Hasan Cobanli: "Deutsche Journalisten brauchen keinen Mut, sondern Biss"

 

Der Journalist Hasan Cobanli, 63, sorgt mit seiner Familiensaga "Der halbe Mond" derzeit für Aufmerksamkeit in den Feuilletons. Gemeinsam mit dem Grimme-Preisträger Stephan Reichenberger hat der Deutsch-Türke einen Roman vorgelegt, der vor dem Hintergrund 100 Jahre Geschichte seiner beiden Heimatländer spielt: Vom ersten Weltkrieg der Waffenbrüder bis zu den Protesten im Gezi-Park, an denen Cobanli teilnahm. Ein Gespräch auch über den Journalismus in der Türkei und in Deutschland.

kress.de: Ihr Großvater väterlicherseits ist der berühmte osmanische General und Weggefährte Atatürks, Cevat Pascha. Mütterlicherseits sind Sie ein Ur-Enkel des preußischen Generalfeldmarschalls Albrecht Graf Roon. In welcher Armee haben Sie gedient?

Hasan Cobanli: Sie werden lachen, um ein Haar wäre ich wirklich beim türkischen Militär gelandet. Ich hatte damals noch meinen türkischen Pass. Aber ich konnte mich freikaufen, denn die Art des Umgangs dort gefiel mir nicht. Weder wollte ich Ohrfeigen kassieren noch welche verteilen, wozu ich als deutscher Abiturient berechtigt gewesen wäre.

Unter dem Aspekt Lebenserfahrung wäre es doch im Nachhinein sicher interessant gewesen...

Hasan Cobanli: Da haben Sie Recht. Auch journalistisch herausfordernd. Sechs Monate an der türkisch-russischen Kalt-Front - das wäre ein Stoff für eine mehrteilige Spiegel-Serie gewesen. Aber ich habe dann doch lieber bei der Bundeswehr meinen Wehrdienst abgeleistet. Am liebsten aber hätte ich meine Gitarre genommen, mich ans Bett von älteren Menschen gesetzt und denen schöne alte türkische Lieder von Ruhi Su vorgesungen oder Bob Dylan, oder Brecht. Denn ich bin antimilitaristisch eingestellt - trotz oder wegen meiner Abstammung aus dem Militär-Adel beider Länder.

Warum dann doch Militär?

Hasan Cobanli: Das war für mich eine Disziplin- und Charakterübung und auch eine Art Indianerspiel.

Als Pilot haben Sie viel über Luftfahrtthemen geschrieben. Jetzt produzieren Sie Reisereportagen für das Fernsehen. Hat Politik-Berichterstattung Sie nie interessiert?

Hasan Cobanli: Durchaus! Aber dazu muss ich eines vorweg sagen: Ich war immer der Pilot, der schreiben kann, und bei den Zeitungen war ich der Journalist, der fliegen kann. Also landete ich zunächst im Luftfahrt-Journalismus, gerade als damals häufig Flugzeuge abstürzten. Jedoch nicht nur. Peter Boenisch hat mich 1979 für die Welt nach Kambodscha geschickt, als die Vietnamesen Pol Pot gerade verjagt hatten, später habe ich jahrelang aus Beirut vom Libanesischen Bürgerkrieg berichtet. Politik hat mich immer sehr interessiert, in meiner Berichterstattung spielten jedoch die Auswirkungen auf die Gesellschaften eine größere Rolle als die Strategien und die Politik an sich. Mir ging es immer mehr um die Hintergründe.

Sie fühlen sich mehr als Deutscher denn als Türke und haben außer für das Fernsehen auch für so unterschiedliche Medien wie Stern, Bild, Welt am Sonntag, Capital, Wirtschaftswoche, Max und Gala gearbeitet. Als Journalist sind Sie auch in der Türkei tätig gewesen. Wie sehen Sie die Entwicklung des politischen Journalismus in beiden Ländern? Wo haben die Kollegen mehr Biss?

Hasan Cobanli: Gute Frage. Ich kannte türkische Kollegen mit Biss, aber leider ist der Kontakt abgebrochen, weil es in den dortigen Gefängnissen kein W-LAN gibt. Journalismus in der Türkei verlangt heute mehr Mut als in fast allen anderen Ländern. Die Türkei steht bei der Zensur und der Unterdrückung der Pressefreiheit inzwischen ungefähr auf einem Level mit Weißrussland, Zimbabwe, Nordkorea oder früher der DDR. Journalismus ist in der Türkei ein schrecklich undankbares, sterbendes Gewerbe, das von den Machthabern unterdrückt wird.

