"kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand im Editorial: Warum ARD und ZDF keine Fußballspiele übertragen sollten

 

Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern wird sich Markus Wiegand, Chefredakteur von "kress pro", keine neuen Freunde machen. Im Editorial der neuen Ausgabe von "kress pro" erklärt Wiegand, selbst Fußball-Fan, warum ARD und ZDF keinen Fußball mehr übertragen sollten.

Falls Sie nach der Lektüre des Editorials glauben, dass der Chefredakteur dieses Magazins Fußball hasst, darf ich Ihnen versichern, dass das Gegenteil der Fall ist. Ich kann mühelos einen ganzen Abend damit verbringen, über die Magie des Spiels von Barca-Star Andrés Iniesta zu philosophieren. (Was im Übrigen nicht alle Arbeitskollegen über Stunden so recht zu erfreuen vermag.)

Meine Passion für das Spiel ändert aber nichts daran, dass der Fußball inzwischen ein Geschäft ist, das zu viele Merkwürdigkeiten produziert. Nach Recherchen dieses Magazins verdienen öffentlich-rechtlich bezahlte Fußball-Experten wie Mehmet Scholl (ARD) und Oliver Kahn (ZDF) zum Beispiel exorbitante Beträge damit, dass sie das Volk über die Kunst des Feldspiels aufklären. Daran wäre absolut nichts Verwerfliches, würden die Ex-Profis von privaten Sendern bezahlt. Solange Scholl und Kahn aber durch Gebührengelder honoriert werden, ist es ein Skandal. Die überragende Mehrheit der Zuschauer würde solche Summen niemals billigen, wenn sie davon wüsste. Darum halten ARD und ZDF die Honorare für ihre Fußballvolksaufklärer lieber geheim. Eigentlich müssten Scholl und Kahn Geld mitbringen, um die gemeinschaftlich finanzierte Plattform nutzen zu dürfen. Schließlich vermarkten sich beide als Werbeträger und ihr Wert liegt vor allem darin, dass sie auf quotenträchtigen Plätzen dauerhaft präsent sind.

Exorbitante Summen

Die Bezahlung der TV-Experten illustriert anschaulich ein grundsätzliches Problem. Die öffentlich-rechtlichen Sender geben viel zu viel Geld für ihr Sportprogramm aus. Allein die ARD zahlt zwischen 2013 und 2016 eine Milliarde Euro für Sportrechte. Ein großer Anteil geht an Sportverbände wie die FIFA, die UEFA und das IOC, die seit Jahren beständig durch Korruption und Intransparenz auffallen. In der Vergangenheit haben die Gebührenzahler diese Systeme mit exorbitanten Summen gestützt.

Dazu kommt ein anderes Ärgernis: Das ZDF, das immerhin einige Zahlen zu den Programmkosten nennt, gibt jedes Jahr deutlich mehr als doppelt so viel Geld für Sportsendungen aus (2011 bis 2014: durchschnittlich 233 Mio. Euro pro Jahr) als für tägliche Nachrichten und Informationsmagazine (rund 104 Millionen Euro). Allein für den Sportrechte-Etat eines Jahres (rund 182 Millionen Euro) könnte das ZDF mehr als 2.000 Journalisten (!) beschäftigen, die statt Halligalli beim Sport-Ballaballa für den Informationsauftrag und damit den Kernauftrag der Öffentlich-Rechtlichen arbeiten würden.

Kein Zuschauer müsste deswegen auf Spitzenfußball verzichten: Denn den würden private Sender liebend gerne übertragen, solange öffentlich-rechtliche Sender sie nicht bei der Rechtevergabe mit ihren Gebührengeldern überbieten und eine Refinanzierung verunmöglichen. In Wahrheit erwerben ARD und ZDF die Sportrechte für Fußball-Turniere oder Olympische Spiele vor allem, um sich selbst in der Öffentlichkeit zu legitimieren. Sie kaufen Marktanteile ein. Das ist das eigentlich Traurige: das Überleben des dualen Systems hängt inzwischen stärker von den Vertikalpässen eines Toni Kroos ab als von der Qualität der Informationssendungen.

Zum Schluss noch ein kühner Gedanke, den man möglicherweise nicht gerade während einer Fußball-EM äußern sollte, wenn sich wildfremde Menschen vor Großbildleinwänden in den Armen liegen, weil Deutschland mal wieder das Runde ins Eckige geschossen hat: Es ist absurd, dass Fußball von der Politik zur Grundversorgung geadelt wurde. Ein Beispiel: Der durchschnittliche Marktanteil der ARD-Bundesliga-Sendungen betrug 2014 gerade einmal 22,8 Prozent. Die übergroße Mehrheit der Zuschauer interessiert sich also nicht für den so arg umkämpften Bundesliga-Fußball, den sie zwangweise mitbezahlt.

Hätte die Politik Mut, würde sie zulassen, dass Fußballspiele exklusiv nur noch im Pay TV zu sehen sind. Die Anbieter würden wohl schon im eigenen Interesse viele abgestufte Bezahlmodelle bis zu Einzelspiel-Käufen anbieten. Und dann könnte jeder selbst entscheiden, was ihm die Magie des Spiels wert ist.

PS: Wenn Sie auch das Spiel von Andrés Iniesta mögen oder diesen Kommentar kommentieren möchten - schreiben Sie mir bitte an: markus.wiegand(at)kresspro.de.

kress.de-Tipp: "ARD und ZDF verpulvern für die Fußball-EM das Geld der Gebührenzahler. Ex-Profis und UEFA dürfen sich freuen" lautet eine der vielen spannenden Storys im neuen "kress pro", das wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer erscheint. Die "kress pro"-Ausgabe kann hier im Newsroom.de-Shop bestellt werden. Zum Abo geht es hier entlang. NEU: "kress pro" gibt es jetzt auch im ikiosk.

