"Journalismus!" - die Paul-Josef-Raue-Kolumne: "Wir sind keine Anti-Pegida"

 

In seiner kress.de-Kolumne "Journalimus!" schreibt Paul-Josef Raue in dieser Woche über Zeitungen, die Nationalitäten von Straftätern nennen - und die Debatte zur Richtlinie 12.1.

Der Tweet kam am Samstag kurz nach Mitternacht: "Warum die Sächsische Zeitung künftig die Nationalität von Straftätern nennt." Der Tweet verwies auf "Fakten gegen Gerüchte", einem Online- Beitrag von Oliver Reinhard, Kulturredakteur der "Sächsischen Zeitung".

Darin stehen die provokanten Sätze:

"Wir haben nach durchaus kontroversen Diskussionen beschlossen, uns bei der Berichterstattung über Ausländerkriminalität ab heute nicht mehr an die Richtlinie des Deutschen Presserates zu halten. Stattdessen werden wir künftig die Herkunft von Straftätern oder Verdächtigen in jedem Fall angeben. Egal, ob es sich dabei um Deutsche handelt, was die Regel ist, oder um Ausländer."

Weit entfernt von der Pegida-Hochburg Dresden, am anderen Ende der Republik, hatte die "Schwäbische Post" schon vor einem Jahr mit der Regel gebrochen. "Wir nennen die Nationalität auch bei Ladendiebstählen", schrieb Chefredakteur Lars Reckermann in einem Beitrag für die Drehscheibe:

"In fast jeder Polizeimeldung bei Ladendiebstählen wurden Algerier von der Polizei benannt. Anfangs haben wir den Pressekodex noch eins zu eins umgesetzt. Dann haben wir aber entschieden, dass wir damit eigentlich eine Nachricht verschweigen. Ja, es gibt das Problem mit zunehmenden Ladendiebstählen - und das hatte auch einen Grund. Wir haben neben der Polizei auch mit einigen Ladenbesitzern gesprochen und bekamen den Eindruck bestätigt. Also nennen wir die Nationalität."

Die heftigen Lügenpresse-Vorwürfe von Lesern, Redakteure seien fremdgesteuert, erreichten auch den Presserat, von dem zudem Chefredakteure forderten, die Richtlinie 12.1 komplett zu streichen oder neu zu formulieren. Es dürfte spätestens nach der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte keine Redaktion in Deutschland mehr geben, in der "Richtlinie 12.1" nicht bekannt ist und diskutiert wird. Darum geht's:

RICHTLINIE 12.1 - BERICHTERSTATTUNG ÜBER STRAFTATEN
In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Als sich am vergangenen Freitag ein Dutzend Ombudsleute deutscher Zeitung im Sauerland traf, war Richtlinie 12.1 auch das beherrschende Thema. Thorsten Spiegel, für Recht und Sicherheit im Plettenberger Rathaus zuständig, war Gast der Runde und wunderte sich über die Debatte. Er verwies auf den Artikel 3 des Grundgesetzes, in dem noch schärfer und ausführlicher ein Verbot der Diskriminierung ausgesprochen wird:

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Dieser Verfassungs-Artikel binde, so Thorsten Spiegel, zwar erst einmal nur den Staat, aber: Warum sollten sich Redaktionen nicht an diese Norm halten? Wahrscheinlich hatten sich auch die Autoren des Pressekodex Anfang der siebziger Jahre am Grundgesetz orientiert und die wichtigen Regeln des Staates als die Regeln der Presse übernommen.

So ähnlich sieht es der Deutsche Presserat, der im März tagte und kein Jota von der Richtlinie abweichen will und sie als "ethische Verpflichtung seit Jahrzehnten" preist. Allerdings hinterlässt die heftige Kritik am Presserat doch deutliche Spuren.

Wer die Richtlinie 12.1 liest, der liest sie schon als Handlungsanweisung: Nenne nicht den Fremden! Das sei aber nicht so gemeint, mildert der Presserat das ab, was sprachlich schon eindeutig als Verbot zu verstehen ist. Nein, schreibt Tilmann Kruse, der Sprecher des Presserats: Kein Verbot, nur ein Gebot, "diese Herkunftsinformation zu unterlassen, wenn die Diskriminierungsgefahr höher zu veranschlagen ist, als die Information zum Verständnis des berichteten Vorgangs beiträgt".

Ob jeder Redakteur, der kein Jura studiert hat, den feinen Unterschied von Verbot und Gebot kennt? Und wer den Unterschied nicht kennt, weiß eines: Die Nichtbeachtung des Gebots kann durchaus eine Rüge nach sich ziehen.

"Das Nichtnennen der Nationalität kann Raum für Gerüchte schaffen, die häufig genau denen schaden, die wir doch schützen möchten."

Das Gebot 12.1 drehte Ulrich Schulte, der Bürgermeister von Plettenberg, beim Ombudsleute-Treffen in die andere Richtung: Die Richtlinie war lange als Schutz der Minderheiten richtig; heute wäre es wohl richtig, sie durch Bekanntgabe der Nationalitäten zu schützen - weil überall von ihnen die Rede ist, bei Facebook, in den anderen sozialen Netzwerken und im Polizeibericht.

