Paul-Josef Raues Rückschau der "Netzwerk Recherche"-Jahrestagung: "Ich renn da nicht rum und rufe: Schlagt mich! Schlagt mich!"

 

Netzwerk Recherche debattierte bei seiner Jahrestagung am vergangenen Wochenende über Lügenpresse, Volkszorn und Lokaljournalisten, Bier und Sekt und Helden. Paul-Josef Raues Kolumne "Journalismus!" - immer dienstags auf kress.de. 

Lars Reckermann, ab September Chefredakteur der "Nordwest Zeitung", unterscheidet zwei Typen von Redakteuren: Den Bier-Typ und den Sekt-Typ. Der Sekt-Typ ist jovial und stößt bei jedem Empfang mit den Honoratioren an; der Bier-Typ geht in die Kneipe und redet mit den Leuten. "Ich bin eher der Bier-Typ", sagte Reckermann, "ich sage gleich in einem Bewerbungsgespräch: Ich trete nicht bei den Rotariern ein."

Um die Bier- oder Sekt-Seele der Journalisten drehten sich viele Debatten bei der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche in Hamburg. Die "Lügenpresse", der Aufstieg der AfD, die Hass-Tiraden in den sozialen Netzwerken im Verein mit Einnahmen- und Auflagenverlusten prägten die meisten Debatten. Die Medien-Prominenz, meist älter und erfahren, debattierte auf zahllosen Podien; die Jüngeren hörten in den oft überfüllten Räumen zu, nicht nur staunend.

Gerade bei den Lokaljournalismus-Foren ging es um den direkten Kontakt mit den Lesern: Im Lokalen können sich die Redakteure nicht raushalten, sie können den Lesern, die ihnen auf die Pelle rücken, nur mit Mühe aus dem Weg gehen, sie müssen standhalten - vor allem in Dresden, wo Pegida am Pressehaus der "Sächsischen Zeitung" entlang spaziert.

"Wie gehen Lokalreporter mit dem Volkszorn um?", dies Forum zog gerade mal drei Dutzend Zuhörer in einen kleinen Raum, während gleichzeitig die "Spiegel"- und "Zeit"-Chefredakteure mit ihren Zukunftssorgen den großen Saal füllten.

Alexander Schneider, Reporter der "Sächsischen Zeitung", ist jeden Montag dabei, wenn Pegida durch die Stadt zieht. Ob er Angst habe? Ob er auch schon mal geschlagen wurde? Schneider empfahl, alles etwas niedriger zu hängen: "Ich renn da nicht rum und rufe: Schlagt mich! Schlagt mich!"

Alexej Hoch dagegen, Student und Twitterer von Straßengezwitscher, erzählte von Tritten, die er gefilmt und zur Anzeige gebracht hatte: Die Ermittlungen wurden eingestellt. Hoch und Johannes Filous twittern live von rechten Umzügen, bekamen dafür in diesem Jahr den Grimme-Online-Award und planen für den 8./9.Oktober "2gather", einen Kongress in Dresden. "Straßengezwitscher" sieht sich als Konkurrenz zu etablierten Medien, vor allem zur "Sächsischen Zeitung", die als zu betulich angesehen wird: In der Tat trennen die Zeitung und den Twitter-Verein journalistische Welten.

"Straßengezwitscher" nimmt Partei, wie oft bei lokalen journalistischen Blogs, grenzt sich nicht nur ab von Zeitungsredaktionen, sondern positioniert sich klar als Gegenmeinung, als Speerspitze der Pegida-Gegner. Die "Sächsische Zeitung" versteht sich nicht als Verstärkung von Empörung. Sie bleibt bei der Sache und vertraut dem Leser, der sein eigenes Urteil finden soll.

Uwe Vetterick, Chefredakteur in Dresden, sieht seine Zeitung nicht als Anti-Pegida: "Wir sind keine Organisatoren des Gegenprotestes in der Stadt, wir sind eine Zeitungsredaktion."

