Rückbesinnung auf alte Werte: "Spiegel" verzichtet auf die Markierung "investigativ"

 

Es fehlt nur ein Wort, aber der Verzicht auf die Markierung der teilweise selbst recherchierten Meldungen mit dem Label "investigativ" in den Ressorts Deutschland und Wirtschaft ist mehr als eine gewöhnliche Korrektur. Warum das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" auf den Begriff verzichtet und was der stellvertretende Chefredakteur Alfred Weinzierl dazu sagt.

Die Streichung ist Ergebnis der monatelangen Debatten der "Spiegel"-Redaktion zu ihrem journalistischen Selbstverständnis und ihrer Haltung im Zusammenhang mit dem Innovationsreport.

Vor allem die Redaktion hat den "Investigativ-Hype" in beiden Ressorts abgelehnt. Zu sehr erinnert es die Redakteure an Marketing, den sie für nicht notwendig erachten. Dagegen soll die Chefredaktion nach kress.de-Infos lange darauf bestanden haben, dass der Begriff im Blatt bleibt.

Das große Problem: Wo "investigativ" draufstand, war oft nichts "investigatives" drin. Bei vielen Meldungen, die mit der Signatur "investigativ" aufgewertet werden sollen, handelt es sich bei genauer Prüfung um gewöhnliche Nachrichtenware, oft gesteuert von Nachrichtenhändlern in Geheimdiensten, Bundesbehörden, Partei- und Fraktionsspitzen oder anderen gewieften Pressereferenten, die zeitgleich auch der Konkurrenz von "Focus" oder "Bild am Sonntag" gesteckt wurden.

Auf kress.de-Anfrage erklärt der stellvertretende "Spiegel"-Chefredakteur Alfred Weinzierl die Entscheidung offiziell so: "Wir verwenden den Begriff 'investigativ' seit der aktuellen Ausgabe (25/2016) nicht mehr. Investigative Stoffe zu suchen und zu verarbeiten gehört zur DNA des "Spiegel" - entsprechend verdienen viele Geschichten im Heft diese Bezeichnung. Deutschland- und Wirtschaftsmeldungen mit dem Prädikat 'investigativ' hervorzuheben, schien uns deshalb nicht mehr angemessen. Wir verstehen das Weglassen dieses Begriffs als quasi allwöchentliche Detailarbeit am Heft, so wie wir auch Rubriken einführen oder einstellen, jüngst geschehen mit dem 'Global Village' im Auslandsteil."

Die jetzt vorgenommene Korrektur kann also auch als Rückbesinnung auf alte "Spiegel"-Werte interpretiert werden. Gleichzeitig ist es ein Signal an die Branche, genauer hinzuschauen, was wirklich investigativ und was gewöhnlicher Nachrichtenhandel ist. In der Entscheidung spiegelt sich auch die wachsende Skepsis gegenüber dem etwa von dem Rechercheverbund von "Süddeutsche Zeitung", NDR und WDR unter dem früheren "Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo betriebenen, ARD-gestützten Marketing wider, der mit vermeintlichen, oft von Geheimdiensten gespeisten Exklusiv-Nachrichten Agenda-Setting betreibt.

Die vom "Spiegel" jetzt korrigierte Linie sollte auch als Botschaft an die Branche verstanden werden, den inflationär zur Eigen-PR genutzten Begriff "investigativ" mit Bedacht zu verwenden - und zwar nur dann, wenn es sich tatsächlich um originäre Rechercheleistungen handelt.

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