"Ein Chronist, der lügt, ist erledigt": Ein Lehrstück über Fehler, ihre Entstehung und die Entschuldigung

 

"Jeder muss für eigene Fehler im Ernstfall auch öffentlich gerade stehen", sagte der damalige Bundespräsident Horst Köhler beim 50-Jahr-Jubiläum des Presserats; er meinte die Journalisten. Gerade stehen muss ich als Autor für die Kolumne der vergangenen Woche, in der die Jahrestagung des Netzwerk Recherche das Thema war.

Der erste Fehler: Erwähnt sind Journalisten, die in diesem Jahr nicht gesprochen hatten; ich hatte mich im Google-Irrgarten verirrt und in Notizen und Fotos recherchiert zur Tagung im vergangenen Jahr.

Der zweite Fehler: Ich habe nicht alle Quellen erwähnt.

Ich bitte um Entschuldigung.

Als Kollegen uns auf die Fehler hinwiesen, sind sie sofort korrigiert worden: Was falsch war, ist gestrichen; im Anhang des Textes stehen die Korrekturen und die Entschuldigung, gemeinsam mit dem Chefredakteur. Denn wer eine gründliche Recherche mit penibler Quellen-Nennung lehrt wie in der Serie "Journalismus der Zukunft", der muss selber gründlich und penibel sein. Wer klagt, dass sich Journalisten für unfehlbar halten, der muss schon in der Gegenwart zu seinen Fehlern stehen. Das soll nicht alles sein in dieser Kolumne: Denn schlimmer, als Fehler zu machen, ist es, aus Fehlern nichts zu lernen. Diese Kolumne sei also ein Lehrstück.

Die meisten Fehler passieren fahrlässig. Die absichtlich inszenierten Fehler entlarven sich selbst: Wer wie Tom Kummer Interviews fälscht und dies als Kunst etikettiert, hat den Journalismus schon verlassen; wer ihn trotzdem druckt, nimmt den Schaden bewusst in Kauf, den er beim Leser anrichtet. Wer aus missionarischem Eifer oder im ideologischen Überschwang die Wahrheit her- und hinrichtet, manipuliert den Leser.

Die meisten Fehler sind fahrlässige, wie meine: Statt mich auf Beobachtungen zu verlassen, was ausreichend gewesen wäre, habe ich während der Internet-Suche Zitate gefunden, die plausibel erschienen, und Fotos, auf denen die Journalisten zu sehen waren, die ich erwähnen wollte.

Daraus ist nicht zu folgern: Journalisten dürfen sich nur auf eigene Beobachtungen verlassen. Journalisten brauchen Augenzeugen und Berichte von anderen Journalisten. Aber sie dürfen sich Zeugnisse anderer nicht zu eigen machen, sie müssen die Quellen nennen.

"Negern" nennen einige Redaktionen das "Artikelschreiben auf Hörensagen unter Autorenschaft des Informanten"; so steht es im "Wörterbuch der Fachbegriffe" des Communication College. Wer sich ein Ereignis im Fernsehen anschaut, etwa ein Bundesliga-Spiel, und schreibt, als habe er im Stadion gesessen, auch der "negert". Heute gilt der Begriff als politisch inkorrekt.

Wie kommen Fehler in die Welt? Wie kamen meine ins Netz?

Gerade das Internet mit seiner Überfülle an Informationen fordert eine penible Prüfung. War das früher einfacher? Wahrscheinlich: Wer einen Zeitungsartikel oder ein Foto aus einem Papier-Archiv bekam, sah groß und deutlich das Erscheinungs-Datum und den Fundort. Aber die Sehnsucht nach der verklärten alten Zeit hilft nicht: Ohne Sorgfalt kommt eine Recherche nicht aus, gleich ob die Techniken komplizierter und die Zeiten schlechter geworden sind.

Auf Quellen hinzuweisen, ohne den Lesefluss zu hemmen, ist online ungleich leichter als in der Zeitung und in Magazinen. Die Verlinkung auf einer Online-Seite funktioniert wie eine Fuß- oder Endnote in einem Buch: Wer will, schlägt nach; wer weiterlesen will, lässt sich nicht wegführen.

Da hilft in gedruckten Artikeln nur die Reduzierung von Quellen: Eine Zeitung ist kein wissenschaftlicher Artikel; ein Überfluss an Belegen zeugt von übergroßer Vorsicht und oft vom Fehlen eines roten Fadens in der Geschichte.

"Fehler sind menschlich, sie werden auch vom Leser verzeihen. Denn Leser wissen es zu schätzen, wenn man sie ernst nimmt"

"Leider berichten die Redaktionen selten über eigene Fehler", beklagt Ella Wassink vom Deutschen Presserat in Claudia Hangens "Grundlagenwissen Medien". "Fehler sind menschlich, sie werden auch vom Leser verzeihen." Wassink ist zuversichtlich, dass eine Redaktion, die Fehler korrigiert, die Bindung zu den Lesern stärkt: "Denn Leser wissen es durchaus zu schätzen, wenn man sie ernst nimmt."