In Deutschland ist die Situation viel, viel angenehmer. Sind wir deutschen Journalisten daher vielleicht zu bequem geworden?

Hasan Cobanli: In Deutschland können wir schreiben, was wir wollen. Wir brauchen keinen Mut. Aber wir brauchen Biss. Nehmen Sie Jan Böhmermann. Er konnte selbst das aussprechen, was man nicht mal hierzulande sagen darf. Er brauchte dafür keinen Mut, nur Biss. Gut, er hat wegen seines Ziegen-Gedichtes jetzt ein wenig Ärger, aber dafür wurde er bekannt und erntete Ruhm, und selbst die FAZ und Mathias Döpfner haben sich ihm angeschlossen. Was ich übrigens großartig fand.

Gerade der Kontrast zwischen Deutschland und der Türkei drängt die Frage auf, ob die Pressefreiheit hier richtig genutzt wird? Reinhard Mey hat einmal getextet: "Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt."

Hasan Cobanli: Reinhard Mey, übrigens auch ein Fliegerfreund, hat völlig Recht. Aber ich denke, dass Journalisten ihre Freiheiten ausreichend nutzen. Ich bin im Großen und Ganzen zufrieden mit unserer Presse und froh, in einem Land zu leben mit dem mit Abstand besten Fernsehprogramm - von den Privaten und auch einigen Niveau-Verirrungen im Unterhaltungsprogramm der Öffentlich-Rechtlichen einmal abgesehen.

Aber Sie produzieren doch Ihre Reisereportagen für private Kanäle.

Hasan Cobanli: Dazu stehe ich. Im Übrigen trete ich auch als Experte für Atatürk oder Süleyman den Prächtigen bei ZDF-"History" auf, oder erzähle in Dokumentarfilmen etwas über Jagd und Kochen oder über Dresscode-Traditionen und so weiter in der ARD und den Dritten, und wenn ein Flugzeug abstürzt, muss ich morgens um acht Live-Telefon-Interviews im Radio geben. Aber glauben Sie mir, ich bin wirklich viel herumgekommen, aber so eine Qualität wie bei ARD, ZDF, Phönix, den Dritten oder Arte finden Sie nirgendwo auf der Welt. Schauen Sie mal in die USA mit Fox oder nach Italien mit seinen vielen verblödenden Privatsendern.

Zu Ihrem Buch: Darin streifen Sie auch den Völkermord an den Armeniern. Jetzt möchten Sie aber lieber nicht mehr über dieses Thema sprechen. Warum nicht?

Hasan Cobanli: Wenn ich diese Frage beantworte, spreche ich ja schon über dieses Thema! Warum jetzt nicht so gern? Ich glaube einfach, das Publikum hat gerade genug davon. In meinem Buch geht es in nur anderthalb Sätzen um den Genozid an den Armeniern: Der damalige Jungtürkenführer und spätere Haupttäter, Enver Pascha, erzählte meinem damals elf Jahre alten Vater 1911, dass er große Säuberungen gegen die Armenier plant. Vier Jahre später kam es tatsächlich dazu. Die Geschichte meines Vaters und alles was Historiker darüber zusammengetragen haben, zeigt doch, dass das geplant war. Und ein Völkermord ist ein Völkermord, wenn er geplant ist.

Ihr Ziel für Ihr Buch "Der halbe Mond" sind eine Million Leser. Dafür sollten Sie auch einen türkischen Verlag finden. Müssten die Passagen über den Genozid dann geändert werden? Schließlich ist das dort strafbewehrt.

Hasan Cobanli: Wahrscheinlich wird das in der gegenwärtigen Zensur-Situation von allen Verlagen so vorgeschlagen werden. Wir werden aber nicht in Kauf nehmen, dass unser Buch in diesem Punkt zensiert wird. Den Lesern in meiner geliebten Türkei möchten wir nicht die Möglichkeit nehmen, unsere und die Sichtweise der aufgeklärten Welt auf die Vorkommnisse von 1915 zur Kenntnis zu nehmen und darüber zu reflektieren. Viele gebildete Türken sehen das ja mittlerweile auch wie der Rest der Welt, auch die hier lebenden mutigen türkischstämmigen Abgeordneten.

