Britta Sembach und Susanne Garsoffky: "Menschen mit reduzierter Stundenzahl sind effektiver"

22.07.2016
 
 

"Kann eine Redaktion in Teilzeit geführt werden?", hatte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük gefragt. "Ja und nochmal ja - so lautet unsere Antwort auf diese unsägliche Frage", sagen die erfahrenen Journalistinnen Britta Sembach und Susanne Garsoffky.

Die Debatte wird leider viel zu oft aus einem falschen Blickwinkel geführt. Allerdings nicht nur, was die Rolle der Vater betrifft, sondern auch, was den Blickwinkel der Betriebe angeht: Deren Frage lautet oft nur, "Was verliere ich als Unternehmen, wenn ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin die Arbeitszeit reduziert?". Dass Unternehmen auch gewinnen, wenn ihre Mitarbeiter - und wir wählen hier ganz bewusst die männliche Form - sich für Familie entscheiden, wird allzu oft übersehen. Wir sollten also den Radius vergrößern und nicht nur über die Frage "Wer arbeitet wann wie viele Stunden" diskutieren.

Denn Menschen mit Kindern sind oft in einem positiven Sinne anders als ihre Kollegen ohne Nachwuchs: Eltern sind gut organisiert, schaffen mehrere Dinge gleichzeitig, machen eigentlich nie Kaffeepausen, wenn sie "nur" sechs Stunden im Büro sind und denken, ganz ehrlich, öfter an das große Ganze statt nur an das nächste Komma im Text.

Davon abgesehen, dass es bald kaum noch Leserinnen und Leser von Kaufzeitschriften mehr geben wird, wenn die Menschen fürchten müssen, dass sie durch Elternschaft berufliche Nachteile haben. Denn dann bekommen sie einfach keine Kinder mehr. Ein Argument, dass vor allem für die um Leser und Zuschauer kämpfende Medienbranche überzeugend sein sollte. Erstaunlich genug, dass es ausgerechnet diese Branche ist, die beim Thema Vereinbarkeit und damit verbunden ja auch oft beim Thema Gleichberechtigung meilenweit hinterher hinkt. Gleichzeitig aber seit Jahrzehnten selbstverständlich moderne Medien und Techniken der Kommunikation nutzt. Da bleibt es ein Rätsel, warum Führung in Teilzeit nicht möglich sein soll. Vor allem, wenn es mehrere kompetente Führungskräfte im Unternehmen gibt, wie es offenbar bei der Grazia der Fall ist, da ja schnell Ersatz gefunden wurde. Ein Rätsel auch, warum sich diese erfahrenen Führungskräfte den Job nicht einfach teilen können.

Solange wir Teilzeit nicht aufwerten, sie vor allem für Männer und Väter zu einem - zumindest zeitweise, je nach Lebensphase - normalen Arbeitszeitmodell machen, werden wir die Benachteiligung von Eltern erleben müssen. Dabei ist diese Zeit, in der Eltern sehr intensiv für die Kinder da sein müssen und wollen, vor dem Hintergrund eines mittlerweile sehr langen Lebens, nur relativ kurz. Es gibt also keinen Grund, diese Phase zu benutzen, um Eltern aufs Abstellgleis zu schieben.

Vielmehr sind kreative Lösungen gefragt, und davon gibt es mehr als genug, man muss sie nur wollen. Das fängt beim Betriebskindergarten an, geht über Top-Sharing und hört bei der späten Karriere auf. Teilzeit ist und bleibt hierzulande nun mal die einzige Möglichkeit, Beruf und Familie überhaupt irgendwie zu vereinbaren. Nur wenn wir sie endlich von ihrem Nimbus des Karrierekillers befreien, kann sie das auch bleiben. Davon abgesehen, dass wir keine einzige so genannte Teilzeitkraft kennen, die nicht mit "voller Kraft arbeitet". Im Gegenteil, oft sind Menschen mit reduzierter Stundenzahl erwiesenermaßen sogar effektiver. Geben wir ihnen endlich die Chancen und die Anerkennung, die sie verdienen.

Britta Sembach, Susanne Garsoffky

Zu den Autorinnen: Britta Sembach lebt und arbeitet derzeit mit ihrer Familie in New York als Journalistin und Autorin. Zusammen mit Susanne Garsoffky hat sie 2014 "Die Alles ist möglich-Lüge, Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind" (Verlag Pantheon, ISBN: 978-3-570-55252-0, 17,99 Euro) veröffentlicht. In dem Buch entwickeln die beiden erfahrenen Journalistinnen zahlreiche Auswege aus dem Vereinbarkeitsdilemma. 2017 erscheint ihr zweites Buch. Susanne Garsoffky ist zudem Mitbegründerin des Familienportals family unplugged und bloggt dort auch.

 

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