Christian Jakubetz zum Anschlag in Nizza: "Wer etwas zeigt, was alle wissen, bedient Sensationslust"

 

Vorwarnung: Der nachfolgende Text enthält Elemente von Subjektivität und nicht zu erklärendem Bauchgefühl. Er orientiert sich auch nur selten an Paragraphen und an Medienwissenschaft. Er ist daher für Menschen, die sich gerne an Paragraphen und Medientheorie orientieren, nicht geeignet.

Alles begann mit einem Facebook-Post, den ich am Freitag geschrieben habe. Aus dem Bauch raus, ohne nachzudenken, ohne abzuwägen. Ich war wütend und erstaunt zugleich, ich wunderte mich, wie es Menschen (man beachte bitte den neutralen Plural) geben könne, die bei einem Anschlag als ersten Impuls das Handy zücken und filmen.

Das wurde mir als Kritik an Journalisten ausgelegt, insbesondere an Richard Gutjahr, der vor Ort war und mit seinen Bildern für Debatten sorgte. Das ist ziemlich bezeichnend für unsere Branche, finde ich. Das einzige, was ich in dem Moment dachte, war: Was für ein Glück, dass ihm nichts weiter passiert ist. Aber irgendwann wurde eine Grundsatz-Debatte daraus, und gut, man wird ja wohl noch ein bisschen moralisieren dürfen, wenn man gerade im entsprechenden Modus ist . . .

Ursprünglich bezog sich mein Beitrag auf die nicht näher zu spezifizierende Gruppe "alle". Alle diejenigen, die filmen und posten, alle diejenigen, die "eher der Triebabfuhr von Terror-Voyeuren" nachkamen, wie Kai-Hinrich Renner im "Handelsblatt" schreibt. Dass unter diesem Begriff "Alle" leider auch etliche Journalisten waren, macht die Sache keineswegs besser, im Gegenteil.

Was mich wunderte und nach wie vor noch erstaunt: Man sieht also einem Massenmord zu, zückt dann das Handy und filmt das? Natürlich ist es manchmal die grausame Pflicht von Journalisten, Dinge zu dokumentieren, die man lieber nicht sehen will. Die Grenze ist da erreicht, wenn die Bilder den Zusatz "Schock" bekommen (die Gutjahr-Bilder, die die ARD nach gründlicher Bearbeitung zeigte, gehören sicher nicht in diese Kategorie. Da gibt es im Netz ganz andere zu sehen, wenn man nur ein bisschen sucht).

Ich weiß sicher, dass ich das nicht könnte. Ich weiß, dass ich mich damit vermutlich als ein hoffnungslos aus der Zeit gefallener Journalist oute - aber es ist überaus verstörend, wenn soziale Netzwerke jeden Terrorakt in der Welt potenzieren. Und wenn sie damit, wenngleich ungewollt, das Handwerk der Terroristen erledigen. Jedes dieser millionenfach wiedergegebenen Bilder macht Angst, jedes dieser Bilder transportiert auch die Botschaft der Terroristen wieder: Seht her, wir können euch immer und überall treffen, ganz wie es uns beliebt.

Man müsse die Welt zeigen, wie sie nun mal ist. Dieses Argument kommt im Terror-Zeitalter immer und immer wieder. Aber was genau zeigen wir mit den Bildern von Nizza, was wir nicht alle schon lange wissen? Dass Terror grausam, hinterhältig und immer unerwartet ist? Dass Terroristen keine Skrupel kennen, keine Rücksichten nehmen und bestenfalls dadurch überraschen, wie perfide ihre Methode diesmal ausgefallen ist (Lkw in Menschenmasse hatten wir bisher ja noch nicht).

Was genau also ist der Informationswert von Videos und Fotos in solchen Fällen? Ein Argument, das ich gehört habe, lautete: Man könne durch diese Videos inbesondere erkennen, dass es sich nicht um einen Unfall gehandelt habe. Mit Verlaub, das ist albern: Ein Lkw überfährt über 80 Menschen, der Fahrer schießt um sich - und wir brauchen ein Video, um sicherzugehen, dass es kein Unfall war?

Natürlich, die Grenzen zwischen Dokumenationspflicht und Voyeurismus sind schmal. Trotzdem: Wer etwas zeigt, was alle wissen, bedient Sensationslust. Mehr nicht. Selbst dann nicht, wenn man sich noch irgendwo das Journalismus-Etikett hinklebt.

Ihre Kommentare
Kopf

Sophie Gruetzner

15.07.2016
!

Bravo! Auf den Punkt. So wie sich beispielsweise auch CNN im vergangenen Jahr voellig zu recht entschieden hat, keine Bilder des jordanischen Piloten zu zeigen, als er von ISIS bei lebendigen Leibe verbrannt wurde: "It just falls right into ISIS' hands." Genau das tut es. Journalisten muessen berichten und dokumentieren, aber dabei niemals zum Propagandawerkzeug von Terroristen werden.


ingo voss

15.07.2016
!

alles sehr gute einstellung...aber ich wünsche mir schon, dass einige menschen mehr bezug zur realität vermittelt bekämen, insbes. in einer zeit, wo dem bürger diesbezügl. sehr vieles bewusst vorenthalten wird. wie leichtfertig schickt die nichtkriegsgeneration nun doch wieder unsere Armee zu nichtverteidiggszwecken in kriege. vllt täte es ihnen mal gut, anzuhören, wie sich maschinengewehrfeuer in den strassen und in ihrer unmittelbaren nähe in einer stadt anhört, gerade um dies zu vermeiden...


ulla

18.07.2016
!

Sehr guter Artikel - Sie haben es auf den Punkt gebracht. Ich finde es auch vollkommen unverständlich, was Jemanden dazu bewegt, in so einer Situation zu filmen und diese Bilder dann zu veröffentlichen. Was soll damit dokumentiert werden?


Wolfgang Zehrt

19.07.2016
!

Und nu? Oder neudeutsch: so what? Das Lamentieren über eine neue, ganz andere Kommunikationswelt kann natürlich noch jahrelang weitergehen, einen Sinn erkenne ich nicht darin. Wäre das Automobil nicht erfunden worden gäbe es auch weniger Verkehrstote... Was not tut ist eine konsequente Integration der veränderten Medienwelt unter ander in den Schulunterricht denn wer souverän und überlegt mit den technischen und inhaltlichen Möglichkeiten umgeht wird auch keine voyeuristischen Videos machen.


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