1Live-Moderator Simon Beeck: "Sich für Schwache stark zu machen, war noch nie verkehrt"

 

Der Grimme-Online-Award wird am Freitag, 24. Juni, in Köln vergeben, unter anderem in der Kategorie "Klicksafe", die für einen bewussten Umgang mit dem Netz wirbt. Der Preis in dieser Kategorie wird zum zehnten Mal verliehen. Unterstützt wird "Klicksafe" von 1Live-Moderator Simon Beeck. Im kress.de-Interview äußert er sich zu Courage im Netz - und was sich gegen Beleidigung und Bedrohung tun lässt.

kress.de: Die EM läuft, eine Frau kommentiert sie im Fernsehen, das Netz tobt. Weckt das Internet das Tier in uns?

Simon Beeck: In diesem Fall nur bei 50 Prozent der deutschen Bevölkerung. Und da zum Glück auch nicht bei allen Männern. Ich kann verstehen, dass man mit seinen Kumpels auf der Couch beim Spiel darüber diskutiert. Immerhin ist diese Situation neu, wenn auch längst überfällig. Seine Meinung dann aber - garniert mit Beleidigungen der übelsten Sorte - ins Netz zu plärren, ist eine Eigenschaft, die werde ich wohl nie nachvollziehen können.

Die angegriffene ZDF-Kollegin hat sich entschieden zu schweigen. Was hätten Sie getan?

Simon Beeck: Sagen wir so: Ich kann Claudia Neumann verstehen, dass sie sich in dieser Situation nicht mit jedem Menschen, der sie und ihre Körperteile unterhalb der Gürtellinie öffentlich im Netz beleidigt hat, auseinander setzen möchte. Man will den Hatern ja nicht noch (mehr) Aufmerksamkeit geben. Auf der anderen Seite wäre ein ,Bis hier hin und nicht weiter, ich bin auch nur ein Bela Réthy mit Brüsten' vielleicht hilfreich, um klar Position zu beziehen. Zum Glück springen ihr genug Menschen aus dem Sport(-Journalismus) zur Seite.

Sie sind als bekannter Radio-Moderator eine Person, über die im Netz geredet wird - Sie zeigen in sozialen Netzwerken aktiv Flagge. Welche Pöbel-Erfahrungen haben Sie gemacht?

Simon Beeck: Da kam schon einiges. Vom "zwanghaften Berufsjugendlichen mit Asozialenkappe auf dem Kopf" bis hin zu "Deine Witze sollten höchstens auf deinem Grabstein stehen" war da alles dabei. So scheint es im Jahr 2016 zu sein, wenn man sich in die Öffentlichkeit begibt.

Hat sich Ihr Verhalten im Lauf der Jahre verändert - und wenn ja, warum?

Simon Beeck: Absolut. Früher kam maximal ein Beschwerdefax pro Sendewoche. Das Internet macht es einfach, mehr oder weniger anonym seine Meinung kund zu tun.

Wie können sich Online-Nutzer effektiv wehren gegen Beleidigung und Bedrohung?

Simon Beeck: Wenn ich Langeweile habe, schreibe ich manchmal Hatern auf ihren Kommentar zurück. Schon lustig, was dann für Reaktionen kommen. "So schlimm war das ja gar nicht von dir" oder "Ich wollte das nur mal sagen, sonst finde ich Dich super". Man merkt schon, dass im Moment des Hasskommentars vielen nicht bewusst ist, dass sie mit ihren Äußerungen einen echten Menschen verletzten (können). Im "direkten" Kontakt wird das vielen erst bewusst, ist mein Eindruck. Konfrontation ist eine Möglichkeit, um mit solchen Hasskommentatoren umzugehen.

Wie groß ist die Gefahr, dass Internet-Trolle zu Straßen-Hooligans mutieren?

Simon Beeck: Bei politisch motivierten Fanatikern möchte ich das nicht ausschließen. Sonst sehe ich die Gefahr nicht.

Drehen wir die Perspektive: Was sorgt dafür, dass Menschen an der Tastatur alle Hemmungen fallen lassen?

