Stefan Undorf macht in Paraguay die Online-Zeitung "Wochenblatt": "Ich sehe mich eher als Volontär"

14.07.2016
 
 

Am Ende der Welt, in Paraguay, gibt Stefan Undorf eine Online-Zeitung heraus - auf Deutsch. kress.de hat ihn besucht. Von Markus L. Blömeke und Prof. Dr. Verena Renneberg.

Die erste Lektion lernen wir gleich am Flughafen. Wir haben einen Leihwagen gebucht, über sixt.de; auf die Bayern kann man sich verlassen, hatten wir gedacht. Aber nicht so hier, am südlichen Wendekreis, in Asunción, der Hauptstadt der Republik Paraguay.

Informationen, Wunschträume, Zukunftsmusik

"Hier kommen oft Leute her, um ihren Leihwagen abzuholen; dabei gibt es Sixt hier gar nicht", erklärt uns eine genervte Endvierzigerin mit schwarzgrauer Lockenpracht. "Keine Ahnung, warum die auf ihrer Website behaupten, sie hätten hier eine Station." Eine vermeintlich valide Information entpuppt sich in Paraguay häufig als Wunschtraum, noch häufiger als Zukunftsmusik, nicht selten als schlichtweg unwahr: Wir haben die erste landeskundliche Lektion gelernt.

Eine nervenaufreibende Rushhour-Fahrt und vierzig Taxi-Euro später stehen wir unweit der Rampe einer Tiefgarage eines schäbigen "Centro comercial". Ungezählte Händler haben sich hier häuslich eingerichtet und bieten loses Obst und Gemüse an, während ohne Unterlass Autos dicht an ihnen vorbeidieseln. Vor lauter Gedröhne versteht man sein eigenes Wort nicht, gehupt wird sowieso ohne Unterlass, und unter der niedrigen Betondecke stehen die Abgase, dass einem schlecht wird. Schweiß rinnt uns über die Stirn. Endlich entdecken wir das vertraute Logo und damit das Sixt-Büro.

Jedenfalls sofern man von "Büro" sprechen kann: Die Repräsentanz präsentiert sich im wesentlichen als schmaler Tresen, fast direkt davor ist schon die gläserne Eingangstür. Zu zweit eintreten heißt: Einer öffnet die Tür, quetscht sich hinein, schließt die Tür, schiebt sich nach rechts, der zweite folgt, windet sich um die Tür herum, schließt sie wieder und hofft inständig, dass zeitgleich nicht noch irgendjemand einen Leihwagen will.

Immerhin gibt es hier Telefon, was gut ist, denn unser Roaming funktioniert aus unerfindlichen Gründen nicht. Und wir sind spät dran. Sehr spät, denn die Extra-Tour vom Flughafen zum Einkaufszentrum war nicht eingeplant.

Man hilft sich

"Das findet Ihr von dort aus nie", sagt Stefan Undorf am anderen Ende der Leitung, in einem Restaurant im Stadtteil Recoleta, "ich hole Euch ab." In Paraguay funktioniert selten etwas auf Anhieb, und selbst beim zweiten Anlauf dauert immer alles etwas länger. Dafür hilft man sich, zweite Lektion, und so lässt Stefan Undorf seine Ehefrau spontan allein am Tisch zurück, kämpft sich mit dem Taxi zu uns in die Betonhölle, steigt in unseren Leihwagen zu und lotst uns zum eigentlichen Treffpunkt.

Den Treffpunkt hat Stefan Undorf vorgeschlagen. Er heißt "O Gaucho", ein Rodizio-Restaurant, all-you-can-eat, mit einer Auswahl, die so erschlagend ist, wie man es sonst bestenfalls aus Brasilien kennt. Eigentlich ist Paraguay eine kulinarische Wüste; man kann hier stundenlang über Land fahren, ohne irgendwo etwas vernünftiges zu essen zu bekommen. Doch wer sich auskennt, kann offenbar selbst hier vorzüglich speisen, am Ende der Welt. Dritte Lektion gelernt.

"Ich dachte mir: Journalismus hat auch etwas mit Sprache zu tun"

"Das freut mich ja, 'mal echte Journalisten kennen zu lernen; ich selbst bin ja keiner", sagt Stefan Undorf, Herausgeber und Chefredakteur des "Wochenblatts": "Ich sehe mich eher als Volontär."

