Nach der Münchner Amok-Nacht: Notfall-Plan für Journalisten

 

Paul-Josef Raue schreibt in seiner kress.de-Kolumne "Journalismus!" in dieser Woche über Journalisten und soziale Netzwerke, Trauma-Training und Ratlosigkeit allseits.

Journalisten leben seit Jahren mit Gewalt, mit Amokläufen von Selbstmördern, mit Verbrechen und Terror, ob NSU oder IS. Dennoch waren die meisten Journalisten unvorbereitet, als sie am Freitag die Eilmeldungen aus München lasen. Nervöse Reporter vor dem Mikrofon, verwirrte Moderatoren im Studio, hektische Regisseure; die meisten Online-Nachrichten ohne Konzept, Sinn und Verstand, oft den sozialen Netzwerken ungeprüft hinterher hechelnd.

Die Tage danach fallen Medien-Kritiker, einige überheblich und zynisch, über die Journalisten her, die im Dunkel der Nachrichten die Orientierung verloren hatten. Wenn es nicht tödlich ernst gewesen wäre, hätte man sich in der Münchner Nacht in einer Rätsel-Show wähnen können: Terroristen? Neonazis? Amokläufer? Wer spekuliert besser?

Unentwegt kamen die üblichen Terror-Experten im Fernsehen zu Wort. Auch wenn sie wiederholten, nichts sei gewiss, so hörten die Zuschauer und lasen die Twitter-Verfolger stets nur ein Wort: Terror - ein Wort, das wie ein Alb in den Köpfen der Deutschen nistet. Offenbar läuft eine Katastrophen-Routine ab, sowohl bei Journalisten, Politikern wie Experten. Sendete man Filme und Tonbänder aus dem Archiv, keiner merkte es.

Doch die Routine, so wertvoll sie sein kann, greift nicht in der Krise - selbst bei ruhigem Nachdenken in der Nachrichten-Redaktion einer Zeitung. Jeder Chefredakteur weiß, dass in einer Überschrift nur stehen darf, was stimmt: Eine Banalität aus Volontärszeiten. In vielen Überschriften seriöser Zeitungen stand am nächsten Morgen "Terror in München". Selbst die "Bild"-Zeitung wich auf "Horror" aus, vermied den "Terror".

Was können Journalisten tun, wenn Entsetzliches geschieht und Panik droht? Sie wissen, was zu tun ist: Ruhig bleiben, wenn die Menschen unruhig werden; sortieren und Nachrichten von Gerüchten scheiden und erklären. Der meistzitierte Satz aus der Amok-Nacht in München ist: "Ja. Wir tun unsere Arbeit." Es ist das Zitat der Nacht; ihn hätte ein Journalist sagen, schreiben und twittern können, gesagt hat ihn der Polizeisprecher.

Er befriedigte die stärksten Bedürfnisse der Menschen: Ruhe, Information und Orientierung, also Antworten auf die Fragen: Was ist geschehen? Wie soll ich mich verhalten? Genau dies haben auch Journalisten zu leisten: Nur die Nachrichten zu senden, die bestätigt sind; Gerüchte, die umherschwirren, kurz und knapp zu dementieren; einen Ton zu beherrschen, der unaufgeregt ist und souverän.

Dass Journalisten dies wissen und viele anders handeln, hat zwei Gründe:

1. Die "Hyperkommunikation": Journalisten haben in Krisenzeiten die Nachrichten-Hoheit an die sozialen Netzwerke abgegeben, aber sie sollten nicht Twitter & Co hinterherlaufen, sondern sich um die Deutungshoheit bemühen: Journalisten recherchieren, was wirklich geschehen ist, und sie ordnen es ein. 
Die Nachrichten-Hoheit hatten Journalisten zudem nie: Sie haben weitergegeben, was ihnen Polizisten und Augenzeugen berichtet haben. Augenzeugen sind eigene Nachrichten-Produzenten geworden, twittern heute selbst, um für einen Augenblick wichtig und populär zu werden; auch die Polizei hat ihr Erst-Informations-Monopol verloren, muss hilflos zusehen, was an Unsinn und gelegentlichem Sinn in den Netzen landet. Weder Polizisten noch Journalisten entscheiden, was öffentlich wird; aber sie entscheiden, was wahr ist und was falsch.

2. Die Planlosigkeit der meisten Journalisten stand im Kontrast zur offenbar guten Vorbereitung der Polizei, die einen Notfall-Plan hatte mit dem unnachahmlichen Titel "GGSK" (Größere Gefahren-, Schadenlagen und Katastrophen). Auch Journalisten brauchen einen Notfall-Plan.

