Der frühere Chefredakteur Richard Kiessler über: 70 Jahre "NRZ" - (K)ein Grund zum Jubel?

13.07.2016
 
 

Inmitten des Krisenmanagements regionaler Tageszeitungen, deren Wirtschaftsmodell und Deutungsanspruch in Bedrängnis geraten sind, blickt die "Neue Ruhr/Neue Rhein-Zeitung" (NRZ) auf ihr 70-jähriges Bestehen zurück. Am 13. Juli 1946, noch vor der Geburtsstunde der Bundesrepublik, erschien im kriegszerstörten Essen die erste, vier Seiten starke Ausgabe der "NRZ" mit einer Startauflage von 100 000 Exemplaren. Warum der frühere Chefredakteur Richard Kiessler beim Jubiläum nicht so recht jubeln will.

Inmitten des Krisenmanagements regionaler Tageszeitungen, deren Wirtschaftsmodell und Deutungsanspruch in Bedrängnis geraten sind, blickt die "Neue Ruhr/Neue Rhein-Zeitung" (NRZ) auf ihr 70-jähriges Bestehen zurück. Am 13. Juli 1946, noch vor der Geburtsstunde der Bundesrepublik, erschien im kriegszerstörten Essen die erste, vier Seiten starke Ausgabe der "NRZ" mit einer Startauflage von 100 000 Exemplaren. Das Verbreitungsgebiet dieser Regionalzeitung zwischen Kleve und Bocholt im Norden, Aachen, Krefeld und Köln im Süden, der holländischen Grenze im Westen sowie in Essen, Wuppertal, Duisburg, Mülheim/Ruhr, Oberhausen und Düsseldorf blieb stets heterogen - auch als sich die "NRZ" später aus wirtschaftlichen Gründen auf das östliche Ruhrgebiet, den Niederrhein und die Landeshauptstadt Düsseldorf konzentrierte. Sich in diesen unterschiedlich geprägten Lebens- und Kulturräumen neben harter publizistischer Konkurrenz am Markt zu behaupten, ist bis heute eine Herausforderung geblieben. Doch diese Vielfalt bot der "NRZ" auch die Chance, sich als regionale Qualitätszeitung im schwierigen Strukturwandel an Rhein und Ruhr zu etablieren.

Über viele Jahrzehnte vermochte die "NRZ" ihren Ruf weit über ihr Verbreitungsgebiet hinaus als eine der wirkungsmächtigsten deutschen Regionalzeitungen zu festigen. Die Grundlage hat ohne Zweifel der Gründungsherausgeber Dietrich Oppenberg als Lizenznehmer gelegt. Der überzeugte Anti- Faschist und Sozialdemokrat schuf nach der düstersten Epoche der deutschen Geschichte ein Forum für den freien Meinungsaustausch, das zu einer unverwechselbaren Marke werden sollte. Oppenberg war ein Verleger mit klarem politischen Profil, der einen Gegentyp zur "Generalanzeiger"-Presse schuf und nach harten Kämpfen die Unabhängigkeit der "NRZ" sicherstellte, indem er die Anteile der SPD aufkaufte. Zugleich gehörte er zu den Vätern des Versorgungswerkes der Presse, das die Altersversorgung von Journalisten regelt und so auch deren Unabhängigkeit sozial absichert. 

In den ersten Jahrzehnten der jungen Bundesrepublik funktionierte dieses publizistische Modell - nicht zuletzt wegen des Chefredakteurs Jens Feddersen, der die "NRZ" über drei Jahrzehnte prägte und ein Gespür für journalistische Talente hatte, die er ausbildete oder zur "NRZ" holte. Die vorwiegend linksliberale Zeitung aus Essen wurde zu einer maßgeblichen politischen Stimme, sie festigte zugleich aber ihre regionale und lokale Basis. Allein, die Konzentrationsphase der privaten Medien erfasste 1976 auch die "NRZ": Der WAZ-Verlag beteiligte sich mehrheitlich an der bis dahin selbständigen Zeitung ihres in wirtschaftliche Turbulenzen geratenen Verlegers. Das "WAZ-Modell" schuf Synergie-Effekte bei Anzeigen, Vertrieb, Verwaltung und Druck. Redaktionell blieben die - ebenfalls aufgekauften Zeitungen Westfälische Rundschau (WR) und Westfalenpost (WP) - unabhängig und weitgehend unbehelligt.