Ihre Kommentare
Kopf

Ulrich Scharmer

28.06.2016
!

Ich finde schon lange, dass es nicht Aufgabe des öffentlich-rechtlichen, durch Gebühren finanzierten Rundfunk/Fernsehens ist, solche Unsummen (= mehr als doppelt so viel wie für Nachrichten- und Informationssendungen) für Sportübertragungen auszugeben.


GG

28.06.2016
!

Bravo!! Jedes Monat verlangen die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Zwangsabgabe und liefern während Sportveranstaltungen (wie auch im gesamten Sommer) nur Wiederholungen oder die tausendste Talkshow mit den immer gleichen Themen und Gesprächspartnern. Für Menschen, die sich wie ich nur sehr begrenzt für Sport interessieren, ist es eine Zumutung. Es wäre schön, wenn mal wieder Gelder für anspruchsvolle eigen produzierte Filme, Dokumentationen und Serien in die Hand genommen würden.


Steffen

28.06.2016
!

Auch wenn es kress, BILD und WAZZ nicht passen mag - genau das ist der Grund weshalb die ÖR UNBEDINGT weiterhin Fussball übertragen sollten. Eine EM oder WM ist weit mehr als ein Unterhaltungsereignis, Einschaltquoten von 30-40 Prozent belegen klar, dass es sich um ein Bedürfnis des grßten Teils der Bevölkerung handelt, sich hierzu direkt und unmittelbar zu informieren.


Olli_nicht_der_Kahn

28.06.2016
!

dieser Kommentar ist einfach nur beschämed, ein bezahlter Lobbyist des Privatfernsehens macht Simmung gegen die ÖR... was Sie beflissentlich verschweigen, ist die Tatsache, die Preistreiberei durch die Privatsender mitverantwortlich ist für die massiv gestiegenen Kosten der Sportübertragungen. Ihre Behauptung ein Monopol der Bezahlsender würde zu günstigen Angeboten führen ist einfach nur lächerlich...


Manfred Reinhardt

28.06.2016
!

... Herr Wiegand spricht mir aus der Seele!!
Auf Scholl und Kahn - für mich nervtötende Dampf“experten“ -
kann gut und sehr gern (nicht nur aus Geldgründen!) verzichten.
Dazu werden ja überflüssigerweise noch weitere “Experten“ von ARD und ZDF “geladen“. Unglaubliche Anstaltsleistung! Die Honorare müssten die Intendaten bezahlen.


Stefan Herbst

28.06.2016
!

Ich habe mir jetzt beide Seiten durchgelesen. Während Herr Scholl, Herr Kahn, als auch die betreffenden Sender damit beschäftigt sind zu dementieren, nennt Herr Wiegand Zahlen und Fakten.


Henrik Wagner

28.06.2016
!

"Für Informationsauftrag und damit den Kernauftrag arbeiten" ist Käse. Das schaut doch eh Keiner. Ich finde es gut, dass mit den Gebühren mal was Vernünftiges finanziert wird. Außerdem kann man seit dieser EM die Übertragungen per DVB-T2, Kabel und Satellit in HD sehen. Die privaten würden dafür auch ihre Gebühren verlangen!!!


Weigl

28.06.2016
!

Es findet sich leider keinerlei Recherchebeweis, dass die Summen wirklich stimmen. Sicherlich ist es fragwürdig, wenn Gebührengelder für derartige Zwecke verschleudert wird. Aber zum einen sind die Privaten an der Preistreiberei bei Sportrechten nicht ganz unschuldig und zum anderen lassen Sie im Falle der Bundesliga die Vereine vollkommen außen vor. Die haben ein absolutes Interesse daran, dass es im öffentlich rechtlichen gesendet wird.


Ute

29.06.2016
!

Es gibt wichtige Dinge, über die man berichten kann und nicht über das Gehalt eines Mehmet Scholl. Es gibt überall so viele überhöhte Gehälter und Korruption noch dazu. Diese Leute(z.B.Bankencrash) werden nicht mal ordentlich zur Rechenschaft gezogen. Noch dazu macht Scholl seinen Job gut und bringt den Fußball vielen näher. Mal eine positive Sache in Zeiten, wo es überall wirklich viele schrecklich Dinge gibt.
Herr Wiegand soll sich lieber um essentielle Themen kümmern und mehr Toleranz zeigen.


Schweizer Sperber

29.06.2016
!

Bravo. Diese Diskussion wäre schon längst auch in der Schweiz (SRG) fällig. Viele Zuschauer interessieren sich nicht für Fussball, finanzieren aber via Billag-Gebührengelder zwangsweise eine FIFA mit.


Hans

30.06.2016
!

...und wieder ein Beispiel, wie aus der Ecke der privaten Rundfunkanbieter Stimmung gegen die öffentlich-rechtlichen Anbieter gemacht wird.
Die Preise beim Fussball haben einzig die Privaten in exorbitante Höhen getrieben!!
Sollen EM und WM auch noch zum Pay_TV abwandern? Nein!


Manfred Millmann

01.07.2016
!

Hier versenken die Sender die Gelder, die im Kulturbereich der Radioanstalten fehlen. Das Geld, das man der Fussballindustrie zusteckf, fehlt dann an anderer Stelle, wenn es um Erfuellung des Bildungsauftrags geht. Ob die hochbezahlten "Experten" ihre Einnahmen wenigstens versteuern ?


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