Dafür spricht vieles, einiges auch dagegen. Wer plötzlich beginnt, Fehler auffällig in der Zeitung zu korrigieren, bekommt zu Dutzenden Anrufe und Mails mit dem Tenor: Die Zeitung wird immer schlechter, so viele Fehler gab es ja noch nie!

Auch die Sympathisanten der "Lügenpresse", die Futter für ihre Kampagnen brauchen, nutzen jede Korrektur, um ihre These vom verdorbenen "System" zu untermauern. Sie werden nicht mit Argumenten zu überzeugen sein, dass Korrekturen für die Liberalität einer Zeitung bürgen. Die meisten Leser sind jedoch durch ständige Übung und Begründung zu überzeugen: Wer mit dem Abstand von zwei, drei Tagen in eine Zeitung schaut, bekommt eben eine fehlerfreie Zeitung.

Der Pressekodex fordert unverzüglich eine Korrektur, aber keine Entschuldigung. Der Schweizer Presserat gibt den Hinweis: "Bei besonders gravierenden journalistischen Fehlleistungen, die das Renommee von Personen schädigen, ist ausnahmsweise neben einer Berichtigung auch eine Entschuldigung angebracht." Diesen Hinweis kann man auch als Warnung verstehen: Keine Inflation von Entschuldigungen! Nicht unentwegt Schuld und Sühne beschwören selbst bei kleineren Fehlern. So lautet auch ein weiterer Hinweis der Schweizer: "Entbehrlich ist eine Berichtigung bei einer bloßen Ungenauigkeit, die für das Verständnis der Leserschaft nicht relevant erscheint." Gravierend muss der Fehler schon sein, und er musste gegen Personen gerichtet sein - dann ist eine Entschuldigung angebracht, sinnvoll nicht nur vom Chefredakteur unterschrieben, sondern auch vom Autor oder zumindest in seinem Namen.

Als ein Sturm über Münchens Top-Kommentator Heribert Prantl tobte, korrigierte die "Süddeutsche Zeitung" den Fehler klein auf der dritten Seite - mit Bedauern, aber ohne Entschuldigung. Prantl hatte in einer Reportage über Andreas Voßkuhle, den Präsidenten des Verfassungsgerichts, von einer Küchenrunde erzählt, als wäre er dabei gewesen; aber er hatte sich davon nur berichten lassen und dies nicht kenntlich gemacht.

Reporter von "Spiegel" und "Stern" kommen erst gar nicht in solch eine peinliche Situation: Ihre Texte landen vorab stets in der Dokumentation, in einer Abteilung von siebzig "hochspezialisierten" Journalisten. In einer Veranstaltung bei der Jahrestagung von Netzwerk Recherche zeigte die "Spiegel"-Dokumentaristin Nicola Naber eine Manuskript-Seite, auf der jede Tatsachen-Behauptung unterstrichen war. Jede wird geprüft, bevor der Text in Druck geht. Was für ein Aufwand! Wer sich dies nicht leisten kann, muss der Sorgfalt des Autors und des Gegenlesers vertrauen.

Als der Volontär Egon Erwin Kisch zum ersten Mal rausgeschickt wurde, um über den Brand der Schittkauer Mühlen zu berichten, fiel ihm nichts ein: 150 Zeilen mussten in Eile gefüllt werden. Er ließ sich eine Geschichte einfallen, eine Phantasterei, aber er wusste: "Ein Chronist, der lügt, ist erledigt." Aber keiner bemerkte die Lüge:

"Gestern hatte ich zum ersten Mal etwas erfunden, und alle hatten es geglaubt. Sollte ich also bei der Lüge bleiben? Nein."

Über sein "Debut beim Mühlenfeuer" schrieb Kisch, als er ein berühmter, eben der rasende Reporter war: "Gerade weil mir bei der ersten Jagd nach der Wahrheit die Wahrheit entgangen war, wollte ich ihr fürderhin nachspüren. Es war ein sportlicher Entschluss."

Info

Der Presse-Kodex Ziffer 2 - Sorgfalt

Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen.

Ziffer 3 - Richtigstellung

Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtigzustellen.

Die Schweizer Regeln

Kodex Pflicht 5 - Berichtigung.

Journalisten berichtigen jede von ihnen veröffentlichte ganz oder teilweise falsche Meldung.

Richtlinie 5.1 - Berichtigungspflicht.

Medienschaffende berichtigen Falschmeldungen unverzüglich. Zu berichtigen sind Fakten, nicht aber Werturteile.

Paul-Josef Raue (66) berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch- deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

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