Die "Sächsische Zeitung" verwirklicht so radikal wie wenige andere das neue oder das erneuerte Verständnis von Lokaljournalismus: Wir spiegeln die Meinungen und Interessen in einer Stadt und Region, wir geben allen eine Stimme und moderieren das Selbstgespräch der Gesellschaft. So ähnlich sahen es auch die Chefredakteure bei der Podiumsdiskussion: "Lokaljournalismus heute: Zukunft oder schon Vergangenheit?"

"Vier Männer, eine Meinung: Der Lokaljournalismus braucht Hilfe, wird aber überleben", fasste die Reporterin Laurine Zienc die Debatte im "nr"-Liveblog zusammen:

Paul-Josef Raue, Ex-Chefredakteur "Thüringer Allgemeine" (Anmerkung: Autor dieser Journalismus!-Kolumne):
Der Lokaljournalismus übt Kontrolle aus und überwacht Politik und Unternehmen in der Region. Wer sollte diese Rolle übernehmen, wenn es keine Lokaljournalisten mehr gäbe?

Lars Reckermann, Chefredakteur "Schwäbische Post":
Der Untergang des Lokaljournalismus fing an, als die Journalisten "zu saufen" aufhörten. Sie gehen nicht mehr raus in verrauchte Bars, und daher fehlen auch die Geschichten, die auf einem Bierdeckel in die Redaktion kommen.

Dirk Lübke, Chefredakteur "Mannheimer Morgen":
Kritische Leser, die motzen, werden in die Redaktion eingeladen, um einen Tag mitzuarbeiten. Unter den letzten Hobby-Redakteuren gab es eine hohe AfD-Konzentration. Sie mussten anerkennen, dass Journalismus gar nicht so einfach ist.

Markus Grill, Chefredakteur Correctiv:
Journalisten beschweren sich über zu viel Zeitdruck und zu wenig Personal. Vielleicht würden ihre Leser manchmal sechs Seiten mit gut recherchierten Geschichten lieber lesen als zehn Seiten mit durchschnittlichen Berichten?

Journalisten leiden unter der "Lügenpresse" und suchen Helden, die von ihrem eigentlichen Auftrag künden - wie Can Dündar, Chefredakteur der türkischen Tageszeitung "Cumhuriyet": Er bekam den nr-Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen. Dündar hatte geheime Waffenlieferungen der Türkei enthüllt, musste mehrere Monate in Untersuchungshaft sitzen, ehe ihn in erster Instanz ein Gericht, ganz auf Erdogan-Linie, zu fast sechs Jahren Gefängnis verurteilte.

Kuno Haberbusch, selber bewegt, sprach immer wieder von einer großen emotionalen Stunde, als Dündar den Preis bekam und dafür überaus herzlich dankte. Kritik erntete allerdings mit Martin Schulz die Wahl des Laudators. Timo Riegs Medienblog SpiegelKritik kritisiert die Nähe von Netzwerk Recherche zur Politik:

"Ist es nicht peinlich, wenn sich Journalisten von Politikern ihre Funktion erklären oder sich von denen, die sie kritisch und distanziert zu befragen haben, belobigen lassen? Die Nähe von Politikjournalisten zu den Akteuren ihrer Berichterstattung wird letztlich auch auf den Jahrestagungen des Netzwerk Recherche kontinuierlich angeprangert."

Auch der Lokaljournalismus soll seine Helden bekommen. Die Konferenz endete mit der Debatte "Gefährliche Nähe: Abhängigkeiten im Lokaljournalisten", als die Schlange am Bierwagen länger war als der Andrang vor Raum K3. Marc Widmann, Vize-Ressortleiter der Hamburg-Seiten der Zeit, unterhielt sich per Skype mit einem Journalisten am Bodensee. Da wuchs in dem kleinen, von sommerlicher Hitze aufgeladenen Raum eine Atmosphäre, als telefonierte Edward Snowden aus der Moskauer Verbannung.

War es gruselig? Oder satirisch? Der Journalist saß in einem Fachwerkhaus, griff ab und an offenbar zu seinem Bierkrug und erzählte lang und ungehindert von seiner Verbannung: Er wird als Redakteur in die Schweiz emigrieren, weil ihn sein deutscher Verlag oder Chefredakteur oder beide vom Reporter zum Blattmacher versetzt und "Schreibverbot" erteilt hatten. Grund sei ein kritischer Kommentar, den "Zeit"-Redakteur Widmann lang und ungeschnitten vorgelesen hatte und der dem Konstanzer Oberbürgermeister missfallen haben soll. Der Zeit-Redakteur hob den Bodensee-Fall zum einem symptomatischen und fragte: "Ist fehlende Distanz zu lokalen Eliten der Grund für den Niedergang lokaler Zeitungen?"

