Wurst Case Szenario: Wie Atze Schröder und Wiesenhof schlechte Werbung neu definieren

25.06.2016
 
 

In einem Werbespot für den Geflügelfleisch-Hersteller Wiesenhof sagt der Comedian Atze Schröder unter anderem: "Und, seid ihr bereit für die größte Wurst des Sommers? Hier ist das Ding. Danach müssen Gina und Lisa erst mal in die Traumatherapie." Wie kommt solche Werbung zustande? Und warum kann sie nicht mehr funktionieren? Eine Einordnung von Alf Frommer.

Gute und damit kreative Werbung sollte immer auf der Suche nach einer originellen Idee sein. Sollte man annehmen. Wenn ich zum Beispiel ein Briefing von Wiesenhof bekommen würde zum Thema "Extralange Wurst", wäre mein erster Gedanke: Extralang? Wurst? Genau: Höhöhöhöhö. Und wer lange genug in der Werbung ist weiß: der erste Gedanke, der so offensichtlich ist, dass er jedem sofort einfällt - der kann keine besondere Idee sein. Denn jeder hat sie, dafür braucht man im Grunde keine Werbe-Agentur.

Unverhohlene Anspielung auf Gina-Lisa Lohfink

Aber die Wiesenhof-Werbung ist nicht nur deswegen schlecht oder zotig. Um den ganzen die Krone aufzusetzen, hat der Texter noch eine weitere Geschmacklosigkeit mit extremer Überlänge auf den Grill gelegt: die 20 Zentimeter Mega-Wurst von Wiesenhof ist so lang, "dass Gina und Lisa danach eine Trauma-Therapie" brauchen. Eine mehr als unverhohlene Anspielung auf den vermeintlichen Vergewaltigungs-Fall der TV-Trash-Ikone Gina-Lisa Lohfink. Ein Werbespruch unter der Gürtellinie und jenseits von allem, was Respekt gegenüber Frauen angeht. Vielleicht war der Fall vor einigen Monaten noch nicht so prominent, aber durchaus bekannt, weswegen sich die Frage stellt, wie so ein Spot produziert werden kann. Schließlich durchläuft ein Film-Skript mehrere Kontroll-Stufen.

Zuerst die Arbeit in der Agentur

Zunächst präsentiert ein Texter einem Creative Director seine Idee in der Agentur. Ein guter Creative Director würde wahrscheinlich sagen: "Extralange Wurst und Anspielungen auf das primäre Geschlechtsmerkmal eines Mannes? Bitte keine abgelutschten Klischees!" Und wenn sich dann noch über eine Frau lustig gemacht wird, die gerade versucht in einem Vergewaltigungsprozess zu ihrem Recht zu kommen, dann wäre sowieso Schluss. Das macht man nicht und das kann man auch keinem Kunden vorschlagen. Scheinbar aber schien es für die beauftragte Agentur kein Problem zu sein.

Also entwickelte man ein Storyboard, um es beim Kunden Wiesenhof zu präsentieren. In einem Storyboard bereitet man einen geplanten Spot auf: Verschiedene Schlüssel-Szenen werden gezeichnet und dann mit dem entsprechenden Text zur Szene versehen. So bekommt der Kunde einen genauen Eindruck vom Film. Denn die letztliche Entscheidung zur Umsetzung liegt natürlich bei Wiesenhof. Der Kunde schaut sich die von der Agentur entwickelten Ideen an und sagt dann: das machen wir - oder wir machen es nicht. Auch hier scheint niemand ein Problem gesehen zu haben. Unglaublich, aber wahr. Ich stelle mir gerade vor, wie ich als Creative Director in einem Meeting-Raum bei Wiesenhof stehe und den Film vortanze: "So lang, dass Gina und Lisa in eine Trauma-Therapie müssen". Für mich eine unmögliche Vorstellung, so etwas überhaupt in den Mund zu nehmen.

