Früherer Chefkoch.de-CEO Robert Franken zur Elternzeit-Debatte: "Unternehmen müssen auf Bedürfnisse der Mitarbeiter eingehen"

 

Kann eine Redaktion in Teilzeit geführt werden? Nicola Wessinghage, Co-Chefin der Hamburger PR-Agentur "Mann beißt Hund", ist davon überzeugt. Jetzt schaltet sich Robert Franken, früher CEO von Chefkoch.de und urbia.de, in die Diskussion ein: "So sehr ich das, was Nicola Wessinghage schreibt, unterstütze, so sehr nervt mich ein Aspekt in der ganzen Diskussion um Führung in Eltern(teil)zeit: die Perspektive", erklärt Robert Franken.

Die Verantwortlichkeit wird fast ausschließlich der Mutter (viel seltener: dem Vater) zugeeignet. Die implizite Frage lautet stets: Wie stellst Du, liebe Mutter (und viel seltener: Du, lieber Vater) sicher, dass Du Deinen Job auch während Deiner "Auszeit" adäquat, sprich: zu unserer (vollsten) Zufriedenheit, ausüben wirst?

Natürlich spielen die meisten Unternehmen die Flexibilität-Karte und präsentieren sich als Partner ihrer angestellten Chefinnen (und Chefs). Und das fällt ihnen deshalb so leicht, weil sie es in den seltensten Fällen ernst meinen müssen. Am Ende kommen dann solche Lösungen heraus wie im aktuellen Fall bei der "Grazia": Der Kollege vertritt die Chefredakteurin für ein Jahr ihrer Elternzeit. Und wer kann schon sagen, ob diese Variante am Ende nicht sogar dem Wunsch beider Seiten entspricht?

Wie auch immer die Konstellation bei der "Grazia" zustande kam: In der Diskussion um Führung in Teilzeit werden die falschen Fragen gestellt. Um den alten Vergleich mit dem Berg und dem Propheten zu bemühen: Selten macht sich hier der Berg auf den innovativen Weg zum Propheten. Würde er dies aber tun, so lautet die damit verbundene Fragestellung:Wie stellst Du, lieber Arbeitgeber, sicher, dass ich meinen Job auch während meiner Zeit mit Baby so ausüben kann, dass meine Bedürfnisse nicht hinter den Deinen zurückstecken müssen?

Vielleicht ist das ja ein Lösungsansatz: Bedürfnisse zurückstellen. Mutter und/oder Vater sollten das nicht tun müssen, das Baby selbstverständlich erst recht nicht. Bleibt also der Arbeitgeber. Wenn der nicht verlangt, dass alles wie bisher zu laufen habe, dann kommen wir einem Miteinander schon näher. Ein Bedürfnis fällt mir dann aber doch noch ein, bei dem auch die Eltern zurückschrauben können: bei ihrem Perfektionsanspruch. Andernfalls droht schlicht Überforderung, und davon hat niemand etwas.

Fazit: Drehen wir die Frage um und machen wir Jobs endlich elternkompatibel - und nicht umgekehrt. Dazu braucht es natürlich die Bereitschaft aller Beteiligten. Ohne Flexibilität bei Unternehmen und Führungskräften sowie deren Teams wird es nicht funktionieren. Wenn man es aber gemeinsam anpackt, dann schafft man endlich Rollenvorbilder und menschengerechte Arbeitsumfelder.

Robert Franken

Zur Person: Robert Franken berät Unternehmen in den Bereichen Digital & Diversity. Er war CEO von Chefkoch.de und urbia.de und beschäftigt sich heute als Consultant, Speaker, Coach und Autor mit allen Aspekten der Digitalen Transformation. Robert Franken bloggt unter Digitale Tanzformation.

Und jetzt Sie! Ist ein Top-Job in Teilzeit machbar? Oder bleibt er in Redaktionen ein Traum? Senden Sie uns Ihre Erfahrungen gerne per Email an post@kress.de!

Ihre Kommentare
Kopf

Nicola Wessinghage

14.07.2016
!

Danke, eine wichtige Ergänzung, lieber Robert Franken. Allerdings scheint speziell in der Medienbranche noch nicht überall angekommen zu sein, warum denn Arbeitsplätze an den Bedürfnissen von Arbeitnehmer/innen ausgerichtet sein sollten. Hier fehlt wohl noch das Bewusstsein, dass es in Zukunft nicht mehr reichen wird, einen Job anzubieten, der "irgendwas mit Medien" zu tun hat, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Erste Anzeichen sehe ich, dass auch hier ein Wandel bevorsteht.


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.