Eine Gegenrecherche fand nicht statt: War man wirklich noch bei Netzwerk Recherche?

Als Statisten in der Runde wollten Lübke und Reckermann sowie die Professoren Haller und Reinemann der Empörung nicht beitreten und steuerten Allgemeines bei. Haller, der Ein-Quellen-Recherchen stets misstraut, hatte in seinen Studien festgestellt: Schleichwerbung hat im vergangenen Jahrzehnt deutlich zugenommen und nannte als Beispiel das "Hamburger Abendblatt". Ähnliches hatte Barbara Baerns schon vor fast fünfzig Jahren entdeckt. Haller forderte: "Man muss Werbeträgern klar machen, dass die Reputation der Zeitung von ihrer Unabhängigkeit abhängt." Wohl nicht nur Werbeträgern.

Dagegen korrigiert der Münchner Professor Carsten Reinemann in seiner aktuellen Studie "Mehr als Nähe und Harmonie" das Bild vom Lokaljournalisten als "unzureichend distanzierten Hofberichterstatter": Ein wenig differenzierter solle es schon zugehen.

Die beiden Chefredakteure schüttelten einige Male leicht den Kopf und schauten kommentarlos der Heldenverehrung auf dem Skype-Bildschirm zu. Netzwerk Recherche war am Ende.

KORREKTUR: In der ursprünglichen Fassung gab es Fehler, die in der aktuellen Fassung gestrichen sind: Zitate von Hans Leyendecker, Kuno Haberbusch, Jakob Augstein, Carolin Emcke und Georg Mascolo stammen aus der Jahreskonferenz 2015. Leyendecker und Emcke waren laut Referentenverzeichnis in diesem Jahr nicht auf den Podien. Wir bitten um Entschuldigung. Bülend Ürük, Chefredakteur und Paul-Josef Raue, Kolumnist kress.de

Paul-Josef Raue (65) berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch-deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

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Kopf

Johannes

12.07.2016
!

Ich war in der Veranstaltung bei Netzwerk Recherche in Hamburg, die der Kollege so kritisch beschreibt. Ich kann das so nicht bestätigen. Im Gegenteil. Der Tenor war, wer in Lokalredaktionen wirklich investigativ und kritisch ist, bekommt Probleme. Wohl auch von Paul-Josef Raue in der Vergangenheit. Wer unter ihm gearbeitet hat, kann ja mal berichten. Leider blendet NR diese Rahmenbedingungen sehr oft aus. Da geht es meist ausschließlich ums Handwerk.


Kuno Haberbusch Netzwerk Recherche

13.07.2016
!

Es ist das gute Recht von Paul-Josef Raue, die Jahrestagung von netzwerk recherche so zu bewerten, wie er das gestern in seinem Artikel bei kress.de publizierte. Es sind also nicht seine kritischen Anmerkungen, die mich als einen der Hauptorganisatoren dieser Tagung stören.

Irritierend sind viel mehr die falschen Behauptungen, die ohne irgendwelche Nachfragen oder Überprüfungen seitens des Autors oder der Redaktion an die Veranstalter veröffentlicht wurden.

So schreibt Herr Raue, dass sich Hans Leyendecker, "der deutsche Investigativ -Papst, ein wenig gelangweilt zeigte .....". Wie kann er das, wo Hans Leyendecker bei der Tagung doch überhaupt nicht anwesend war ?

Herr Raue zitiert mich mit der Frage "Und warum passiert nichts?". Dieses Zitat ist frei erfunden. Im übrigen: Was hätte denn passieren sollen?

