t3n.de-Chefredakteur Stephan Dörner: Warum der Internet-Wegzoll verhindert werden muss

18.07.2016
 
 

Die Netzneutralität in der EU ist akut bedroht wie nie zuvor. Um alte Industriegiganten etwas zuzuschustern, werden damit Startups und Innovationen verhindert. Ein Kommentar von Stephan Dörner, Chefredakteur von t3n.de.

In den USA hat Präsident Barack Obama die Netzneutralität behördlich festschreiben lassen - in der EU ist sie gerade im Begriff, für die Lobbypolitik von Telekommunikationskonzernen geopfert zu werden. Eine Abschaffung der Netzneutralität würde allerdings das Internet als großen Innovationsmotor gefährden.

Nur noch heute können Europas Bürger die Entscheidung beeinflussen und eine Mitteilung an die Regulierer schreiben. Bislang haben knapp 500.000 Menschen davon Gebrauch gemacht. Doch der Reihe nach: Was ist Netzneutralität eigentlich?

Netzneutralität: Um was es geht

Kurz gesagt geht es darum, dass sich auf dem Weg der Daten von einem Internetnutzer zu einem anderen nicht noch ein Internet-Zöllner in den Weg stellt und die Hand aufhält. In die Rolle des Zöllners wollen die Telekommunikationskonzerne kommen - und zwar rund um die Welt. In den USA hat die Regulierungsbehörde FCC dem über ein Obama-Dekret einen Riegel vorgeschoben - in Europa rennen die Lobbyisten von Deutscher Telekom und Co dagegen bei Europapolitikern offene Türen ein.

Das von den europäischen Telkos veröffentlichte 5G-Manifest wurde sogar absurderweise von EU-Digitalkommissar Günther Oettinger auf der offiziellen Website der EU veröffentlicht, worauf Spiegel-Online-Kolumnist Sascha Lobo hinweist.

Warum aber ist die Beibehaltung der Netzneutralität so wichtig? Warum kämpfen WWW-Erfinder Berners-Lee und so viele andere führende Köpfe der Tech-Szene so verbissen darum? Die ungehinderte Kommunikation aller Teilnehmer des Internets untereinander ist die Grundidee des offenen und freien Internets - und die Basis für seinen Erfolg.

Google brauchte 1998 nichts weiter tun, als ein paar Server an eine Leitung anschließen, die schnell genug war und konnte damit gegen die damaligen Branchengrößen wie Yahoo und Altavista konkurrieren. Der bessere Suchalgorithmus reichte Google, um erst zum Konkurrenten und dann zum Platzhirsch zu werden. Das Unternehmen musste nicht Telekommunikationsprovider rund um die Welt Geld dafür zahlen, dass die Daten von Google.com genauso schnell durchgeleitet werden wie die von Yahoo oder Altavista.

Startups in der Falle

Neue Googles entstehen heute im Netz vermutlich vor allem da, wo große Bandbreiten benötigt werden: Videos mit 4K-Auflösung, Virtual-Reality- Anwendungen oder Cloud-Anwendungen, die sich wie normale Programme anfühlen. Wird hier mit dem Prinzip der Netzneutralität gebrochen, bedeutete das, dass ein Startup mit Telekommunikationsprovidern in allen europäischen Ländern Verträge über das Durchleiten von Daten abschließen müsste - ansonsten wäre Schnecken-Internet für die neuen Dienste angesagt. Für Startups ist das aber nicht leistbar - Innovationen und damit auch Wertschöpfung und neue Arbeitsplätze würden verhindern.

Oettinger und andere EU-Politiker scheinen derzeit vor allem eine Politik zu betreiben, die Europas Industrie-Giganten hilft. Wer den Worten von Telekom-Lobbyisten lauscht und diese mit den Reden von Oettinger vergleicht, wird auffällig viele fast wortgleiche Formulierungen finden. Kein Wunder: Noch immer gehört die Deutsche Telekom zu fast einem Drittel dem deutschen Staat.

Ratsam wäre es, wenn Oettinger und andere EU-Politiker bei ihren Entscheidungen zuweilen auch einmal an die Googles von Morgen denken würden - denn die könnten durchaus auch aus Europa kommen.

Ein Kommentar von Stephan Dörner, Chefredakteur von t3n.de.

Stephan Dörner ist seit 1. Juli Chefredakteur von t3n.de (Yeebase Media). Zuvor war er als Tech-Reporter der Springer-Tageszeitung "Welt" tätig. Seine Laufbahn begann der heute 33-Jährige als freier Mitarbeiter für Handelsblatt Online und RP Online. 2012 wurde er Technologie-Redakteur bei Handelsblatt Online und Tech-Editor für das "Wall Street Journals Deutschland". Über seinen Twitter-Account kennen ihn mehr als 18.000 Follower.

 

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