Müssen beispielsweise ARD und ZDF im Notfall zu Nachrichtensendern werden? Es gibt Tagesschau24, Phönix und ZDF Info, aber die sind als Nachrichten-Sender politisch nicht erwünscht, zudem müssen Zuschauer sie erst mühsam unter Hunderten von Sendern suchen. Die Menschen schalten die Sender ein, die sie kennen. Diesen Vertrauens-Vorschuss könnten ARD und ZDF nutzen. Schweigen gilt nicht.

Was wäre die Alternative? Vor einigen Jahrzehnten durfte in solchen Zeiten wie an stillen Feiertagen nur klassische Musik gespielt werden: Aber nur Mozart und Brahms auf dem Bildschirm?

Was gehört in einen Notfall-Plan:

Wen laden Redakteure ein? Wahrscheinlich sind Verhaltens- und Hirnforscher die besseren Experten, Philosophen , Panikforscher und Sozialpsychologen, die wissen, was in den Kulissen der Polizei passiert; weniger hilfreich sind in dieser Situation die üblichen Kassandristen für Krieg, Terror und Gewalt jeder Art.

Wie gehen sie mit den eigenen Korrespondenten um, vor allem mit den regionalen, die plötzlich im Scheinwerfer stehen, nervös sind und keine Textbausteine bereit haben wie die Kollegen in Paris, Brüssel und Istanbul?

Wie gehen sie mit Gerüchten um? Wie mit Bildern und Filmen aus den Sozialen Netzwerken?

Wie mit Regie-Fehlern, gestörten Leitungen?

Sollen sie Zuschauer-Fragen beantworten?

Und ähnliches mehr. Vielleicht gibt es solch einen Plan. Offenbar wurde er nicht.

Journalisten brauchen Distanz, um sich nicht von Emotionen übermannen zu lassen. Sie brauchen Nähe, um in allem Schmerz mit den Menschen sprechen zu können, um das Unerklärliche erklären zu können

Journalisten können sich auf Notfälle, auf traumatische Situationen einstellen. Wer auf die Internet-Seite des Dartcenters schaut, ist erstaunt, wie sich Journalisten gezielt auf Krisenfälle vorbereiten und den Ernstfall trainieren können:

Wie verhalten sich Journalisten, wenn sie traumatischen Situationen ausgesetzt sind, sei es in der Redaktion, an einem Tatort oder im Krieg, wenn sie direkt mit Gewalt konfrontiert sind? Unterschätzt wird der "Tatort" Redaktion: Journalisten sehen viele Bilder, die sie nie den Lesern und Zuschauern zumuten, Mord, Hinrichtungen, Leichen, Folter. Wie verarbeiten sie dies? Wie bleiben sie in der Sendung oder beim Schreiben am Computer trotzdem ruhig und besonnen? Wie gehen sie danach mit sich selber um? Der gern beklagte Zynismus von Journalisten hat hier auch seinen Grund.

Wie gehen Journalisten mit offenbar traumatisierten Zeugen um? Wann dürfen sie mit ihnen sprechen? Und wie?

Das können Journalisten trainieren. Schon vor zehn Jahren organisierte Fee Rojas, Psychotherapeutin in Hannover, die erste ARD-ZDF-Konferenz über "Trauma und Journalismus". Dartcenter-Mitarbeiter trainieren aber nicht nur Journalisten von ARD und ZDF zu "Umgang mit extremen Belastungssituationen", sondern beispielsweise auch Lokaljournalisten. Denn Amok und Terror geschieht auch in der Provinz: In Erfurt mit 17 Toten; in Winnenden vor sieben Jahren mit 16 Toten.

In Erfurt vor vierzehn Jahren hatten soziale Netzwerke weder eine Verbreitung noch eine Bedeutung. Damals gingen die Bürger mit den Medien trotzdem hart ins Gericht: Journalisten hatten eine regelrechte Jagd veranstaltet nach Gesichtern, Bildern und intimen Szenen; sie haben die Trauernden nicht in Ruhe trauern lassen.

Die Redaktion der "Thüringer Allgemeine" hatte daraus Konsequenzen gezogen und zum 10-Jahr-Wiederkehr des Amoklaufs in einer 15-teiligen Serie und einem Buch die Probleme der Journalisten beschrieben, die nicht Sensationen suchen, sondern eine Balance zwischen Distanz und Nähe:

Sie brauchen Distanz, gar kühlen Abstand, um sich nicht von den Emotionen übermannen zu lassen und wenigstens die Tür des Verstehens ein wenig öffnen zu können und Verantwortungen zu klären.

Sie brauchen Nähe, um in allem Schmerz mit den Menschen sprechen zu können, sie in ihrem Schmerz zu begreifen, das Unerklärliche vielleicht doch erklären zu können.

Es gab viele dankbare und emotionale Reaktionen auf die Serie und das Buch. Ein Dutzend Redakteure hat zuvor einen ganztägigen Workshop mit Trauma-Experten des Dartcenters besucht.

