WDR-Moderatorin Sabine Heinrich: Wie Muttersein und Karriere funktionieren können

15.07.2016
 

Zuerst kam die Schreibe, dann die Stimme, dann das Gesicht: Die Erkenntnis, dass es vor den Kameras genauso schön ist wie hinter dem Radiomikrophon, gab Sabine Heinrichs Karriere eine neue Richtung. Seither moderiert Sabine Heinrich Galas und ein frauenpolitisches Magazin, schreibt Romane und hat keine Lust, für eine fernsehtaugliche Figur an Lauchstangen zu knabbern. Mit kress.de sprach Sabine Heinrich über ihren Wechsel zum WDR2, das Muttersein und das Streben nach Gleichberechtigung.

Heinrich, die gebürtig aus Westfalen stammt und der die Grimme-Jury 2011 den Deutschen Radiopreis als beste Moderatorin überreichte, spürt wenig Unterschiede zwischen all den Formaten, mit denen sie jongliert. "Letzten Endes geht es überall um den Inhalt. Ich komme ja ursprünglich von der Zeitung, deshalb verstehe ich mich im Kern immer noch als Journalistin und nicht primär als Moderatorin. Und in der Funktion präsentiere journalistische Erzeugnisse, von mir und den Kollegen", erklärt sie im kress.de-Gespräch.

Im Herzen Journalistin

Nach fünfzehn Jahre beim der Radiosender 1Live und einer sechsmonatigen Babypause hat Heinrich innerhalb des Senders die Heimat gewechselt: Seit Juni moderiert sie für WDR2. "Ich wollte meiner Arbeit noch mal einen anderen Dreh geben. Und ich bin total dankbar, dass ich bei so einem großen Haus wie dem WDR arbeite und einfach sagen kann: Darf ich wechseln? Und mein Chef sagt: Ja."

Wie einfach das Leben sein kann, erstaunt Heinrich immer wieder. Genau wie das Spannungsverhältnis, in dem sie sich zunehmend häufiger wiederfindet: Gleichzeitig die Berichterstattende zu sein und die, über die berichtet wird. "Diese Rollen finde ich immer noch befremdlich, weil ich denke: Leute, ich bin doch eine von euch, ich mach doch nur meine Arbeit."

Der innere Kampf mit dem F-Wort

Es ist diese Nahbarkeit, diese in der Medienwelt viel gesuchte und wenig zu findende Echtheit, die Sabine Heinrich so populär macht. Sie steht zu ihren Zweifeln und Unsicherheiten und hat einen Humor, der seinesgleichen sucht. Politisch ist sie zudem - als Moderatorin von FrauTV zeigt sie Ungerechtigkeiten auf und ringt um Gleichberechtigung. Als Feministin bezeichnet sie sich dennoch nicht. "Ich bin es, und weiß ehrlich gesagt nicht, warum ich so Schwierigkeiten damit hab, es zu sagen. Vielleicht, weil ich das Gefühl hab, das Wort ist falsch verstanden, als ginge es darum, Männer doof zu finden. Dabei geht um Gleichheit. Aber es gibt so viele Frauen, die sagen: 'Wir sind doch total gleichberechtigt!' Und ich denk: Nein, sind wir nicht! Guck dir mal deine Rentenpunkte an. Oder - ach, es gibt so viele Bereiche - die Gewaltverbrechen gegen Frauen. Der Opferschutz, das ist einfach ein Unding. Und wir dürfen nicht müde werden, das laut zu sagen!"

Männer sind spitze und Frauenrechte ein Muss

Das Gespräch dreht sich weiter, streift Daniela Katzenberger ("witzig"), Laurie Penny ("megakrawallig und radikal") und Julia Korbik ("streitbar und inspirierend") und die Frage, warum der Kampf um Frauenrechte in den USA so viel selbstverständlicher scheint als in Deutschland. "Manchmal frag ich mich, warum wir deutschen Frauen uns damit so schwer tun. Und dann merk ich, dass es vielleicht ist, weil ich bei den Typen nicht blöd aussehen will. Meistens." Selbstreflektion a la Heinrich, auf geschmeidige, ehrliche Art, die jeglicher Heuchelei entbehrt. Sie findet Männer "spitze" und behält sie im Blick, denkt sie mit, ist ohnehin der Typ Frau, den Männer mögen: Wach und schlagfertig und natürlich auch attraktiv. Letzteres findet sie gelegentlich anstrengend.

Kuschellauch ist aus

"Ich bin durch eine harte Schule gegangen, was die ganzen Kommentare über Äußerlichkeiten angeht. Heute bin ich gelassener, das hat natürlich was mit Alter und Erfahrung zu tun. Und, ganz ehrlich: Wenn ich drei Monate nach der Geburt wieder moderiere, dann seh ich nicht so top aus. Aber ich habe da auch eine gewisse Vorbildfunktion. Ich kann kein frauenpolitisches Magazin wie FrauTV moderieren und dann hier an Kuschellauch knabbern."

Das Baby ist selbstverständlicher Teil ihres Lebens, und wenn der Vater - geteilte Elternzeit hin oder her -, das große Freundesnetzwerk oder die Großmutter des Kindes gerade nicht abkömmlich sind, liegt es bei den Dreharbeiten gelegentlich im Wagen hinter Kamera Eins. Gestillt wird, wenn's sein muss, auch mal an einer Bushaltestelle. Eine Entspanntheit, die sich durch das gesamte Interview zieht. Inmitten lustiger Anekdoten klingelt die Müllabfuhr, in tiefsinnige Sätze gluckst das Baby hinein und als sie von ihrem zweiten Roman erzählt, deutet Heinrich hinter sich auf den Küchentisch, an dem auch der erste geschrieben ist. "Sehnsucht ist ein Notfall" erschien 2013 und die erste Seite ist autobiografisch, dann, ab einem bestimmten Punkt, übernimmt die Fiktion.

Muttersein braucht Übung

Per se allerdings ist Heinrich eine sehr journalistische Schreiberin. "Ich hatte am Anfang Schwierigkeiten, weil ich alles belegen wollte. Fürs erste Buch habe ich mich im Januar in mein Auto gesetzt und bin alleine nach Elba gefahren. Um dann abzuschreiben, was passiert. Und dazuzudichten. Fürs zweite bin ich nach Beirut geflogen, ohne Sinn und Verstand. Es hat etwas gedauert, bis die Freiheit kam und ich begriffen hab: Ich darf mir hier alles ausdenken. Ich muss nichts belegen. Das hab ich irgendwann total genossen."

Siebzig Seiten und der Plot des zweiten Romans stehen mittlerweile, der Jobwechsel zum WDR2 und das Baby verlangsamen das Fortschreiten des Buches. Glücklicherweise sorgt beides für das Wachstum der Mutter, die das Muttersein noch übt. "Ich bin gerade in einer Metamorphose und weiß auch nicht genau, was ich beim Muttersein brauche. Ich bin ja neu in der Szene. Das Muttersein ist ein Muskel, der trainiert werden muss."

Ihre Kommentare
Kopf

Claudia

15.07.2016
!

Träume ich oder sehe ich Realität? Selbst nach einem Jahr in Island lebend muss ich mir manchmal noch den imaginären Sand aus den Augen reiben, wenn ich auf Business-Veranstaltungen bin oder im Fitnessstudio oder über das Uni-Gelände laufend oder oder oder. Einfach überall sieht man (Klein)Kinder. Mitgebracht von Papa oder Mama. Völlig normal. Überhaupt kein einziges Wort wird darüber verloren. So nah und doch so fern. Dazu dieses Interview einer Immigrantin: https://www.facebook.com/tagesform66


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