Leipziger Studie zum Rechtsextremismus: Wenn Journalisten nicht mehr selbst hinschauen

23.06.2016
 

Eine Studie der Universität Leipzig zum Rechtsextremismus in Deutschland fand vergangene Woche sehr große Beachtung in den Medien. SPON und Co. übernahmen die Zahlen völlig ungeprüft und dramatisierten sie zum Teil noch. Ein Bärendienst für die Glaubwürdigkeit des Journalismus, denn ein genauerer Blick auf die Untersuchung zeigt: Sie hält bei weitem nicht, was sie verspricht.

Die Zahlen klingen dramatisch: 49,6 Prozent der Deutschen sollen befürworten, dass Sinti und Roma aus den Innenstädten verbannt werden, 40,1 Prozent finden angeblich, es sei ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssten (ein Plus von 20 Prozenpunkten im Vergleich zu 2014). Und 50 Prozent der Befragten gaben an, sich durch Muslime manchmal wie ein Fremder im eigenen Land fühlten. Die Macher der Studie, die diese Zahlen herausgefunden haben wollten, mussten da doch zwangläufig zu dem Ergebnis kommen, dass die politische und gesellschaftliche Mitte in Deutschland "enthemmt" sei. Oder?

Klar auch, dass die Medien sich mit düsterer Begeisterung auf die Studie stürzten. Wurde sie doch von veritablen Wissenschaftler erstellt, und die gelten den allermeisten Journalisten hierzulande als geradezu unantastbar. Überall wurde in der vergangenen Woche also prominent über die Studie "Die enthemmte Mitte" des "Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus und Demokratieforschung" der Universität Leipzig berichtet -  bis in die "Tagesschau". Lustvoll titelte "Spiegel Online": "Deutschlands hässliche Fratze". 

Die Zeile "Deutschlands hässliche Fratze" ist nur durch Ergebnisselektion möglich

Bemerkenswert daran war, dass nur wenige Medien die Ergebnisse der Studie beziehungsweise ihre Grundlage hinterfragten; und gerade manche derjenigen, die sich selbst als besonders kritisch und aufgeklärt betrachten, gaben sich besonders hörig dem Zahlenwerk hin. Das kann man übrigens häufiger beobachten, zum Beispiel auch, wenn der Paritätische Wohlfahrtsverband (dessen Hauptgeschäftsführer kürzlich in die Linkspartei eingetreten ist) oder die "Volkssolidarität" ihre Studien verbreiten, nach denen es mit Deutschland von Jahr zu Jahr bergab geht. Bemerkenswert aber auch, dass manche Medien die Ergebnisse nochmals dramatisierten und sich ganz selektiv die Zahlen heraussuchten, die sie brauchten, um so eine fetzige Zeile wie "Deutschlands hässliche Fratze" zu kreieren.

Auf der Strecke blieb bei alldem nur einer: der Leser, der sich gerne informieren möchte. Und zwar nicht selektiv, ohne Schaum vorm Mund. Und der von den Journalisten, denen er sich dabei anvertraut erwartet, dass sie auch wirklich das tun, was sie immer behaupten: die Wahrheit herauszufinden. Davon konnte allerdings bei einer Reihe von Medien gar keine Rede sein. Viele Journalisten übernahmen einfach völlig ungeprüft die Angaben der Leipziger Wissenschaftler.

Können oder wollen viele Journalisten nicht mehr recherchieren?

Die Frage ist: Haben Journalisten zur eigenständigen Recherche heute einfach keine Zeit mehr? Sind sie nicht mehr in der Lage dazu? Drücken sie bewusst beide Augen zu, wenn die gelieferten "Fakten" schöne Klick-Zahlen versprechen? Oder wollen sie möglicherweise gar nicht selbst recherchieren, wenn die Zahlen doch so schön ins eigene Weltbild passen?

