Paul-Josef Raue über den holprigen Start von "Perspective Daily": Lange Texte! Aber lang allein bringt keine Qualität

 

Wie ist der Journalismus im Internet zu retten? Mehr Qualität!, rufen alle, die ihn wirklich retten wollen. Und was ist Qualität? Lange Texte, in denen die Leute verweilen und wirklich lesen, statt ein paar Sekunden über Schlagzeilen, Teaser und Bilder zu huschen: Markenartikel also statt Massenware. Der Auftakt zu Paul-Josef Raues neuer Kolumne "Journalismus!".

Fordert das menschliche Gehirn heraus!, propagierte Miriam Meckel, "Wirtschaftswoche"-Chefredakteurin, bei den Münchner Medientagen: "Wichtiger als Klickzahlen sind Verweildauer und Interaktion." Und wer wagt es, das menschliche Gehirn herauszufordern?

Drei junge Leute versuchen es: Sie gründeten Anfang des Jahres "Perspective Daily", brachten nach eigenen Angaben 14.000 Menschen dazu, Geld für die Überzeugung zu spenden, "Online-Medien sollten mehr tun, als Skandale aufzudecken und mit minütlichen Updates um Aufmerksamkeit zu buhlen".

Zumindest im heimischen Münster wehte ein Lüftchen wie aus dem Silicon Valley: "Megatrends entstehen übrigens auch in #muenster. Start-Up @PDmedien stellt Journalismus der Zukunft vor" twitterte ‏@wirtschaft_msl auf ihrem Zukunftstag.

Vor sieben Tagen ist "Perspektive Daily" gestartet mit einer 24-köpfigen, männlich dominierten Redaktion, die so aussieht, wie man sich eine moderne Online-Truppe wohl vorstellen muss: 11 Autoren, 3 Entwickler, 3 Öffentlichkeitsarbeiter, 2 Designer, 2 Lektoren bzw. Textberater, 2 Praktikanten, 1 Social Media.

Die ersten Texte sind erschienen. Beurteilt man sie an den selbst aufgestellten Maßstäben fällt die Hälfte durch: Keine Recherche, schwache Lösungen, aber viel Leidenschaft, in dreitausend Wörtern die Welt zu retten.

"Blood Oil" ist die Geschichte über unser Öl, das wir größtenteils von Diktatoren beziehen. Es hat ein starkes, emotionales Titelbild, das ins Thema zieht: Doch zeigt es ein Gasfeld in Algerien, also keine Ölfeld, wie die Überschrift nahelegt. Eine Buchbesprechung folgt samt Skype-Interview mit dem Buchautor Leif Wenar, einem Rechtsphilosophen aus London. Und die Lösung? Fair-Trade-Zapfsäulen an unseren Tankstellen.

"Mit Tomaten zu mehr Jobs, Gesundheit und Sicherheit" ist eine schon Hunderte Mal geschriebene Geschichte über ein Wasser-Projekt in Afrika. Und im Ernst: Wer lässt sich in eine Reportage ziehen mit solch einer Überschrift und einem ebenso reizlosen Aufmacher-Foto? Da retten auch nicht die Erklärungen und Links, die grafisch vorbildlich - also den Lesefluss nicht störend - in und an allen Texten eingefügt sind.

"Perspective Daily" hat sich dem konstruktiven Journalismus verpflichtet: Probleme entdecken, analysieren, Lösungen anbieten. Einem Artikel gelingt es vorbildlich:

"Auf einen Experten im Rathaus kommen Tausende auf der Straße" über die Podemos-Bewegung in Spanien, geschrieben von Gitti Müller: Das Thema ist aktuell und erschien wenige Tage vor der Wahl in Spanien, es ist tief recherchiert, zeigt Leidenschaft für Partizipation, aber immer genährt durch Fachwissen, es bietet wissenschaftlich fundierte Lösungen an für jeden, der es Podemos nachmachen will, und sei es im Kleinen.

Gitti Müller erzählt vom Entstehen der Bewegung, vergleichbar den Piraten in Deutschland, aber professioneller und erfolgreicher. Sie verknüpft die spannende Geschichte einer Bürgerbewegung mit dem wissenschaftlich gut erforschten Phänomen der Schwarm-Intelligenz, mit dem man offenbar nicht nur ein Lexikon schreiben, sondern auch ein großes Land umkrempeln kann.

Die Reporterin verzichtet auf eine blauäugige Verbeugung vor Bürger-Engagement und beschreibt, wie Moderatoren dem Schwarm Orientierung geben und auf Regeln achten, damit "eine Sache nicht aus dem Ruder läuft", und wie 19 Mitarbeiter den Web-Auftritt managen:

"Diese zentrale Instanz kann eingreifen, wenn falsche Informationen gestreut werden, sogenannte Trolle ihr Unwesen treiben oder der Schwarm in eine andere Richtung zu schwimmen droht. So werden 2 Herausforderungen bewältigt: Jede Debatte erhält genügend Zeit, um die Intelligenz des Schwarms auch wirklich nutzen zu können und es gibt Hauptakteure, die den Prozess steuern."