Frank Nipkau, Chefredakteur des Zeitungsverlags Waiblingen mit der "Winnender Zeitung", gehört mittlerweile zum Referenten-Stab des Dartcenters. Für die Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden erhielt seine Redaktion den Deutschen Lokaljournalistenpreis mit der Jury-Begründung:

"Die Redaktion muss nicht alles schreiben, was sie weiß, nicht alles zeigen, was sie hat... Sie liefert die Informationen, die die Menschen in solchen Situationen brauchen, sie nimmt Anteil und stellt die Frage nach dem Warum."

Das Dartcenter, gegründet in den USA, trainiert Journalisten und gibt Materialien heraus mit ausführlichen Anleitungen etwa zum Umgang mit Rettungskräften, mit Kindern, für Interviews mit traumatisierten Menschen und zur Nutzung von sozialen Medien (siehe Info im Anhang).

Bleibt die Frage: Wie ausführlich sollen Journalisten berichten?

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann schrieb das Vorwort zu dem Buch "Amok im Kopf" des Amerikaners Peter Langman, der den Amoklauf von Winnenden detailliert analysiert hatte; das Buch fand die Polizei im Zimmer des Münchner Amokläufers. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" spricht Hurrelmann von der Verantwortung der Medien und der Verwirrung des Wissenschaftlers:

"Zum ersten Mal wurde eine wissenschaftliche Amok-Analyse beim Täter gefunden. Der hat das wohl als Anleitung gelesen. Was heißt das für uns? Dürfen wir unsere Analysen fortan nur noch in geschlossenen wissenschaftlichen Zirkeln kreisen lassen, weil sie eventuell als Vorbild dienen könnten? Da bin auch ich ratlos." Es ist die Ratlosigkeit, wie sie auch Journalisten befällt.

Vor acht Jahren forderte der Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer schon nach dem Amoklauf eines Berufsschülers in Finnland: "Wenn Bilder und Videos der Bluttat immer wieder auf Nachrichten-Webseiten gezeigt werden, trägt das zur Verbreitung der Täter-Botschaft bei. Damit wird möglichen künftigen Tätern vermittelt, dass es eine gute Plattform zur Selbstdarstellung gibt. Das sollten wir unterbinden."

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, Autor des Buchs "Der Mensch als Bombe", verweist in einem aktuellen Essay der Süddeutschen Zeitung auf die Zurückhaltung der Medien, selbst der Bildzeitung, über Selbstmorde von Schülern zu berichten, und stellt fest: "Es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass die Nachahmungsbereitschaft bei Amoktätern geringer ist als bei den jugendlichen Selbstmördern." Aber resigniert ahnt er: "Mit dieser Form der Ruhmsucht zu rechnen und sich auf Gegenmaßnahmen zu einigen, davon sind die Medien gegenwärtig noch weit entfernt."

Von den Sozialen Netzwerken ganz zu schweigen: Wie sollen die sich einigen?

INFO

Tipps zum Umgang mit sozialen Netzwerken

Christian Möller gibt auf den Online-Seiten des Dartcenters fünf Tipps zum Umgang mit den sozialen Netzwerken (Stand 2014). Die Tipps nützen im Krisenfall wenig; ein Journalist muss sich auf traumatische Situationen vorbereiten: (hier abgekürzt)

1. Kenne Dein Werkzeug! (etwa Google Search, Hootsuite, Tweetcheck)

2. Pflege Deine Follower! Im Krisenfall ist es zu spät.

3. Checke Deine Quellen! (etwa Cross-Check, Crowdsourcing, Verified Accounts)

4. Nenne Deine Quellen! ("Quelle: Youtube" ist keine ausreichende Quellenangabe... Genaue Quellenangaben samt Nutzernamen des Urhebers sorgen für Transparenz und Glaubwürdigkeit und machen die eigene Berichterstattung nachvollziehbar... Tipp: Screenshots, Youtube-Downloads und Permalinks helfen, die eigene Recherche zu dokumentieren und zu archivieren.)

5. Lerne Facebook kennen! (etwa Graph Search)

6. Kenne deine Hashtags! (etwa Trending Topics, Hashtag-Datenbanken)

Paul-Josef Raue (66) schreibt jeden Dienstag die Kress-Kolumne "Journalismus!" Zusammen mit Hanno Müller gab er vor vier Jahren das Buch "Der Amoklauf" heraus, erschienen im Klartext-Verlag. Dieses Buch schildert den Amoklauf am 26. April 2002 im Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Menschen kommen zu Wort, die diesen Tag als Angehörige, Augenzeugen oder Helfer unmittelbar erleben mussten, denn niemand kann besser beschreiben, was damals passierte - und wie massiv es Leben und Alltag veränderte. Statt eines Bildes zeigt das Cover des Buchs die schlichte Schrift: "Dieses Buch ist den 16 Opfern am Erfurter Gutenberg-Gymnasium gewidmet".

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.