Friedrich Rackwitz über seinen dpa-Dokumentarfilm: "Wie aus einer Welt die Nachricht wird und wie aus der Nachricht die Welt"

 

Auf dem Dokumentarfilmfestival Dok.fest in München schwoll das "Grundrauschen" zu einer regelrechten Welle an: Der 90-minütige Film des jungen HFF-Studenten Friedrich Rackwitz beobachtet mehrere Wochen lang die Arbeiten in der dpa-Zentrale in Berlin. Herausgekommen ist eine Reflexion über das taffe Geschäft mit der schnelldrehenden Ware News - und ein Appell gegen "Lügenpresse"-Vorwürfe.

Zu seinem Stoff kam der ehemalige Philosophie-, Soziologie- und Politikwissenschaftstudent, der sich derzeit an der renommierten Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) zum Dokumentarfilmer ausbilden lässt, nach einer langen Nacht des Meditierens über die Hektik im Medienbetrieb. "Ich saß 2013 an meinem Schreibtisch und habe über die Frage nachgedacht, wie Nachrichten gemacht werden. Der nächste Schritt war eine E-Mail an die dpa-Pressestelle", sagt Friedrich Rackwitz im kress.de-Gespräch über die Entstehung seines "Grundrauschen"-Films.

"Nachrichten sind eine Industrieware"

"Alles was wir wahrnehmen, unser Weltzugang, läuft über Nachrichten", so Rackwitz. Seine durchaus philosophische Überlegung ging dahin zu zeigen, wie die Räder in der gut geölten dpa-Maschine ineinandergreifen, die immerhin den Großteil der deutschen Verlage, Fernsehsender und Online-Medien beliefert. "Nachrichten sind eine Industrieware", sagt Rackwitz heute. "Wie wird aus einer Welt die Nachricht und wie wird aus der Nachricht die Welt", war sein Ausgangssatz für den Film. “

Dass er damit offene Türen aufstieß und ihm ein bislang in dieser Form noch nie gezeigter Blick hinter die Kulissen der größten Nachrichtenfabrik der Republik gelang, hatte ihn zunächst selbst überrascht. "Das ist eine große Chance gewesen, es gibt nichts Vergleichbares", sagt er über sein Filmprojekt, das nun als 90-Minüter vorliegt. Dass aus seiner Langzeit-Beobachtung ein Langfilm werden müsste, wurde Rackwitz schnell klar. "Man kann das nicht in 45 Minuten erzählen."

Tatsächlich wurde aus dem Projekt, das mit einer einfachen E-Mail-Kontaktaufnahme mit der dpa-Pressestelle begann, dann ein echtes Vorzeigestück. "Man macht vier Filme, die von der HFF finanziert werden. 'Grundrauschen' ist jetzt mein dritter, obwohl er fast den Charakter eines Abschlussfilms hat", so Friedrich Rackwitz.

Stiller Beobachter im hektischen Newsroom

Auch wenn es von Seiten der Nachrichtenagentur keine zensorischen Vorbedingungen gab, entschloss sich der HFF-Student zu einem ganz eigenen, eigenwillig ruhigen Beobachterstil. "Der beobachtende Dokfilm ist keiner, der sich in den Vordergrund stellt und keine Interviews führt", sagt er. Tatsächlich zog Rackwitz mit einem Mini-Team durch den riesigen Newsroom und die Besprechungszimmer und durfte dabei den dpa-Redakteuren über die Schulter schauen - auch bei den Redaktions- und Teambesprechungen. "Es hat sich ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis entwickelt", sagt er. "Wir haben uns in den Räumen frei bewegt – aber stets natürlich nur soweit, dass wir die Arbeit nicht stören."

Wer sich anbot, darunter ein Früh-Redakteur, der in klassischer Tradition im Morgengrauen die Polizei-Pressestellen nach Vorkommnissen der Nacht "melkt", oder Kollegen, die auf die Schnelle Auslandsgespräche etwa mit einem frisch gekürten Nobelpreisträger führten, kamen in den Film. Und das ohne Blick auf die dpa-Schulterklappen. "Wir wollten mehr mit den Menschen arbeiten und nicht mit ihrer Funktion, die sie erfüllen", sagt der junge Filmemacher, der zu seiner subjektiven Sicht steht. "Dort arbeiten 300 Leute. Die Mitarbeiter, mit denen wir zutun hatten, standen nicht für eine repräsentative Auswahl. Es ging mir um das, was mich persönlich an der dpa interessiert hat." 

