Journalisten-Organisationen in der Türkei: Interessenvertretung unter schweren Bedingungen

 

Über ihre Arbeit unter schweren Rahmenbedingungen berichteten Vertreter zweier großer Journalistenvereinigungen in der Türkei im Gespräch mit dem Bundesvorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), Frank Überall.

"Man hat den Eindruck, dass der Berufsstand der Journalisten abgeschafft werden soll", berichtete Ucur Güg, Vorsitzender der türkischen Journalistengewerkschaft TGS, bei dem Gespräch in Istanbul: "Die Kollegen machen aber weiter, und wir unterstützen sie in ihrem Durchhaltevermögen." Dazu zählten beispielsweise Delegations-Besuche der türkischen Journalistenorganisation bei Redaktionen vor Ort. Turan Olcayto vom Journalistenverband TGC, in dem auch Medienunternehmen organisiert sind, berichtete von der demonstrativen Teilnahme an Gerichtsverhandlungen gegen Journalisten und Besuchen inhaftierter Kollegen: "Häufig werden wir inzwischen aber gar nicht mehr zugelassen."

Medien könnten insgesamt kaum noch frei recherchieren: "Das ist eine Tragödie, was in unserem Land passiert." Olcayto forderte eine schnelle Reform des türkischen Strafrechts, damit Journalisten nicht mehr auf Grundlage der umstrittenen Terrorparagraphen willkürlich verfolgt werden können." Sibel Günes (TGC) berichtete, dass die landesweite Arbeitslosenquote in der Türkei bei zehn Prozent liegt, bei Journalisten seien es gut 30 Prozent: "Die werden nicht mehr für den beruf zugelassen", so Günes: "Die werden mundtot gemacht."

In der Medienbranche arbeiten nach Schilderung von Gökna Durmus (TGS) in der Türkei rund 95.000 Menschen. 40.000 davon seien Journalisten. Die TGS als tariffähige Gewerkschaft hat eigenen Angaben zufolge mehr als 1.000 Mitglieder. Man müsse drei Prozent der Belegschaft in einem Unternehmen organisieren, um überhaupt einen Tarifvertrag abschließen zu können. Nur von denjenigen Gewerkschaftsmitglieder, die vom Arbeitgeber nach Tarifverträgen bezahlt werden, dürfe die Gewerkschaft Beitragszahlungen verlangen. Das sei bei rund zehn Prozent der Mitglieder der Fall. Die TGS kooperiert in der Europäischen und in der Internationalen Journalisten-Föderation institutionell unter anderem mit dem Deutschen Journalisten-Verband.

"Unter welchen Bedingungen die Kolleginnen und Kollegen der Gewerkschaften und Verbände in der Türkei ihre Arbeit machen müssen, hat mich erschreckt", erklärte DJV-Vorsitzender Frank Überall nach seinen Gesprächen in Istanbul: "Die Treffen haben mir gezeigt, wie wichtig die internationale Solidarität in diesem Bereich ist. Wir werden die Kontakte weiter pflegen und versuchen, auch deutsche Politiker für diese Themen zu sensibilisieren. Nicht nur die direkte Verfolgung und Bedrohung von Medienvertreter ist in der Türkei ein Problem - auch die Rahmenbedingungen für gewerkschaftliche Arbeit gehören auf den Prüfstand!"

DJV-Vorsitzender Frank Überall hatte mehrere Redaktionen oppositioneller Zeitungen und Fernsehsender in der Türkei besucht und seine Reise auch für Treffen mit den Journalistenvereinigungen genutzt.

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