Bettina Schausten und Thomas Walde im Interview: "Wir hängen nicht am Rockzipfel der Regierung"

 

Lassen die Hauptnachrichten-Sendungen der öffentlich-rechtlichen Sender bestimmte Themen erst zu, wenn die Regierung sich geäußert hat? Und klingt der Sound der Interviews regierungsamtlich? Die Moderatoren von "Berlin direkt", Bettina Schausten und Thomas Walde, stellten sich im kress.de-Interview diesen und weiteren kritischen Fragen.

kress.de: In seinem aktuellen Buch wirft der ehemalige "FAZ"-Redakteur und Publizist Stefan Schulz den Hauptnachrichten in ZDF und ARD vor, dass sie bestimmte Themen erst zulassen, wenn die Regierung sich geäußert hat. Teilen Sie diese Einschätzung?

Bettina Schausten: Natürlich nicht! Es gibt journalistische Kriterien, nach denen unsere Nachrichten und unsere politischen Programme arbeiten – an denen orientieren wir uns. Da geht es nicht darum, ob sich irgendeine Regierung schon geäußert hat oder nicht. Und ich würde jetzt wirklich gerne eine Rückfrage an den ehemaligen Kollegen stellen, woher er diese intime Kenntnis hat.

Thomas Walde: Wir füllen die Programme, für die wir verantwortlich sind, mit Inhalten, die wir für relevant halten. Wenn eine Regierung sich zu einem bestimmten Sachverhalt äußert, erscheint das vielleicht automatisch eher auf der Agenda – aber wir orientieren uns nicht daran, was auf der Kabinettssitzung am Mittwoch steht und berichten dann darüber. Viele Dinge finden jenseits des Einflussbereichs der Regierung statt, wir hängen nicht an deren Rockzipfel.

In den sozialen Netzwerken wird immer wieder die Kritik geäußert, dass der Sound der Interviews regierungsamtlich klingen würde.

Bettina Schausten: Einige Interviewer fragen nüchterner und sachlicher, die anderen zugespitzter. Das mag manchen Menschen nicht gefallen, aber ich halte diesen Vorwurf in dieser Allgemeinheit für nicht gerechtfertigt.

Thomas Walde: Es dem Internet recht zu machen ist, glaube ich, nicht möglich. Wir bemühen uns eigentlich immer darum, eine Gegenposition zu dem Gast zu beziehen, egal wer das ist. Je nachdem, welcher Gast gerade da war, kommt die Kritik hinterher aus völlig unterschiedlichen Richtungen – das ist für uns ein Indiz dafür, dass das Interview okay war. Generell gibt es für jede Kritik ein Argument, in jede Richtung. Wenn wir uns danach richteten, hätten wir schon verloren.

Verfolgen Sie die Debatten auf Twitter oder auf Facebook, interessiert Sie das für die tägliche Arbeit?

Bettina Schausten: Ja, natürlich! Im Internet ist man stärker mit dem Eindruck konfrontiert, dass Journalisten ihren Auftrag, kritisch zu hinterfragen und die vierte Gewalt zu sein, nicht mehr in der Weise ausfüllen, wie das von ihnen erwartet wird. Diese Entwicklung trifft nicht nur das Fernsehen, sondern hat eher mit einem Glaubwürdigkeitsverlust großer Organisationen und Institutionen insgesamt zu tun. Damit muss man sich auseinandersetzen.

Thomas Walde: Mir macht Twitter viel Spaß, so lange eine gewisse Grenze in der Tonalität nicht unterschritten wird. Generell bekommen bei uns alle eine Antwort und die Leute wissen es zu schätzen, wenn man sie ernst nimmt.

Frau Schausten, Sie hatten ja früher mit dem heutigen Regierungssprecher Steffen Seibert beruflich zu tun. Genießen Sie dadurch eine Sonderbehandlung?

Bettina Schausten: Das ZDF erfährt weder eine Vorzugsbehandlung noch haben wir einen Vorteil dadurch, dass der Regierungssprecher mal hier gearbeitet hat. Und ich will den auch gar nicht haben, ehrlich gesagt, ich setze auf faire Gleichbehandlung.

Leben die politischen Journalisten in Berlin unter einer Politikglocke?

