Zeit Online-Redakteurin Tina Groll: Jede Position lässt sich in Teilzeit ausüben

28.07.2016
 
 

"Kann eine Redaktion in Teilzeit geführt werden?", hatte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük gefragt. "Präsentismus und Langzeitarbeitskultur braucht der Journalismus nicht. Sondern Flexibilität, Kreativität, Innovationen und gute Geschichten – und außerordentlich gute  Führungskräfte. Es ist daher an der Zeit, dass sich Redaktionen für flexible Arbeitszeitmodelle öffnen", meint Tina Groll, die bei Zeit Online das Ressort Karriere verantwortet.

Was für ein rückständiges Signal! Die Chefredakteurin eines Magazins, das sich vornehmlich an Frauen richtet, wird auf einen Job als Grüßaugust verbannt, weil sie nach der Geburt ihres Kindes gerne die Arbeitszeit reduzieren möchte. Für eine überschaubare Zeit. Das Signal, das Gruner & Jahr mit der Entscheidung, die "Grazia"-Chefredakteurin Claudia ten Hoevel nur noch als Herausgeberin fungieren zu lassen während ihrer befristeten Arbeitszeitreduzierung, ist nicht nur für die vielen Leserinnen verheerend. Ein großer Teil der Leserinnen sind selbst Mütter, moderne Frauen, die keineswegs finden, dass Kinder automatisch einen Karriereknick bedeuten müssen. Welche Glaubwürdigkeit hat ein Magazin, an dessen redaktioneller Spitze mit dem berechtigten Teilzeitwunsch von Führungsfrauen so verfahren wird?

Diese Personalentscheidung zeigt wieder einmal, wie stark die Medienbranche von patriarchalen Strukturen und Denkweisen durchzogen ist.

Während in der Politik das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen ("Frauenquote") längst auf den Weg gebracht wurde, arbeiten sich Zusammenschlüsse von Medienfrauen wie der Verein Pro Quote oder der Journalistinnenbund seit nunmehr vielen Jahren daran ab, den Frauenanteil auf journalistischen Führungspositionen zu erhöhen. Viele Redaktionen sind an der Spitze noch immer komplett frauenfrei. Kein Wunder, dass eine Chefin, die für ihr Kind ihre Arbeitszeit reduzieren möchte, auf großes Unverständnis stößt.

Das Ungerechte daran: Frauen stellen schon seit Jahrzehnten die Mehrheit bei den Berufseinsteigerinnen. In den Chefetagen kommen sie aber bis heute selten an. Und diejenigen, die es schaffen, sind verglichen mit anderen Branchen überdurchschnittlich oft kinderlos. Auch in den Hierarchiestufen darunter, etwa als Ressortleiterin, sind Frauen seltener vertreten. Und auch hier haben sie viel seltener als ihre männlichen Kollegen Nachwuchs.

Das alles sind Befunde, die gänzlich im Widerspruch zu den Trends auf dem Arbeitsmarkt stehen. Die Medien können auf die gut ausgebildeten leistungsbereiten Frauen nicht verzichten. Es ist dringend nötig, den Frauen- und den Mütteranteil in Führungspositionen im Journalismus zu erhöhen. Außerdem muss in der Bewusstseinsindustrie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden. Es ist geradezu verrückt, dass viele Medienschaffenden glauben, Journalismus sei nicht in Teilzeit machbar. Und ein Job als Chefredakteur oder Chefredakteurin erst Recht nicht.

Diese Vorstellung entspricht der Haltung von Führungskräften generell. Obwohl 82 Prozent der Unternehmen hierzulande flexible Arbeitszeitmodelle anbieten, nutzen gerade 14,9 Prozent der Führungskräfte diese Instrumente selbst. Führungspositionen erfordern "vollen Einsatz" ist so ein beliebter Glaubenssatz, den viele - wie etwa auch Kress.de-Chef Bülend Ürük - verinnerlicht haben.

Die Zahlen allein für den Journalismus sind nirgends erfasst. Sie dürften aber noch viel geringer sein. Denn noch immer dominiert die Vorstellung, dass ein Journalist quasi rund um die Uhr im Einsatz sein muss und es sich nicht gehöre, auf die Arbeitszeit zu achten.