Weiter behauptet Herr Raue, ich hätte das Thema "Wie Medien mit Fehlern umgehen" auf die Tagung im nächsten Jahr verschoben. Das ist absurd. Die Veranstaltung fand am Samstag um 14.30 Uhr in K3 statt - mit Stefan Niggemeier, Elmar Theveßen (ZDF), Georg Mascolo und Kai Gniffke (Chefredakteur ard-aktuell) als Diskussionsteilnehmern.

Herr Raue schreibt im Zusammenhang mit dieser angeblichen Verschiebung: "Die Jüngeren wundern sich". Wie können sie das, wo es diese Verschiebung gar nicht gibt.

Weiter behauptet Herr Raue, dass "Carolin Emcke, frisch gekürte Friedenspreisträgerin" mir bei dieser Veranstaltung helfen wolle. Weder war Carolin Emcke auf der Tagung noch habe ich mit ihr darüber gesprochen.

Desweiteren wird über den Chefredakteur der Sächsischen Zeitung, Uwe Vetterick, gesagt, er verstehe seine Blatt "nicht als Anti-Pegida Zeitung". Das mag so sein. Nur: Uwe Vetterick war ebenfalls nicht auf der Tagung.

Die Liste der falschen Behauptungen ließe sich noch verlängern. Ebenso seine bisweilen merkwürdigen Beschreibungen diverser Veranstaltungen. Bezeichnend auch, dass lediglich jene Artikel bzw. Blogeinträge verlinkt wurden, die sich kritisch äußern (was ihr gutes Recht ist). Ich kann damit gut leben, weil ich durch zahllose Rückmeldungen weiß, wie motivierend und spannend viele der rund 700 Teilnehmer/innen diese Tagung auf dem NDR-Gelände empfanden. Und ich auch die vielen Artikel gelesen habe, die sowohl die Logistik als auch die Inhalte dieses Treffens sehr positiv beschrieben.

Ich hatte Herrn Raue persönlich um seine Teilnahme gebeten. Auch weil ich seine kritischen Anmerkungen nicht nur zum Lokaljournalismus schätze. Und ich bin dankbar, dass er sich zur Verfügung gestellt und fleißig mitdiskutiert hat. Umso erstaunter bin ich über seine Analyse.

An einer Stelle schreibt er: "Eine Gegenrecherche fand nicht statt. War man wirklich noch bei netzwerk recherche?" Ich frage mich: Veröffentlicht kress.de Artikel ohne irgendwelche Rückfragen, ohne Überprüfung von Behauptungen, ohne simpelste Recherchen? Und das bei Artikeln, die das Ansehen von Personen oder Organisationen beschädigen?

Und noch besser: Wieso dauert es mehrere Stunden, bis die kress-Redaktion reagiert, nachdem ich zunächst auf alle Mails keine Antwort erhielt? Und warum landet man bei der einzig angegebenen Telefonnummer "für den direkten Kontakt zur Redaktion" immer auf dem Anrufbeantworter? Und ist das Thema für die Redaktion erledigt, wenn sie jetzt in einer "Korrektur" einige der falschen Behauptungen zurück nimmt? Ohne zu erklären, wie es dazu kam?

Vielleicht verlange ich von kress.de zu viel, wenn ich an journalistische Standards erinnere. Vielleicht überbewerte ich auch - trotz der vielen ratlosen Anrufe bei mir nach dem Artikel - die Relevanz von kress.de. Mag durchaus sein.

Nur zur nochmaligen Klarstellung: Kritik, auch harte, ist jederzeit willkommen. Polemiken auch. Aber wenn man dafür erfundene Behauptungen braucht - dann ist auch für mich eine Grenze überschritten.

Kuno Haberbusch
netzwerk recherche

Anmerkung der Redaktion: Der Kommentar von Kuno Haberbusch bezieht sich auf eine frühere Fassung der Kolumne; auf diese Fassung bezieht sich auch die „Korrektur“ im Anhang.


Sarah

24.07.2016
!

Ich verstehe nicht, warum Sie meinen vielleicht etwas unernst wirkenden, aber doch einen ernsten Punkt berührenden Kommentar nicht veröffentlichen. Also die Frage noch mal anders: Wie denkt jemand wie Raue, der solche Texte mixt, künftig noch Journalismushandbücher herausgeben zu können - glaubwürdig?


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