Thomas Walde: Das ist schwer zu generalisieren. Klar gibt es zumindest die Gefahr eine Nähe-Distanz-Problemes, wenn man sich von morgens früh bis abends spät sieht. Dessen muss man sich bewusst sein. Aber grundsätzlich hängt das natürlich auch davon ab, ob man Teil des Ganzen sein möchte oder sich davon nicht beeindrucken lässt und einfach seinen Job macht. Bei unseren Kollegen sehe ich eher nicht, dass denen Heiligenscheine wachsen, oder dass sie glauben, der große Glanz fällt auf sie ab, weil sie vielleicht mit der Ministerin oder dem Minister irgendwo dienstlich auf Reisen gehen.

Wo gibt es Schnittmengen zwischen politischer und medialer Klasse?

Bettina Schausten: Natürlich dort, wo man sich auf dem gleichen Parkett bewegt und bewegen muss. Durch diese räumliche Nähe muss man ein klareres inneres Rüstzeug haben. Darüber hinaus glaube ich, dass politische Hauptstadtberichterstattung im Grunde ganz ähnlich ist wie Lokaljournalismus, der vor Ort über den Stadtrat berichtet. Der Beruf hat eigene Bedingungen und die liegen darin, dass man täglich und unmittelbar mit dem Gegenstand seiner Berichterstattung konfrontiert ist. Es erfordert also eine eigene klare journalistische Haltung zu wissen, zu welcher Seite man gehört – und eine Äquidistanz in alle Richtungen.

Thomas Walde: Eine Gemeinsamkeit ist auch, dass beide Beteiligten, was fürs demokratische Gemeinwesen tun wollen. Und aus dieser Gemeinsamkeit erwächst die besondere Pflicht, die Trennschärfe sehr genau zu markieren.

Gibt es etwas, was Sie an Ihrer Sendung ändern würden, wenn Sie könnten?

Bettina Schausten: Ich will da gar nicht groß was ändern, sonst könnte ich’s ja tun. Denn zu überlegen, ob Sommerinterviews noch zeitgemäß sind und wie man sie angeht, oder welche Themenmischung und welche Gäste man für "Berlin direkt" plant, ist ohnehin unsere Arbeit. Von daher müssen Sie davon ausgehen, dass die Sendungen tatsächlich unserem Wunsch und Willen entsprechen.

Thomas Walde: Ich fürchte auch, wir haben keine Entschuldigung vorzubringen. Wir können die Fragen stellen, die wir wollen, wir können thematisieren, was wir in der Redaktion für richtig halten ... Keine komplette Carte Blanche, aber im Rahmen des Auftrages können wir das wirklich machen, wie wir wollen.

Das Interview mit den Moderatoren von "Berlin direkt", Bettina Schausten und Thomas Walde, führte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hintergrund

Während der parlamentarischen Sommerpause interviewen die Moderatoren von "Berlin direkt", Bettina Schausten und Thomas Walde, die Partei- oder Fraktionsvorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien.  Sechs "Berlin direkt"-Sommerinterviews werden sonntags, 19:10 Uhr, ausgestrahlt. Die "Berlin direkt"-Sommerinterviews sind seit über 25 Jahren fester Bestandteil des ZDF-Sommerprogramms. Das erste wurde 1988 im Rahmen der Sendung "Bonn direkt" gezeigt.

Bettina Schausten ist seit April 2010 Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios. Sie arbeitet als Moderatorin von "Berlin direkt", den ZDF-Wahlsendungen (seit 2003) und von "Was nun?" zusammen mit Peter Frey. Von 2003 bis 2010 war sie Leiterin der Hauptredaktion Innenpolitik in Mainz, Präsentatorin des ZDF-Politbarometers und Moderatorin von ZDF-spezial-Sendungen. Zuvor leitete und moderierte sie drei Jahre lang das "ZDF-morgenmagazin". Schausten ist seit 1996 für das ZDF tätig, vorher für den Südwestfunk Mainz.

Thomas Walde ist seit April stellvertretender Leiter des ZDF-Hautpstadtstudios. Zuvor arbeitete er für das ZDF als Korrespondent (Washington, London). Er war Chef vom Dienst bei "Frontal 21" und Redaktionsleiter des "auslandsjournal". Vor seiner ZDF-Zeit stand er als Redakteur im Dienst von Vox und Radio Bremen.

Ihre Kommentare
Kopf

M. Sachse

30.06.2016
!

Die Nähe der Journalisten/innen wurde immer mehr zu einem Problem, wie die in vielen Themen undifferenzierte Berichterstattung eindeutig belegt.

https://text030.wordpress.com


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