Undorf sieht die Fragezeichen in unseren Gesichtern und klärt uns auf: Von Haus aus sei er gelernter Software-Entwickler, kein Medien-Mann. In Paraguay einen Software-Job zu finden, sei für ihn allerdings unmöglich gewesen: "Hier läuft alles über Beziehungen." Undorfs Traum, in Paraguay günstig zu leben und aus der Ferne für Firmen in Deutschland zu arbeiten, sei ebenso schnell zerplatzt: "Vorstellungsgespräche per Skype sind bei deutschen Firmen unerwünscht, und mit Remote haben's die Deutschen auch nicht so." Er habe deshalb zunächst eine Sprachschule gekauft, dort Deutsch und Englisch unterrichtet. Als dann der Gründer des Nachrichtenportals einen Nachfolger suchte, habe er zugeschlagen: "Mein Vorgänger ist Vizekonsul von Österreich geworden; da biss sich das Portal mit seinem neuen Amt. Und ich dachte mir: Journalismus hat auch etwas mit Sprache hat zu tun, vielleicht wäre das ja 'was." Die meisten Menschen in Paraguay gehen mehreren Berufen nach und selten denen, die sie erlernt haben, vierte Lektion.

Zehn Millionen Zugriffe

Es ist eine wildes Universum, die sich den Lesern des "Wochenblatts" erschließt; eine Welt, die ein wenig nach Wildem Westen klingt und oft nach Kolumbien in den 1980ern. "Angetrunkener Polizist verursacht Unfall", "Kokain in Kinderspielzeug entdeckt", "Hitzewarnung", "Polizist an seinem freien Tag erschossen", "Betrunkener Rechtsanwalt tötet Polizisten", "Zwei Polizisten in Hinterhalt erschossen", "Reisebus mit Rauschgift beschlagnahmt", "Reisebus prallt mit Pferd zusammen", "Busunglück durch Brückeneinsturz", "Geiseln leben noch", "Passagiere haben Angst vor Busüberfällen", "Bus mit Urlaubern überfallen", "Transformator explodiert, Haus brennt ab", "Sturmwarnung für die südlichen Landesteile": Zwei Million Guaranis aufwärts pro Jahr, umgerechnet 320 Euro, kostet in diesem Umfeld eine Werbekachel. Die Postbank wirbt hier, ein Autoverleiher, ein angesagtes deutsches Reisebüro und ein bekannter Antiviren-Software-Anbieter. Nach fünf Jahren seiner Existenz weist das "Wochenblatt" insgesamt fast zehn Millionen Zugriffe aus. Das ist wenig für ein Nachrichtenangebot in deutscher Sprache, aber viel, wenn man bedenkt, dass Undorf Nachrichten für eine Minderheit produziert.

Die tatsächliche Größe des Zielpublikums lässt sich bestenfalls schätzen. Viele Nachfahren deutschsprachiger Einwanderer früherer Jahrhunderte leben noch heute in Paraguay. Glücksritter, Unternehmer, Diplomaten und von Deutschland Genervte sind über Jahrzehnte ins Land gekommen; dazu Rentner, die ihren Lebensabend im sonnigen Südamerika genießen wollten. Irgendwann nach dem Krieg sollen "viele" Altnazis eingewandert sein, wie gelegentlich geraunt wird; vielleicht "viele", weil sie nie jemand gezählt hat.

Und Mennoniten leben und arbeiten hier, viele davon Nachfahren von Russlanddeutschen, die einst dem Terror des großen Menschenfreundes Stalin entkommen waren. In Paraguay hatten die Vertriebenen unter der bitteren Auflage bleiben dürfen, dass sie den Chaco urbar machen würden, jene heiße Hölle im Norden des Landes, die kaum jemand freiwillig betritt. Heute dominieren die arbeitsamen Mennoniten den Molkereiprodukte-Markt Paraguays; landesweit hochgeachtet, pflegen sie ein altertümliches Deutsch.

Auch eine lokale deutsche Fleischerkette im Nirgendwo gibt es in Paraguay und - folkloristisch - einige wenige frühere deutsche Kolonien; schließlich einen einstmals eleganten Badeort, von Deutschen in der Belle Époque angelegt, der heute verfällt, weil die Paraguayer den dazugehörigen See verseucht haben und in verseuchten Seen auch in Paraguay niemand gern baden will.

Wieviele Deutschstämmige genau in Paraguay leben, scheint niemand zu wissen. Wieviele deutsche Staatsbürger hier residieren, kann uns ebenfalls keiner sagen, auch der Botschafter nicht, denn "niemand, der ins Ausland geht, ist verpflichtet, sich bei der Botschaft vor Ort zu melden". Nichts genaues weiß man nicht, auch das ist typisch für Paraguay, fünfte Lektion gelernt.

"GermanyToday": Gratis-News für Auslandsmedien

Seit März 2014 hat das "Wochenblatt" auch Meldungen aus Deutschland und aller Welt im Portfolio. Die Basis dafür liefert der Dienst "GermanyToday". "GermanyToday" ist ein Angebot für deutschsprachige Auslandsmedien, organisiert von dpa und Deutscher Welle. Das Angebot kostet Redaktionen nichts, weil die deutsche Bundesregierung den Dienst "fördert". Staatsfinanzierte Medienangebote, findet Undorf das bedenklich? "Schon. Aber etwas anderes könnten wir uns aktuell nicht leisten."

