Denis Scheck: "Ich streite mich mit Felicitas von Lovenberg demnächst ohne Kameras"

 

Zur Allzweckwaffe des SWR-Fernsehens in Sachen Kultur wird Denis Scheck. Dafür hat der Literaturkritiker nun sogar nach 20 Jahren beim Deutschlandfunk gekündigt, wie er kress.de verriet. Wir sprachen mit dem 51-jährigen Journalisten über Marcel Reich-Ranicki, seine drei Fernsehsendungen "Lesenswert", "Kunscht" sowie "Druckfrisch" und fragten ihn, wie Paulo Coelho mit seinen Verrissen umgeht.

kress.de: Herr Scheck, werden Sie jetzt der neue Marcel Reich-Ranicki?

Denis Scheck: Zwar weiß ich mit Ovid, dass keinem seine Gestalt bleibt, aber wenn ich mich schon verwandeln darf, würde ich mir irgendwas zwischen George Clooney und Brad Pitt wählen und ganz sicher nicht Reich-Ranicki.

Gut gekontert, aber immerhin haben Sie demnächst mehr Fernsehpräsenz als einst der legendäre Literaturkritiker.

Denis Scheck: Gefährlich lebt, wer Frequenz mit Präsenz verwechselt - das zeigt schon, dass Sie mir jetzt die zweite Frage nach einem seit drei Jahren toten Kritiker stellen. Was uns sicher verbindet: Sendungsbewusstsein.

Jetzt erst recht, lieber Herr Scheck. Eine dritte Frage: Was, würden Sie sagen, unterscheidet Sie von ihm?

Denis Scheck: Außer dem Umstand, dass ich am Leben bin? Neben meinem dichten Haarschopf und meinem phantastischen Körper wahrscheinlich eine gewisse Selbstironie sowie die Aufgeschlossenheit für etwas avancierte Autoren wie David Foster Wallace. 

Bedauern Sie, dass Felicitas von Lovenberg, die bisher mit Ihnen im Wechsel "Lesenswert" moderierte, aufhört oder überwiegt die Freude, nun allein verantwortlich für die Sendung zu sein?

Denis Scheck: Natürlich bedauere ich, dass Felicitas von Lovenberg ins Lager der Verleger gewechselt ist, ich habe sie als Kollegin sehr geschätzt und gern mit ihr im "Lesenswert"-Quartett debattiert und auch gestritten. Das werden wir in Zukunft gewiss auch weiterhin tun, nur eben ohne Fernsehkameras. Andererseits ist es natürlich eine phantastische Herausforderung, die "Lesenswert"-Sendungen nun allein zu moderieren. Wobei: Fernsehen ist Teamarbeit, "allein verantwortlich", wie Sie formulieren, ist man für eine Sendung ja nie und kann es auch nicht sein. Ich bin da bei meinen klugen Redakteuren Frank Hertweck und Alexander Wasner sowie meinem listenreichen Regisseur Norik Stepanjan zum Glück in guten Händen.

Würden Sie sagen, dass Sie und Ihre Kollegin unterschiedliche Schwerpunkte in der Sendung gesetzt haben? Welchen waren das?

Denis Scheck: Viele der Autoren, die wir eingeladen haben, hätten auch bei dem jeweils anderen in die Sendung kommen können - bei besonderen Sympathieträgern wie Uwe Timm oder Juli Zeh ist das ja kein Wunder. Worin wir uns unterscheiden, können letztlich nur die Zuschauer beurteilen. Wir sind, um eine schöne Formulierung von Peter Rühmkorff aufzugreifen, zum Glück "einmalig wie wir alle".

Was ist Ihrer Meinung nach das bisher bedeutendste Buch des Jahres?

Denis Scheck: Emmanuel Carrere, Das Reich Gottes: hält alles, was der Hype um den Langweiler Knausgard verspricht.

Welchen Autor schätzen Sie am meisten?

Denis Scheck: Arno Schmidt, weil der mal definierte, was einen guten Schriftsteller ausmacht: die Fähigkeit, beim Anblick dessen, was Normalsterbliche ihr Leben lang einen Regenschirm nennen, auf die Formulierung zu kommen "ein Stock im Petticoat".

Wen haben Sie zuletzt am stärksten verrissen? 

Denis Scheck: Immer wieder gern: Paulo Coelho. Über dessen "Der Alchimist" habe ich mal gesagt: wäre dieses Buch ein Pferd, man müsste es erschießen.

Und wie hat Coelho reagiert?

Denis Scheck: Sagen wir es so: Wenn Blicke töten könnte, hätte ich die Frankfurter Buchmesse sicher nicht überlebt.

Auch die wöchentliche SWR-Sendung "Kunscht!" moderieren Sie nun im Alleingang, nachdem Lars Reichow aufhört. Hinzu kommt ja noch "Druckfrisch" im Ersten. Wie schaffen Sie das alles?

Denis Scheck: Ich habe gerade nach 20 Jahren meine Redakteursstelle beim Deutschlandfunk gekündigt. Das setzt schon mal sehr große Zeitressourcen frei. Ansonsten bekenne ich mich als schwäbischer Leistungsethiker. Soll ich etwa Golf spielen?

Werden Sie dort neue Akzente setzen? Oder werden Sie auch hier ähnlich wie Reichow Ihrer kabarettistischen Ader frönen?

Denis Scheck: Zunächst freut es mich einfach, dass ich dank "Kunscht" meine Nase ein wenig aus der Literaturwelt hinausstrecken darf. Ich spüre im Moment große Neugier in mir, mich auf Kunst einzulassen und auch deren querulatorisches und revolutionäres Potential in den Fokus zu nehmen. Die Gegenwart einer tonnenschweren Stahlskulptur von Richard Serra vermag im Betrachter das Gefühl auszulösen, wie ein Metallspan von einem Magneten angezogen zu werden. Dieses Gefühl anzusprechen ist mir genauso wichtig wie die Frage nach der Universalität der Menschenrechte am Beispiel Ai Weiweis.

Werden Sie der Sendung, die sich ja mit Kultur im allgemeinen beschäftigt, jetzt mehr einen literarischen Schwerpunkt verleihen?

Denis Scheck: Die Literarisierung der Republik war mir schon immer ein Anliegen, und wenn es Querverbindungen gibt zwischen den wunderbaren Zeichnungen Henri Michauxs, den Buchstabencollagen Herta Müllers, den Gedichtes Markus Lüpertz oder der herrlichen Autobiographie "Reiselieder mit böhmischen Quinten" eines Hans Werner Henzes, dann werde ich die sicher erwähnen. Ansonsten bin ich immer gut damit gefahren, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen, den Gegenstand aber sehr.

Wann lesen Sie eigentlich die Bücher?

Denis Scheck: Von morgens früh bis abends spät. Gerade zum Beispiel das sehr provokative und amüsante "Im Recht" von Thomas Fischer.

Haben Sie einen E-Book-Reader oder genießen Sie noch die gedruckten Ausgaben?

Denis Scheck: Ich muss ja häufig Fahnen lesen, da ist ein E-Reader mitunter hilfreich. Ansonsten setze ich aber gern aufs Gutenbergmedium, dessen bedeutend längere Evolutionszeit sich in deutlich größerem Benutzerkomfort niederschlägt.

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