Der Artikel ist eine gelungene Mischung aus Reportage und Analyse, der am Ende eine Gebrauchsanweisung für Bürgerbeteiligungen bietet nebst kostenloser Software für E-Demokratie.

Beeindruckend ist der Ansatz von "Perspective Daily", Wissenschaft und Wissenschaftlern mehr öffentliches Gewicht zu geben: Sie bewegen die Welt mehr als Politiker, sie verändern das Leben der Menschen stärker, als die meisten auch nur ahnen, sie tun in der Regel viel Gutes, aber sie bleiben im Schatten der Medien und treten nur beim Nobelpreis ins Licht der Scheinwerfer.

"Wie wir schlechte Gewohnheiten brechen", ein Artikel über die Macht der Gewohnheiten, beweist, wie schwer es ist, drei Perspective-Werte gleichzeitig zu erfüllen: Verständlich, anschaulich und wissenschaftlich genau zu schreiben. Der Beitrag ähnelt den netten Focus-Ratgeber-Titeln, die man schnell wieder vergisst. Maren Urner braucht mehr als dreitausend Wörter, um wissenschaftlich zu belegen, was jeder weiß: Gewohnheiten sind hartnäckig und nur schwer zu verändern.

Die Autorin verlinkt durchweg auf englisch verfasste Literatur und fällt in ihren Sätzen immer wieder in den wissenschaftlichen Jargon: "Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass das simple Wiederholen eines Verhaltens in einem bestimmten Kontext dazu führt, dass das Verhalten ab einem bestimmten Zeitpunkt durch den Kontext allein ausgelöst wird."

29 Wörter und nichts blitzt im Hirn auf: Sieben Substantive - davon drei substantivierte Verben - und vier mäßig attraktive Verben. Um die Autorin zu retten, sei der folgende Satz zitiert, der anschaulich ist und versucht, dem akademischen Stil zu entfliehen:

Wenn ich also lange genug jedes Mal nach dem Aufstehen die Laufschuhe schnüre, reicht irgendwann das Klingeln des Weckers aus, um mich scheinbar ferngesteuert meine Schuhe schnüren zu lassen - selbst wenn ich keine Motivation oder Lust verspüre, durch den morgendlichen Nieselregen zu rennen.

Die Szene kann sich jeder vorstellen: Ein kleiner Film läuft im Kopf ab, im Gegensatz zum vorhergehenden Satz; aber vom wissenschaftlichen Jargon löst er sich noch nicht: Neun Substantive und vier Verben. Wer mehr Substantive in einen Satz bringt als Verben, beugt sich den Bürokraten, die ihre Sinne beim Schreiben ausschalten. Wie zertrümmere ich diesen Satz?

Ich stehe auf und schnüre jeden Morgen die Laufschuhe: Irgendwann schnüre ich, sobald der Wecker klingelt, scheinbar ferngesteuert meine Schuhe - selbst wenn ich keine Lust habe, durch den Nieselregen zu rennen.

So schreibt kein Bürokrat, kein Wissenschaftler, so schreibt ein Journalist: Sechs Substantive und sechs Verben. Kann man dies lernen? Ja. "Es dauert 18 bis 254 Tage, um eine neue Gewohnheit zu etablieren", schreibt die Autorin; übrigens ein schöner, verständlicher Satz, ausgewogen zwischen Substantiven und Verben, so soll es sein.

Doch jenseits des Sprachstils enttäuscht der Inhalt. Am Ende weiß ich: Wie schaffe ich es, nur noch selten Schoko-Plätzchen zu essen? Ist das ein relevantes Thema?

Fragen, die sich aufdrängten, stellt die Autorin nicht, also fehlen auch die Antworten:

o Wie ändern sich politische Gewohnheiten?

o Wie werden aus Stammwählern Wechselwähler? Oder aus CDU-Wählern AfD-Wähler?

o Wann vertraue ich meiner Marke, etwa beim Autokauf, nicht mehr? Reicht eine Software-Manipulation in den USA? Oder ist die Gewohnheit stärker?

Solche Fragen entstehen, wenn sich eine Redaktion zusammensetzt und über ein Thema spricht und streitet.

Der Start ist holprig, und Kritik nicht möglich: Die Kommentar-Funktion ist noch nicht aktiv. Aber so ist das mit den Neuen in der digitalen Welt: So wie andere Software als Beta-Version ins Netz werfen, tun dies Perspective Daily mit Artikeln: Beta-Journalismus mit guten Aussichten. Zudem müssen die Gründer über Kongresse, Messen, Zukunfts-Tage und in TV- und Hörfunk-Studios laufen, um für die gute Sache zu werben. Da bleibt wenig Zeit fürs Produkt, fürs Schreiben und Themen-Debatten.

Und wie werden die Aussichten gut? "Gemeinsam mit Forschungseinrichtungen, Organisationen und anderen Fachmenschen arbeiten wir im Team an unseren Beiträgen", so steht es auf der Webseite. Da haben wir schon eine Lösung, den Rest muss die Textberaterin erledigen.

Paul-Josef Raue (65) berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt und Marburg. Er gründete mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch-deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standwerk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

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