Offiziell sprechen sie beim SWR von "Denkpause": Aus für "Pro & Contra"

 

Offiziell schickt der SWR seinen erfolglosen Klassiker "Pro & Contra" zwar "nur" in die sommerliche "Denkpause". Im Haus ist die Sorge groß, dass der öffentlich-rechtliche Sender der politischen Debatte zukünftig keinen Platz geben wird. Unternehmenssprecher Wolfgang Utz widerspricht.

"Pro & Contra", das war der bislang aufwendig produzierte, trimediale Klassiker, den der SWR im Herbst 2014 wiederbelebte. Die Sendung, die der legendäre Journalist Emil Obermann prägte, lief von 1968 bis 1998 in der ARD.

Auf Grund der völlig überladenen Sendung konnte sich zuletzt in den 45 Minuten Sendezeit kaum eine Diskussion entwickeln. Als Moderatoren traten abwechselnd die stellvertretenden SWR-Fernseh-Chefredakteure Birgitta Weber (auch Chefin "Report Mainz") und Clemens Bratzler (auch Moderator "Plusminus") auf. In der Sendung versuchten jeweils zwei Anwälte und zwei Sachverständige, die 45-köpfige Jury im Studio und die Zuschauer von ihrer Haltung zu überzeugen. Im letzten "Pro & Contra" waren es unter anderem der rheinland-pfälzische Verkehrsminister Volker Wissing von der FDP und der Grünen-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel, die über das weitgehend zeitlose Tempolimit 120 auf den Autobahnen diskutierten.

Auf Anfrage von kress.de erklärt Unternehmenssprecher Wolfgang Utz, dass die Sendung nicht eingestellt worden sei, "vielmehr haben wir uns eine Denkpause verordnet, um noch einmal neu über das Thema 'Gesprächsformat im SWR Fernsehen' nachzudenken". Laut Utz liegt das an zwei Gründen: "Erstens lassen sich viele gesellschaftspolitische Fragestellungen, die der Erörterung wert wären, nicht in ein einfaches "dafür oder dagegen" auflösen. Und zweitens: Die Erwartung der Zuschauer hinsichtlich eines politischen Gesprächsformates ist heute - anders als früher - stark aktualitätsgetrieben. Solche Gesprächsformate werden heute in allererster Linie als ergänzendes Angebot zu einem aktuellen Thema benutzt", so der SWR-Sprecher.

Die Begründung ist sonderbar, weil man mit der Reanimierung eines alten Formats ja bewusst mit dem Titel "Pro und Contra" auf vermeintliche Eindeutigkeit und Klarheit der Debatten gesetzt hatte. Zudem gibt es ja bereits aktuelle "Extra"-Formate, die vornehmlich ausgestrahlt werden, wenn das Wetter Kapriolen schlägt.

Utz ergänzt: "Der Redaktion ist es durchaus gelungen, das verabredete Konzept eines multimedialen Angebots gut umzusetzen. Gleichwohl mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass insbesondere die Fernsehsendung nicht in dem Maße angenommen wurde, wie wir uns dies vorgestellt haben." Nach kress.de-Infos ist intern sogar von "andauernder Erfolglosigkeit" die Rede. 

Die Sendung werde einstweilen ausgesetzt, so SWR-Sprecher Utz, "gerade mit der Absicht, das Format weiterzuentwickeln, und zwar so, dass es uns besser gelingt, auch kurzfristig auf aktuelle Diskussionsthemen zu reagieren können. Wir werden die Zeit nutzen, ohne den Druck des nächsten bevorstehenden Sendetermins neue Konzepte und Ideen zu prüfen. Es wird also weiterhin ein diskursives Gesprächsformat im SWR Fernsehen geben."

Eine klare Aussage, dass tatsächlich "Pro & Contra" nach einer nicht definierten Pause zurückkehrt, will Utz aber nicht abgeben.

Im Haus wird die Entscheidung mit Sorge beobachtet. So wird bedauert, dass in der Sendung nicht gestritten, sondern der versprochene Streit nur mit ziemlich müden Gästen simuliert wurde.

"Pro & Contra" war trimedial angelegt und wurde intensiv wie bei keiner anderen Sendung von den Hörfunkwellen und Online-Angeboten des Senders begleitet. Das kühl kalkulierte Ende, die kommunizierte Denkpause des Streitformats ist auch ein Eingeständnis der Programmverantwortlichen, dass sie die Chancen der trimedialen Sendung mit dem wohl größten denkbaren thematischen Werbepotential nicht genutzt haben.

In der "Allgemeinen Zeitung" Mainz räumen Gremien-Mitglieder ein, dass sie das Ende der politischen Sendung nicht einmal mitbekommen haben.

Wahrscheinlich war das nicht satirisch gemeint, offenbar brauchen auch sie eine Denkpause, oder sie warten ab. Bis die kommunizierte Denkpause abgeschlossen ist und sie überlegen konnten, ob es eventuell eine Aufgabe von Kontrollgremien sein könnte, sich mit dem politischen Profil des zweitgrößten ARD-Senders intensiv zu beschäftigen.

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