ZDF-Meteorologe Gunther Tiersch: "Ein öffentlich-rechtlicher Wetterkanal? Wie soll man das rechtfertigen?"

 

Über nichts reden Menschen lieber als über das Wetter. Seit 30 Jahren präsentiert der promovierte Diplom-Meterologe Gunther Tiersch das Wetter im ZDF. Ein kress.de-Gespräch über die richtige Sprache beim Wetter, richtige und falsche Wettervorhersagen und wie ein öffentlich-rechtlicher Wettersender ankommen würde.

kress.de: Herr Dr. Tiersch, Sie arbeiten in einem Feld, in dem immer mal wieder Leute sagen: "Der im Fernsehen hat gestern schon wieder gelogen."

Gunther Tiersch: Was oft daran liegt, dass die Menschen die Wetterkarte nicht richtig verstehen. Generell sind von zehn Vorhersagen neun richtig. Aber Deutschland ist natürlich ein großes Gebiet, und das Wetter ändert sich schnell - das macht die Informationsvermittlung schwierig.

Und die zehnte Vorhersage, die nicht richtig war - löst die eine Protestwelle bei den Zuschauern aus?

Gunther Tiersch: Es gibt selten Leute, die wegen einer Fehlvorhersage tatsächlich mal schreiben, und einen Shitstorm gibt es da schon gar nicht. Aber gerade Menschen, die vom Wetter abhängig sind, Landwirte zum Beispiel, sagen manchmal: "Ihr sagt immer 'schönes' Wetter, wir können kein schönes Wetter gebrauchen, wir brauchen endlich mal Regen. Das ist für uns das 'schöne' Wetter!" Das kommt vor. Aber meistens reagieren Leute eher, wenn uns ein inhaltlicher Fehler passiert, wenn wir zum Beispiel ein Bild von Senfpflanzen zeigen, und sagen, dass der Raps blüht. Aber wenn es um das Wetter selbst geht, herrscht eher ein Gefühl von 'Das kann passieren'.

Würden Sie sich mehr Zeit für die Wetterpräsentation wünschen?

Gunther Tiersch: Selbstverständlich. Vor fünfundzwanzig Jahren hatten wir noch eine Minute fünfundvierzig Zeit, in meinen Augen die optimale Länge für einen Wetterbericht. Mittlerweile aber liegen wir bei 70 bis 90 Sekunden, denn die Zeiten zwischen 19.00 und 20.15 Uhr sind sehr begehrt. Man will ja auch noch ein bisschen Werbung verkaufen.

Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Gunther Tiersch: Morgens geht mein erster Blick natürlich aus dem Fenster, um zu sehen, ob das Wetter so ist, wie ich es am Vorabend vorhergesagt habe. Wenn das stimmt, bin ich sehr zufrieden. Aber davon abgesehen sitzt man heutzutage hauptsächlich am Rechner. Ich komme kurz vor Mittag in den Sender, schaue, wie das Wetter aktuell in Deutschland ist und wie in Europa, checke Satellitenbilder und Wettermeldungen. Danach hat man die Wetterlage im Griff und schaut auf die Vorhersagen, des deutschen, des amerikanischen und weiterer Wetterdienste, die wir von einem Datenprovider geliefert bekommen: Regenvorhersagen, stündliche Regenvorhersagen, Windvorhersagen, Wolkenvorhersagen, Temperaturvorhersagen. Diese verschiedenen Rechenmodelle schauen wir uns an und wägen ab, welches am genauesten ist. Dann machen wir die Karten, immer zu zweit, und danach schreibe ich den Text. Der muss sitzen, denn wir haben ja einen engen Zeitrahmen, da kann man sich nicht verquatschen. Ein Satz zu viel sind fünf, sechs, sieben Sekunden, zwei Sätze zu viel sind 15, das geht gar nicht. Wenn der Text und die Karten fertig sind, wird alles nochmal überprüft, dann geht es in die Maske und schließlich vor die Kamera.

Wie wichtig ist Sprache beim Wetter?

Gunther Tiersch: Sprache ist insofern wichtig, als wir alle relativ hochdeutsch sprechen. Aber darüber hinaus ist der Anspruch nicht sehr hoch. Insgesamt ist die Sprache in den vergangenen dreißig Jahren, in denen ich auf dem Bildschirm bin, lockerer geworden. Man kann umgangssprachlich sprechen, aber auch mal ein spezielles Fachwort gebrauchen, was man aber, wenn es geht, erklären muss. Vor allem sollte die Sprache leicht verständlich sein - das ist das wichtigste.

Welchen Stellenwert hat aus Ihrer Sicht das Wetter im ZDF?

Gunther Tiersch: Er ist schon noch relativ hoch, sonst hätten wir ja kein eigenes Wetterteam mit acht, neun Meteorologen. Und wir sind ja auch in einer Vielzahl von Sendungen präsent, vom "Morgenmagazin" über das "Mittagsmagazin" und die Kurznachrichten tagsüber, wir machen das Wetter für "3sat" und für "heute" und "heute-journal". Das Wetter in den abendlichen Nachrichtensendungen ist noch immer ein Zuschauermagnet.

Das Medienhaus Burda hat 2015 den "Weather Channel" nach Deutschland gebracht. Würden Sie sich eigentlich einen öffentlich-rechtlichen Wettersender wünschen?

Gunther Tiersch: Grundsätzlich fände ich es schön, wenn wir Meterologen mehr über das Wetter berichten könnten, wir könnten sicher regional, europa-, und weltweit interessante Sachen in den Fokus rücken. Aber ich glaube, dass die Deutschen nicht so erpicht auf einen Wettersender sind und ich bezweifle, dass die Einschaltquoten akzeptabel wären. Vor 15 oder 20 Jahren gab es mal einen Wetterkanal in Deutschland, der allerdings hauptsächlich Reiseangebote vermarktet hat, weil darüber Geld hereinkam. Denn so etwas muss sich ja irgendwie rechnen - und das dann öffentlich-rechtlich? Wie sollte man das rechtfertigen?

Mit Gunther Tiersch, Chef der Wetterredaktion im ZDF, sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Zur Person: Gunther Tiersch, seit 30 Jahren an der ZDF-Wetterkarte aktiv, leitet seit 2004 die Wetterredaktion im ZDF. Zum aktuellen Präsentationsteam des ZDF-Wetters gehören neben Gunther Tiersch und Katja Horneffer noch Özden Terli und Christa Stipp sowie Benjamin Stöwe im "ZDF-Morgenmagazin". Der Jubilar vermittelt den Zuschauern wieder am Montag, 18. Juli 2016, nach der "heute"-Sendung um 19.00 Uhr und dem "heute-journal" um 21.45 Uhr die Aussichten von morgen. In der Woche vom 25. bis zum 30. Juli 2016 präsentiert Gunther Tiersch das Wetter von deutschen Urlaubsinseln in der Ostsee (Usedom, Rügen, Halbinsel Darß). Tiersch, und das nur am Rande, ist einer der jüngsten deutschen Olympiasieger überhaupt, mit 14 Jahren gewann er als Steuermann des Deutschland-Achters in Mexiko-Stadt (1968) die Goldmedaille.

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