Simon Beeck: Ich vermute, viel Frust. Auf das eigene Leben und die eigene Situation. Eine Art Ventil für die eigene (hohe) Unzufriedenheit. Dazu kommt vermutlich Langeweile und der Faktor "Meine Meinung soll aber auch was zählen".

Betreiber sozialer Netzwerke geloben zwar immer wieder, Hass-Kommentare und Pöbel-Videos zu entfernen, wirken aber unterm Strich hilflos. Was erwarten Sie von den Unternehmen?

Simon Beeck: Da gilt: Wer die Plattform zur Verfügung stellt, sollte auch dafür sorgen, dass sie sauber bleibt. Unternehmen bieten diese öffentlichen Foren ja nicht zu ihrem privaten Vergnügen an, sondern um damit Geld zu verdienen. Und wer Kohle macht, hat auch Geld für eine Reinigungsfachkraft.

Das Internet hält sich kaum an Landesgrenzen. Was kann, was muss nationale Politik tun, um Bürger vor digitalem Hass zu schützen?

Simon Beeck: Die Aufklärung könnte meiner Meinung nach noch intensiviert werden. Wenn ich eine Wand mit einem Graffiti beschmiere, werde ich zur Rechenschaft gezogen. Das weiß jedes Kind. Ein Hasskommentar im Netz ist für mich nichts anderes als eine Schmiererei an einer Häuserwand.

Menschen Netiquette beizubringen - das ist durchaus auch eine Aufgabe von pädagogischen Einrichtungen. Die EU unterstützt derlei Bemühungen seit zehn Jahren mit dem "klicksafe"-Projekt. Was kann es leisten?

Simon Beeck: Noch mehr Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Noch mehr Bewusstsein schaffen. Noch mehr zum Nachdenken anregen.

Erziehung ist nicht nur ein Ding für Schulen, sondern vor allem auch für Eltern. Was sollten Sie tun?

Simon Beeck: Keinem Menschen - egal ob klein oder groß - kann es schaden, wenn er ein Bewusstsein dafür entwickelt, was man im öffentlichen Raum sagt und was nicht. Kleine Faustregel: Was Du jemandem nicht ins Gesicht sagen würdest, solltest Du über ihn auch nicht öffentlich (im Netz) sagen.

Vor ein paar Jahren erschien das Internet als Weg für mehr Demokratie. Inzwischen scheint es von einem seltsamen Mix aus Anarchie und Überkontrolle beherrscht zu sein. Hat unsere Gesellschaft Pandoras Büchse geöffnet?

Simon Beeck: Das Internet ist für viele von uns ja noch Neuland. Vielleicht hatte Angela Merkel in diesem Bezug wenigstens Recht. Ein Teil der Bevölkerung muss offensichtlich erst noch lernen, was sich im Netz gehört - und was nicht.

Positiver Dreh: Warum ist Courage im Netz wichtig? Und: Womit wird Mut belohnt?

Simon Beeck: Courage ist immer wichtig. Egal ob in der Bahn, auf der Straße oder im Netz; allein oder mit der Hilfe von jemandem. Sich für Schwache stark zu machen, war noch nie verkehrt. Die Belohnung sollte eine innere Zufriedenheit sein, im richtigen Moment das Richtige gesagt/getan zu haben.

Zur Person

Simon Beeck (36) ist Hörfunk- und Fernsehmoderator. Der gebürtige Görlitzer moderiert hauptsächlich für die junge WDR-Welle 1Live. Zeitweilig war er in einer Radioshow gemeinsam mit Jan Böhmermann zu hören.

Zum Preis

Der Grimme-Online-Award ist eine Auszeichnung für publizistisch herausragende Leistungen im Internet. Der Preis wird seit 15 Jahren vergeben. Er ist nicht dotiert. Das Grimme-Institut sitzt in Marl, Nordrhein-Westfalen.

Zur Initiative "Klicksafe"

Seit 2004 setzt "Klicksafe" in Deutschland den Auftrag der EU-Kommission um, Internetnutzern die kompetente und kritische Nutzung von Internet und Neuen Medien zu vermitteln. Der "Klicksafe"-Preis wird seit zehn Jahre im Rahmen der Grimme-Online-Awards-Gala verliehen.

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