Zwischen dem Neuesten aus Terror, Crime und Wahlbetrug gibt es Wirtschafts-News und immer wieder Wetter. "Wetter läuft am besten", sagt Undorf. Wetter-News sind wichtig in Paraguay, weil die meisten Straßen nicht asphaltiert sind; viele Häuser sind nach mehrtägigem Dauerregen nur noch per Unimog, per Hubschrauber oder auf Panzerketten erreichbar, aber das lernen wir erst in einem späteren Teil unseres Aufenthalts, in der Lektion "Augen auf bei der Mietwagen-Wahl".

Politik und Drogenhandel

Journalisten leben gefährlich in Lateinamerika, vor allem, wenn sie jenes unsichtbare Geflecht aus Staat und organisierter Kriminalität ans Tageslicht zerren, das viele Länder der Hemisphäre beherrscht. "Hier in Paraguay sind Teile der Politik eng mit dem Drogenhandel verbunden", sagt Stefan Undorf, sechste Lektion. "Für uns gibt's deshalb eine klare Grenze: Wir werten die nationalen spanischsprachigen Medien aus und kombinieren die Informationen, die darin bereits veröffentlicht sind. Das ist unsere safety line, weiter gehen wir nicht."

Ob er schon einmal bedroht worden ist? "Ein Deutscher hat sich verunglimpft gesehen und hochkarätige Anwälte eingeschaltet. Wir hatten geschrieben, er hätte betrogen und würde über Interpol gesucht." Und dann gab es da noch einen anderen Deutschen, dessen Kleinanzeigen-Markt er verlinkt hatte. Der hätte dann zugelassen, dass ein deutscher Metzger schlechtgemacht wurde. Das sei das Ende des Kleinanzeigen-Marktes gewesen. Genau genommen, ist die Geschichte fast noch ein wenig komplizierter, aber auch weniger dramatisch, als man denken könnte, obwohl jedes Detail in der Geschichte eine eigene Geschichte hat, was typisch ist für Paraguay, sechste Lektion.

Verdienst: 320 Euro

Was das ganze einbringt? Etwa zwei Millionen Guaranis bleiben übrig im Monat, sagt Stefan Undorf, also rund 320 Euro, da ist sie wieder, die magische Zahl. Ein Liter Benzin kostet in Paraguay rund einen US-Dollar, ein ordentliches Hotelzimmer in der Hauptstadt 300. Undorf macht im Moment eine Stunde am Tag, sein Kollege drei, manchmal zehn, erzählt er, bei einer Zielmarke von fünf Artikeln pro Tag. "Der Gewinn war mal zweieinhalbmal so groß, aber weder der Michael noch ich haben Lust, persönlich Anzeigenkunden anzurufen." In Paraguay geht alles nur, wenn man es persönlich macht, viel Gerenne, viel warten, viel reden, viel warten, und das nervt eben: Präsenzgesellschaft, siebente Lektion. Er habe aktuell zu wenig Zeit für das Wochenblatt, sagt Undorf, schließlich hat er geheiratet, und hat jetzt zwei sehr gute Kunden, "Silicon-Valley-Startups, für die kann man auch aus der Ferne arbeiten". Als Software-Entwickler, wohlgemerkt.

Verkaufen oder zukaufen?

Mehrere Monate und unzählige Lektionen später sprechen wir noch einmal mit Stefan Undorf, der tatsächlich Journalist ist, aber sagt, er wäre keiner, weil er eigentlich lieber Software programmiert. Die Skype-Verbindung ist von guter Qualität, reißt aber mehrfach ab, vielleicht einmal wieder Stromausfall, vielleicht ist irgendeine Relaisstation kaputt, wer weiß das schon. Stefan Undorf wirkt leicht genervt.

Ob er das "Wochenblatt" weiter betreiben will? "Wenn ich davon überzeugt wäre, dass jemand, der das übernimmt, es besser macht, als wir, würde ich's auch verkaufen." Allerdings hat er gerade eine Anzeige gelesen: Eine andere deutschsprachige Online-Zeitung sucht einen neuen Besitzer. Sie heißt "Paraguay-Rundschau". Undorf ist elektrisiert von dem Angebot: "Da steht, die haben eine Million Seitenaufrufe aus 64 Ländern. Am Tag! Wenn das stimmt, wär's der Hammer."

Stefan Undorf hat sich vorgenommen, da mal genauer nachzuhaken. Eine zweite Zeitung, das wär's doch irgendwie auch. Aktuell sucht das "Wochenblatt" aber erst einmal einen Anzeigenverkäufer. Ohne den geht es nicht, das hat Undorf gelernt.

Autoren: Markus L. Blömeke, Prof. Dr. Verena Renneberg

 

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