Sexismus in der Werbung

Wie kann das sein? Sexismus in der Werbung ist natürlich immer latent vorhanden. Werber spielen mit Geschlechter-Klischees und nutzen diese, um alle möglichen Produkte zu verkaufen. Der Wiesenhof-Spot ist hier nur eins von vielen Beispielen, wenn auch besonders schlimm.

"Wir müssen Klischees hinter uns lassen"

Werber müssen sich dieser Kritik stellen und ihre Werbung entsprechend verändern - so wie sich Rollen in unserer Gesellschaft verändern. Frauen sind keine Hausfrauen mehr oder dümmliche Sex-Objekte. Männer saufen nicht nur Bier und glotzen Frauen auf den Arsch. Wir müssen da endlich rauskommen. Das Spiel mit diesen Klischees muss der Vergangenheit angehören, oder sich zumindest an die neuen Gegebenheiten anpassen. Also mit neuen Klischees spielen: der selbstbewussten Business-Frau oder dem neuen, modernen Mann.

Genauso, wie wir als Werber lernen müssen (und alle anderen auch), dass unsere Welt immer digitaler wird, genauso müssen wir lernen, neu mit gesellschaftlichen Themen umzugehen. Sensibel zu sein, empathisch und auf neue Weise emotional.

Atze Schröder und sein Zoten-Humor aus dem vorherigen Jahrhundert sind dafür keine geeigneten Beispiele. Und sie zahlen auch nicht auf die Modernität einer Marke ein. Auch wenn man sich bei überlangen Grillwürsten insgesamt fragen sollte, was daran noch modern ist - wahrscheinlich nichts.

Alf Frommer

PS: Jetzt meldet sich Atze Schröder und entschuldigt sich für den Spot. Das ist gut und richtig, beantwortet aber immer noch nicht die Frage, wie so ein Film überhaupt entwickelt werden konnte.

PPS: Auch Wiesenhof hat sich inzwischen gemeldet. Ingo Strick, Marketing-Geschäftsführer von Wiesenhof, hat sich im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur für den Spot entschuldigt. 

 

Ihre Kommentare
Kopf

Silke

27.06.2016
!

Den Fall gut zusammengefasst und gut kommentiert. Danke für den Beitrag!


Mario H.

27.06.2016
!

Selbst, wenn man von den Vergewaltigungsvorwürfen absieht, ist diese Werbung sowas von unterste Schublade, man glaubt echt nicht, dass ein großes Unternehmen - abseits von Axe - auf diesen Schwachsinn kommt.
Man fragt sich wirklich, wie so ein Spot alle notwendigen Gremien passieren konnte.
Andererseits hat Wiesenhof einen so schlechten Ruf, da mag jede Werbung gut sein...


Karin

28.06.2016
!

1) Es ärgert mich maßlos, dass Wiesenhof und Atze Schröder offenbar mit der Erklärung davonkommen, der Spot hätte im Kontext der aktuellen Berichterstattung nicht veröffentlicht werden dürfen. Denn auch wenn es den Gerichtsprozess im Moment nicht gäbe, selbst wenn Gina und Lisa zwei frei erfundene Figuren wären, der Traumatherapie-Satz ist in jedem Kontext ein Vergewaltigungswitz. Er hätte also nicht nur nicht veröffentlicht werden sollen, sondern niemals produziert werden dürfen!


Karin

28.06.2016
!

2) Wiesenhof, so habe ich den Eindruck, spricht ziemlich bewusst gerade nicht eine moderne Klientel an. Jedenfalls stolpere ich ziemlich über den Werbeslogan „Wiesenhof: *deutsches* Geflügel von regionalen Höfen“. Abgesehen davon, dass es sich bei den Massenzuchtanlagen eher nicht um „regionale Höfe“ im allgemein gebräuchlichen Sinn handelt, sieht es doch so aus, als würde sich Wiesenhof einer rechtslastigen Klientel andienen. Da braucht braucht man nicht mit empathischer Werbung zu kommen.


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