Holen wir den Faktencheck hier mit einigen wenigen Beispielen zumindest ein kleines Stück weit nach. Als wichtigstes Ergebnis stellen selbst die Macher der Studie fest, dass es "keine Zunahme rechtsextremer Einstellung" gebe und "eine deutliche Mehrheit der Gesellschaft rechtsextremes Denken und auch Gewalt strikt ablehnt", wie es in der offiziellen Pressemitteilung der Universität Leipzig heißt. Zugleich ist der Anteil beispielsweise der Menschen mit antisemitischen Vorurteilen auf den niedrigsten Wert überhaut gesunken, seitdem die Studie seit 2002 im Abstand von zwei Jahren durchgeführt wird. Die meisten Zahlen bei extremen Einstellungen liegen im einstelligen Bereich, bei der Antwort "Stimme ich voll zu" sogar oft zwischen ein und zwei Prozent. Die Ausländerfeindlichkeit im Osten ist seit 2012 sogar massiv abgestürzt, von 38,7 auf 21,7 Prozent. Ein Beleg für eine "enthemmte Mitte"?

Eine andere in der Studie angeführte Vergleichszahl, die in den Medien oft als Beispiel für eine "enthemmte Mitte" gebracht wird, ist schlicht ein Fake. Laut der Studie finden es 40,1 Prozent der Befragten "ekelhaft", wenn sich zwei Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. Eine Verdopplung seit 2014, so ist zu lesen, und man wüsste gerne, wie diese dramatische Entwicklung zustande kommt (wobei natürlich selbst der angegebene Vergleichswert von 20 Prozent eine erschreckende Zahl ist). Allein: Dieser Wert stammt aus einer ganz anderen Studie (der SPD-nahen Friedrich-Ebert- Stiftung). 2014 fragten die Leipziger Forscher offenbar selbst überhaupt nicht nach dem Thema Homosexualität. Und über die Fragestellung der anderen Studie fehlt jegliche Angabe.

Suggestivfragen leiten den Befragten dahin, wo man ihn haben will

Gerade ein Blick auf die Fragetechnik zeigt, mit welch fragwürdigen Mitteln die Macher der Studie gearbeitet haben. Eine ganze Reihe von Fragen sind pure Suggestivfragen beziehungsweise aufgestellte Behauptungen, durch die der Befragte geradezu auf die Antwort gelenkt wird, die die Autoren offenbar wünschen. Beispiele: "Wie in der Natur sollte sich in der Gesellschaft immer der stärkere durchsetzen"; Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen"; Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet" oder "Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen".

Bei anderen Fragen und Antworten gehen die Macher automatisch davon aus, dass der Befragte ein rechtsextremes Weltbild hat. So finden beispielsweise 13,8 Prozent der Ostdeutschen, dass eine Diktatur die beste Staatsform sei, und 25,5 Prozent wollen von nur einer Partei geführt werden. Aber wer sagt, dass die Befragten dabei an eine rechte Partei gedacht haben? Und nicht an eine sozialistischen wie einst die SED? Die Autoren jedenfalls haben nicht nachgefragt. Und die Journalisten auch nicht.

Wertlose Angaben, von den Medien zitiert

Wieder andere Fragen sind so unspezifisch gestellt, dass sie den Befragten nur verwirren konnten oder er nicht in der Lage war, unter den vorgegebenen Antworten diejenige zu finden, die seine Meinung widerspiegelt. Beispiel: 40,9 Prozent wollen, dass stärker gegen "Unruhestifter" vorgegangen werde. Was aber ist unter Unruhestifter zu verstehen? Ist es rechtsextrem, wenn eine Frau verlangt, dass sie vor Vergewaltigungen geschützt wird, egal, wer sie bedrängt? Ist es rechtsextrem, wenn man erwartet, dass die Polizei gegen Brandstifter an Flüchtlingsunterkünften vorgeht? Solche, auch in den Medien zitierten Angaben aus der Studie sind völlig wertlos.