Andererseits wird es in der Türkei - zumindest bei den gebildeten Schichten - ein Riesen-Erfolg, wie mir der dortige Verlag schon voraussagte. Geht es dabei nur um die Armenier-Passage?

Hasan Cobanli: Ich könnte mir auch vorstellen, dass sowohl ein (verbrieftes) Atatürk-Zitat über Religion und Regierung als auch meine Schilderungen über meine Erlebnisse im Gezi-Park bei den Zensoren anecken könnten. Ich warte es mal ab.

Die zentrale Rolle in Ihrem Buch spielt ihre Familiengeschichte. Eine deutsch-türkische Ehe war vor 65 Jahren, als Ihre Eltern heirateten, noch ungewöhnlich. Wie hat die Gesellschaft damals darauf reagiert?

Hasan Cobanli: Es ging gar nicht um Deutsche und Türken. Viel wichtiger erschien, dass meine Mutter 25 Jahre jünger war, dass mein Vater ein Lebemann und geschieden war. Die Eltern meiner Mutter waren von der Beziehung deswegen nicht begeistert, nicht wegen der Herkunft - die war ja durchaus passend. Sehr diplomatisch haben sie ihm das in einem Brief deutlich gemacht. Daraufhin bot er an, sich zurückzuziehen, was wiederum seine Schwieger-, also meine Großeltern, die ihn ja schon als Kadett kannten und wie einen Sohn liebten, dann mit dem Gedanken versöhnte, ihre jüngste Tochter ins ferne Istanbul ziehen zu lassen.

Wie gut sprach Ihr Vater deutsch? Er starb ja bereits, als sie neun Jahre alt waren.

Hasan Cobanli: Perfekt, ohne jeden Akzent. Er war ja schon als Kadett und später als Diplomat in den "Roaring Twenties" sehr lange in Berlin. Zuhause in Istanbul, haben wir untereinander nur deutsch gesprochen. Mein Vater sang und betete abends auch mit uns auf Deutsch das "Müde bin ich, geh' zur Ruh". Nur mit dem Personal redete ich türkisch. Und natürlich in der Schule. Mein Vater konnte mir auch nicht bei den Hausaufgaben helfen, wegen der Sprachreformen unter dem Menderes-Regime. Er sagte: "Das ist nicht mehr mein Türkisch." Im Buch habe ich einige seiner Briefe aus Istanbul an seine deutsche Verlobte und an seine strengen, aristokratischen Schwiegereltern verarbeitet - sie sind in fehlerfreiem Deutsch geschrieben.

Wie gut sprechen Sie heute türkisch?

Hasan Cobanli: Wie man mir sagt, akzentfrei, allerdings mit dem Wortschatz eines Teenagers. Ein türkischer Taxifahrer sagte neulich zu mir, ich spräche ein wunderbar altmodisches Türkisch.

Wer hat Ihre Liebe zur deutschen Sprache so geweckt, dass Sie sich schließlich für eine Ausbildung auf der Deutschen Journalistenschule entschieden haben?

Hasan Cobanli: Mein Vater. Er ging sogar in der Türkei mit deutschen Bankiers und Diplomatenkollegen jagen und pflegte in den 1930er und 40er Jahren Freundschaften mit vielen Exil-Deutschen und -Österreichern in Ankara. Genau wie er liebe ich Sprachen und lernte Gedichte und berühmte historische Reden auswendig. Aber richtig sicher, ob ich wirklich Journalist werden wollte, war ich mir 1978 nach meinem Studium noch nicht. Bei der Aufnahmeprüfung saß ich dann übrigens mit dem späteren Spiegel-Kollegen Matthias Matussek an einem Tisch. Wir haben uns gegenseitig abgucken lassen, obwohl wir ja eigentlich Konkurrenten waren. Dann haben wir es beide geschafft, und ich habe die Zusage der Journalistenschule als ein Wink des Schicksals genommen, in diesem Beruf zu arbeiten. Meine Jahre in der Luftfahrt gaben dann zwischendurch eine herrliche Abwechslung. Und jetzt schreibe ich schon am Folge-Buch. Diesmal allerdings ohne meinen wunderbaren Co-Autor Stephan Reichenberger, ohne den es den "Halben Mond" sicher nicht gäbe.

kress.de-Buchtipp: Hasan Cobanli, Stephan Reichenberger: "Der halbe Mond", Roman, 448 Seiten, Verlag Langen Müller, ISBN: 978-3-7844-3377-6

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