Bis zur Jahrtausendwende erfreuten sich die Verleger traumhafter zweistelliger Renditen. Wir arbeiteten bei der "NRZ" gleichwohl unter harten Sparzwängen. Aber an der inneren Pressefreiheit ließen die Geschäftsführer über viele Jahre nicht rütteln. So kultivierte die "NRZ"-Redaktion als kleinere Zeitung neben der wuchtigen "WAZ" ihre eigene Identität und ihren besonderen "Spirit." Diese Selbstbehauptung verstärkte die Leserbindung ungemein und auch das Engagement der Redaktion. Dennoch blieb die "NRZ" in den letzten zwei Jahrzehnten nicht von der leisen, aber beständigen Erosion der Auflagen verschont. Die Vertriebserlöse sanken, das Anzeigengeschäft schrumpfte besonders bei den Rubriken.

In meiner Festrede zum 50-jährigen Jubiläum der NRZ zitierte ich Giuseppe Tomasi di Lampedusa. In seiner Parabel "Der Leopard" beschreibt der italienische Schriftsteller den unaufhaltsamen Niedergang von Traditionen und Lebensformen: "Wenn wir wollen, dass alles so bleibt wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles ändert." Mit meinem Bekenntnis zur steten publizistischen Innovation unterschätzte ich gleichwohl die rasante Akzeptanz des Internets und die sich wandelnden Lesegewohnheiten. Auch große Medienhäuser setzten zu spät auf die Online-Auftritte ihrer Printprodukte. Diese waren (und sind bis heute) weder kostendeckend noch gar rentabel, weil es in aller Regel in den Zeitungshäusern an Journalisten mangelte, die vom digitalen Content Ahnung hatten oder sich dafür begeistern mochten. Auch die lange erfolgsverwöhnten Akquisiteure der Anzeigen irrten in Terra incognita herum.

Der anhaltenden Herausforderung für Verlage und Redaktionen, Strategien zu entwickeln, um Leserinnen und Leser zu binden und eine möglichst neue Klientel zu erschließen, stellte sich auch die "NRZ" - mit mäßigem Erfolg. Heute ist die Zeitung weder Informationslieferant Nummer eins noch vermag die regionale Presse ihr Alleinstellungsmerkmal zu behaupten. Die Versuche, ihre lokale Kompetenz zu stärken, mündeten auch bei der "NRZ" in einem beklagenswerten Zwang zum Provinzialismus. Denn von den Synergieeffekten ist längst die Redaktion in einem Maße erfasst, die die Zweifel an den Qualitätsstandards manifest machen und den Niedergang der Auflage verstetigen.

In der WAZ-Mediengruppe, die 2007 nach dem Ausschieden der Mitgründerfamilie Brost zur Funke-Mediengruppe mutierte, wurde der hohe personelle Aderlass zwar weitgehend sozialverträglich abgefedert. Doch mit immer weniger fest angestellten Redakteuren und immer mehr - wenn überhaupt - freien Mitarbeitern ist die Zeitung ein anderes Produkt geworden. Der Mantel wird überwiegend für alle Titel der Mediengruppe vom zentralen Content-Desk in Berlin beliefert, etliche Lokalausgaben wurden mit der "WAZ" zusammengelegt oder kooperieren im Austausch mit der konservativen "Rheinischen Post".

Ökonomisch mag dieses Modell alternativlos sein. Die Verschmelzung unterschiedlicher Zeitungskulturen jedoch und das Schwinden eigenständiger Redaktionen verstärken den Relevanzverlust des gedruckten Wortes. Auf dem Spiel steht selbst für diejenigen, die weiterhin Wert auf einen seriösen Journalismus mit professionellen Standards legen, die Glaubwürdigkeit der gesamten Medienbranche.

70 Jahre NRZ - das ist leider kein Grund zum Jubel.

Dr. Richard Kiessler
Chefredakteur der "NRZ" 1994-2008

 

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