Anklänge an den lakonischen "Stromberg"-Humor

Dabei gleicht das Kommen und Gehen in dem 24-Stunden-Betrieb wie ein Taubenschlag - wie auf einem "Flohmarkt" kam Rackwitz das Treiben zunächst vor. "Man erkennt rein gar nichts", sagte er über seine ersten Eindrücke über die fest eingespielten dpa-Abläufe. Wenn es spät - oder sehr früh - wurde, wirken seine langen Einstellungen aus den meist grau in grau gehaltenen Büroräumen hinter den oft geschlossenen Jalousien manchmal ein wenig wie in der ProSieben-Bürostubensatire "Stromberg". Inklusive der brodelnden Kaffeemaschinen, der trostlos vereinsamten Drucker und des nächtlichen Putzteams.

"Ich würde mich freuen, wenn bei der Vorführung des Films viel gelacht wird", sagt Rackwitz über den lakonischen Stil seiner Betrachtungen, die sich platte Pointen verkneifen. Tatsächlich war die Stimmung bei der Dok.fest-Premiere äußerst aufgekratzt. Wegen des großen Publikumsandrangs musste "Grundrauschen" sogar ein einen größeren Kinosaal in München verlegt werden. Bei der dpa-Aufführung am 20. Mai in einem Berliner Kino wurde ebenfalls kräftig gelacht.

Ohne unterwürfige Ehrfurcht vor dpa-Würdenträgern

Kenner entdecken dpa-Köpfe wie Nachrichtenchef Froben Homburger oder andere Titelträger, wichtig ist das allerdings nicht. Das Rackwitz-Team schaut neugierig zu, hört sich Themenplanungen und Strategiebesprechungen ein, bleibt aber stets in der abwartenden Außenstehenden-Rolle. Auch in der Verlagen kennt man die dpa-Gesichter meist nicht.

Ein Trick half bei dieser Haltung, die es den Zuschauern leicht macht. Rackwitz schloss sich eine Gruppe von dpa-Neulingen an, die von den "alten Hasen" eingearbeitet wurde. "Wir haben die Volontäre zunehmend intensiv begleitet", sagt er. Und gelernt hat er dabei auch. "Es waren spannende Schulungen, wie man eine Nachricht schreibt", so Rackwitz. "Ich denke, dass dann auch der Zuseher und Zuhörer weiß: Das ist der dpa-Leadsatz, das ist der Teaser. Wir wollten die Leser mündig machen dafür, was in der Agentur passiert."

Schnell wird deutlich, dass der dröge wirkende Newsroom zwar lang wie ein ICE-Zug ist, aber tatsächlich der Ort ist, an dem sich das deutsche Newsgeschehen konzentriert. "Der Raum ist eine Arena, in der alles stattfindet", so Rackwitz. "Man wird in eine Welt geworfen und muss sich selbst darin zurechtfinden."

Was wird zur Meldung - und was lieber nicht?

Das Abwägen - ja sogar die Pietät der Verantwortlichen - kurzfristig zu entscheiden, wann was in welcher Form aufbereitet wird (oder lieber noch nicht), wird besonders deutlich, als im Film erste Meldungen von einer schrecklichen Geiselnahme-Situation durch Terroristen in die Redaktion kommen. "Wir haben schnell gemerkt, dass das keine zynischen Boulevardjournalisten sind", lautet das Rackwitz-Fazit. Im Film kann man das gut nachvollziehen, wie ernst das Newsgeschäft sein kann. Und das sogar lange bevor, die Medien wieder marktschreierisch unter Druck geraten. "2013 gab's die Lügenpresse-Diskussion noch gar nicht", so Rackwitz.

Klar wird aber auch, dass die dpa selbst als Unternehmen funktionieren muss - und sich geschäftlich ihren vielen Kunden, darunter auch viele auf sogenannten neuen Geschäftsfeldern, anpassen muss. "Die dpa ist ihren Kunden verpflichtet, die gleichzeitig ihre Anteilseigner sind. Das gesamte Unternehmen ist in ein Nachrichtensystem eingebettet", so Friedrich Rackwitz.

Das wiederkehrend Bild vom Maschinenraum, ohne den weite Teile des Medienbetriebs nicht in dieser Form und Präzision funktionieren würde, stellt sich immer wieder ein. Obwohl sich "Grundrauschen" einem banalen (Journalisten-)Schulbuchfazit verkneift. "Ich stelle meine persönliche Meinung hintan. Der Film regt wie eine dpa-Meldung dazu an, eine Haltung zu beziehen", sagt Friedrich Rackwitz. Und dann wird er aber doch noch ein wenig stolz auf das Erreichte. "Ich finde das Thema so wichtig, dass man den Film gesehen haben muss." kress.de findet das auch.

Alle Infos zum Film sowie einen "Grundrauschen"-Trailer gibt es hier

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