Solche Dinge ziehen sich durch die ganze Studie. Zur Ehrenrettung des deutschen Journalismus sollte man erwähnen, dass es durchaus rühmliche Ausnahmen gibt. So haben die "FAZ" und der Deutschlandfunk nachgefragt beziehungsweise sich die Studie genauer angesehen und Kritik daran geübt. Die meisten anderen Medien bis hin zur "Tagesschau" in der ARD haben alle die zweifelhaften Angaben kritiklos ein zu eins übernommen. Den Vogel schoss Spiegel Online ab - die Berichterstattung dort war so reißerisch und so selektiv, dass der Text nur noch sehr bedingt etwas mit Information des Lesers zu tun hatte, dafür umso mehr mit Klick-Zahlen und Kampagnenjournalismus. Das ist umso schlimmer, weil SPON auch von vielen ausländischen Korrespondenten gelesen wird - so fand die völlig entstellte Berichterstattung auch ihren Widerhall in anderen Ländern.

Hohn und Spott von AfD, Pegida & Co.

In den meisten Medien wurde auch eine wichtige Information unterdrückt: dass es sich bei den Auftraggebern der Studie neben der grünen Heinrich-Böll-Stiftung und der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung auch um die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Linkspartei nahesteht, handelt. So kann beispielsweise der angeblich massenhaft verbreitete Wunsch nach einem neuen "Führer" (fast zehn Prozent) nicht überraschen.

Journalismus bedeutet gesellschaftliche Verantwortung. Eine offensichtlich interessengeleitete Studie völlig ungeprüft zu übernehmen und die Ergebnisse dann nochmals durch selektive Auswahl zu dramatisieren, ist ein eklatanter Verstoß gegen diesen Grundsatz. In diesem Fall wird eine große Gesellschaftsgruppe - die Mitte (was immer darunter auch verstanden wird) - stigmatisiert. Das ist leicht nachprüfbar, da die Studie komplett im Internet verfügbar ist. Auf den rechten Seiten, die AfD, Pegida & Co. nahestehen, hat man intensiver nachgeschaut - kein Wunder, dass Hohn und Spott über die Berichterstattung großer Teile der Medien auf diesen Seiten weit verbreitet ist.

Vielleicht sollte eine andere Zahl aus der Leipziger Studie in diesem Zusammenhang zu denken geben. Die Frage lautet: "Wenn Sie an Radio, Zeitungen und Fernsehen in Deutschland denken, würden Sie dann persönlich von Lügenpresse sprechen?" Mit "Ja" oder "teils/teils" antworten deutschlandweit 58,9 Prozent. Im Osten sind es sogar zwei Drittel.

Ihre Kommentare
Kopf

Thomas Schwebke

24.06.2016
!

Das wurde auch hier im Leipziger Stadtmagazin kreuzer schon vor einigen Tagen bemängelt. Ein Autor der Studie (A. Yendell) antwortete darauf auch in den Kommentaren: http://kreuzer-leipzig.de/2016/06/16/enthemmter-alarmismus/


Christoph Tillmanns

25.06.2016
!

Jede besonnene Stimme im leider mancherorts durchgedrehten deutschen Journalismus ist mehr denn je Gold wert - danke für diesen informativen Nachbericht.


Ulrike Schnellbach

29.06.2016
!

Der Autor gibt vor, er alleine habe genau hingesehen. Das hat er aber auch nicht. Er sagt, die Leipziger Studie verweise bei der Zahl derer, die offene Homosexualität ablehnten, auf "eine völlig andere Studie" von 2014, die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Richtig ist: Dieselben Leipziger Forscher haben bis 2014 die "Mitte"-Studien im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erhoben. Das nur zur Klarheit.


Wolfgang Schmid

30.06.2016
!

Die eine Hälfte der Journalisten sind inzwischen Contentschubser, die fremdgenerierten News der Contentverursacher (PR-Abteilungen, Pressesprecher etc.pp.) nur noch auf einzelne Medien verteilen.

Die andere Hälfte sind Politaktivisten, die die Medien nutzen, ihr Weltbild zu proagieren.

Ich weiß nicht, welche Gruppe schlimmer ist.


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