nicht die Ursache dafür, dass es eine Polarisierung in der Gesellschaft gibt - aber es wirkt für diese Probleme wie ein Katalysator. Das Netz kann eben auch immer nur so gut sein, wie die Menschen, die es benutzen. Das sollte uns - neben den gesellschaftlichen Schritten strukturelle Diskriminierung abzubauen - aber nicht davon abhalten, bessere Technologien und Algorithmen zu entwickeln, die den menschlichen Aspekten von Kommunikation gerecht werden und Dialog-Räume schaffen, in denen auch Empathie möglich ist.

Haben "soziale Medien" mit Unterstützung der etablierten Medien einen neue Empörungskultur geschaffen, die Dialoge ersetzt?

Anne Wizorek: Empörung ist per se nicht negativ einzustufen, denn sie birgt auch immer das Potenzial, dass Menschen sich als politische Subjekte verstehen und damit ihre gesellschaftliche Gestaltungsmacht erkennen. Ein Problem, das nicht kritisch benannt wird, kann schließlich gar nicht erst gelöst werden. Gerade marginalisierte Menschen können sich hier wichtige Plattformen schaffen, um ihren Positionen Gewicht zu verleihen. Medien haben hier aber freilich die Verantwortung, im Netz angestoßene Debatten weiterzuführen und mit Expertise wie Fakten zu unterfüttern. Außerdem müssen sie eine gewisse Verhältnismäßigkeit in der Berichterstattung wahren, damit eine Debatte nicht verzerrt wird. Ferner haben wir in Bezug aufs Netz und die dortige Kommunikation immer noch zu lernen und reflektieren, was es für den Dialog bedeutet, wenn i.d.R. Mimik, Tonfall, Gestik wegfallen - Aspekte also, die uns sonst bei der Einordnung von Aussagen helfen.

Warum meidet die etablierte Politik ungefilterte Debatten - intern und extern - und favorisiert die "diskussionslose Geschlossenheit"?

Anne Wizorek: Diese Auffassung teile ich so nicht. Ich sehe aber die Gefahr, dass auch etablierte Parteien durch den europäischen Rechtsruck zunehmend eine verkürzt denkende und oft von Populismus getriebene Stimmungspolitik betreiben. Dies passiert dann, statt echte und vor allem langfristige Alternativen zu entwickeln, um gesellschaftlichen Problemen im Sinne sozialer Gerechtigkeit zu begegnen. Wie lässt sich die grassierende Diskurs-Allergie aus Ihrer Sicht therapieren?Anne Wizorek: Gerade auch klassische Medien müssen wieder Mut zur Differenzierung, Einordnung und Haltung zeigen, nicht jedes Narrativ ungeprüft übernehmen, ihre eigene Verantwortung z.B. bei diskriminierungsfreier Sprache ernst nehmen und in Ressourcen investieren, um sorgfältige Arbeit für Journalist_innen zu ermöglichen. Dazu gehört, die Vielfalt in Redaktionen zu stärken und ganz selbstverständlich mitzudenken, statt es bei männlich, heterosexuell und weiß dominierten Chefredaktionen zu belassen. Das heißt dann aber auch, Betroffene nicht nur als Betroffene zu Wort kommen zu lassen - oder sie gar aufs Thema ihrer Diskriminierungserfahrungen zu beschränken - sondern als Expert_innen.

Mainzer Medien-Disput am 14. Juni in Berlin

"Zwischen Debatten-Allergie und Bekenntnis-Ritualen - Welchen Mehrwert hätten Diskurse für eine vitale Demokratie" lautet das Streit-Thema beim Mainzer Medien-Disput am 14. Juni um 19 Uhr in Berlin. Mit SWR-Chefreporter Thomas Leif und Anne Wizorek (#Aufschrei) diskutieren Wolfgang Herles (früher "ZDF Aspekte", Buch: "Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik"), die neue stellvertretende "taz"-Chefredakteurin Katrin Gottschalk, Albrecht von Lucke, Redakteur "Blätter für deutsche und internationale Politik", und der "FAZ"-Journalist und Buchautor Stefan Schulz ("Redaktionsschluss - Die Zeit nach der Zeitung").

Der Mainzer Medien-Disput ist die wichtigste Diskussions-Plattform zum Austausch über medien- und gesellschaftspolitische Grundsatzfragen in Berlin. kress.de ist Partner vom Mainzer Medien-Disput. Anmeldungen für den MMD am 14. Juni um 19 Uhr in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund, In den Ministergärten 6, in Berlin, sind per Email unter veranstaltungen(at)lv.rlp.de möglich. Die Teilnehmerzahl ist aus Raumgründen begrenzt.

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