Ähnlich argumentiert auch Oliver Reinhard, der Dresdner Kulturredakteur. Er verweist auf "Stigmatisierung von Minderheiten", denkt an die brennenden Asylanten-Häuser und fragt: Schützt die Richtlinie wirklich die Minderheiten? Offenbar ist die Mehrheit seiner Redaktion am Dresdner Elbufer vom Gegenteil überzeugt:

"Gerade das Nichtnennen der Nationalität von Straftätern und Verdächtigen kann Raum für Gerüchte schaffen, die häufig genau denen schaden, die wir doch schützen möchten. Wie die meisten unserer Kollegen halten auch vier von fünf SZ-Abonnenten die Nennung der Nationalität von Tätern nicht für diskriminierend und plädieren ebenfalls dafür, die Nationalität zu nennen."

Es ist eine vorbildliche Spezialität des Dresdner Chefredakteurs Uwe Vetterick, sich nicht nur aufs Bauchgefühl zu verlassen, sondern sich von Wissenschaftlern beraten zu lassen; zweimal hat er damit schon den Deutschen-Lokaljournalisten-Preis für die "Sächsische Zeitung" gewonnen. Um herauszufinden, wie die Leser über seine Zeitung urteilen, hat er sich also nicht nur auf Mails, Leserbriefe und Gespräche verlassen, sondern Professor Lutz Hagen um eine repräsentative Umfrage unter den Abonnenten gebeten; Hagen lehrt am Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden.

Das sind die Ergebnisse:

  • Zwei Drittel der SZ-Leser gibt der Redaktion eine sehr gute und gute Note, ein Drittel ein befriedigend.
  • Drei Viertel sagt: Am Vertrauen in die Sächsische Zeitung hat sich seit Beginn der Flüchtlingskrise nichts geändert.
  • Nur ein Viertel glaubt, Medien verschwiegen aus Rücksicht die Herkunft ausländischer Straftäter. Die Hälfte der Abonnenten ist nicht dieser Meinung.
  • Aber fast die Hälfte meint: Diese Rücksicht sei eine Anordnung von oben.
  • Zwei Drittel sind überzeugt: Ausländer sind nicht krimineller als Deutsche.

Die Ergebnisse dieser Umfrage decken sich mit der einer Studie des Münchner Kommunikationsforschers Carsten Reinemann, die in dieser Kolumne im März vorgestellt wurde (Was kommt nach der Lügenpresse?): Das Vertrauen der Bürger in ihre Medien hat sich in den vergangenen Jahren nicht dramatisch verändert. Wer nur auf Pegida, Hass-Mails und böse Leserbriefe schaut, bekommt ein verzerrtes Bild.

Dennoch ist dies kein Grund zu Entwarnung, erst recht kein Grund sich wieder zurückzulehnen. Die Debatte um die Lügenpresse beunruhigt auch die Leser, die ihrer Zeitung noch vertrauen. Deshalb plädiert Dresdens Chefredakteur Uwe Vetterick auf der einen Seite für "professionelle Gelassenheit", aber auch für Respekt vor denen, die Sympathie für Pegida hegen.

In einem Gespräch mit Stefan Niggemeiers Übermedien formuliert Vetterick die Wünsche hinter den Mails und Briefen, in denen sich die Sympathisanten mal unverschämt, mal ungeschickt artikulieren: Wir möchten gehört werden! Wir möchten die Wahrheit so beschrieben haben, wie sie wirklich ist!

Vetterick deutet auch die Probleme an: Redakteure gehören nicht dem Sympathisanten-Milieu an, sondern eher dem des Gegenprotestes. So wird nach den kontroversen Debatten in der Dresdner Redaktion auch in vielen Redaktionen keine Ruhe einkehren: Ob der Dresdner Weg, stets die Nationalität zu nennen, überhaupt viele Nachahmer finden wird?

Dresdens Chefredakteur Uwe Vetterick ist jedenfalls überzeugt, denn: "Wir sind keine Organisatoren des Gegenprotestes in der Stadt, wir sind keine Anti-Pegida. Wir sind eine Zeitungsredaktion."

Paul-Josef Raue (65) berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch- deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

Ihre Kommentare
Kopf

Doris Ammon

05.07.2016
!

Die Nationalität zu nennen, reicht nicht nur nicht, es ist auch noch irreführend. Viele Täter sind zwar Pass-Deutsche, aber infolge ihres Migrationshintergrundes von ihren Herkunftskulturen geprägt. Gewalttätige Messerstechereien, frauenverachtendes Gehabe oder judenfeindliche Pöbeleien dann "Deutschen" zuzuschreiben, wäre verzerrend. Laut Polizeiangaben sind viele Täter "Deutsche", aber 80 - 85% haben Migrationshintergrund. Das muss in den Medien reflektiert werden. Sonst ändert sich nichts.


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