Aber das ändert sich: Immer mehr Redaktionen führen Arbeitszeiterfassung ein - etwa Spiegel Online oder auch der Bremer Weser-Kurier. Hier machen die Journalistinnen und Journalisten gute Erfahrungen damit. So entsteht ein Bewusstsein, dass es auch als Vollblutjournalist wichtig ist, auf die eigenen psychischen und physischen Ressourcen zu achten. Und dass Qualitätsjournalismus nicht da entsteht, wo möglichst lange und viel gearbeitet wird oder, schlimmer noch, Anwesenheit im ohnehin ungesunden Newsroom gefragt ist. Präsentismus und Langzeitarbeitskultur braucht der Journalismus nicht. Sondern Flexibilität, Kreativität, Innovationen und gute Geschichten - und außerordentlich gute Führungskräfte. Es ist daher an der Zeit, dass sich Redaktionen für flexible Arbeitszeitmodelle öffnen und sie auf allen Ebenen erprobt werden.

Teilzeit heißt ja nicht automatisch, eine klassische 50-Prozent- Stelle. Arbeitszeitreduktion kann alles mögliche heißen: Ein fester freier Tag in der Woche oder auch nur ein halber. Ein Teil Arbeit im Homeoffice, ein anderer in Präsenz in der Redaktion oder auf Terminen und Veranstaltungen. Einige Wochen oder Monate in Vollzeit und dafür eine längere Abwesenheit. Wo, wenn nicht im Journalismus kann flexibles Arbeiten gelingen? Nicola Wessinghage hat in ihrem Gastbeitrag bereits die wichtigsten Punkte genannt, warum man eine Redaktion auch in Teilzeit führen kann. Jede Position lässt sich grundsätzlich in Teilzeit ausüben - dieser Satz wird zunehmend von Personalvorständen geäußert. Denn ein jeder Job besteht aus Pflichtaufgaben, die nur von der Person erledigt werden können, welche die Stelle innehabt. Selten sind diese Pflichtaufgaben aber so umfassend, dass dafür eine Vollzeitstelle erforderlich ist. Vielmehr kommen zahlreiche Aufgaben hinzu, die delegiert werden können. Erst Recht, wenn die Arbeitszeitreduzierung nur auf Zeit erfolgen soll. Eine nachhaltige Personalführung nutzt daher elternzeitbedingte Abwesenheiten oder Arbeitszeitreduzierungen von Führungskräften, um den Nachwuchs im Unternehmen vorübergehend mit ersten Führungsaufgaben zu betreuen. Die Chefin arbeitet für ein Jahr etwas weniger - und eine Ressortleiterin übernimmt kommissarisch einige Chefinnen-Aufgaben. Das einzige Problem, das ein Verlagsmanagement mit dieser Lösung haben könnte, wäre die Ressortleiterin nicht zusätzlich für das Mehr an Verantwortung bezahlen zu wollen.

Ansonsten sind die technischen Möglichkeiten für eine verlässliche Kommunikation mit dem Team vorhanden. Und mal ehrlich: Welcher Chefredakteur oder welche Chefredakteurin ist überhaupt dauerhaft anwesend in der Redaktion? Die Abwesenheit ist kurioserweise vor allem dann ein Problem, wenn sie durch die Familie veranlasst ist.

Es ist allerhöchste Zeit, das zu ändern. Zunehmend wird der Journalismus unattraktiver für den Nachwuchs. Immer weniger junge Leute bewerben sich an den Journalistenschulen oder um ein Volontariat. Immer mehr junge Redakteurinnen und Redakteure steigen freiwillig aus dem Journalismus aus und wechseln in andere Branchen. Am häufigsten werden als Grund gegen den Beruf als Journalist oder Journalistin neben der miesen Bezahlung und den schlechten Arbeitsbedingungen vor allem die fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf genannt.

Am Ende wird guter Journalismus in Zukunft auch nur dann eine Chance haben, wenn es in den Redaktionen hierzulande gute Arbeitsbedingungen und moderne Arbeitsmodelle gibt. Wenn Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Und eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich ist - auch in Führungspositionen. Gruner und Jahr täte gut daran, diese Personalentscheidung zu überdenken.

Die Autorin

Die Journalistin Tina Groll hat das Buch "Kinder + Karriere =Konflikt? Denkanstöße für eine deutsche Debatte" geschrieben. Sie ist bei Zeit Online für das Ressort Karriere verantwortlich und bloggt zusammen mit der Journalistin Sabine Hockling unter www.diechefin.net über Frauen und Karriere. Außerdem ist sie für die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di in den Deutschen Presserat entsendet.

kress.de-Buch-Tipp

"Kinder + Karriere =Konflikt? Denkanstöße für eine deutsche Debatte" von Tina Groll ist
im Stark-Verlag erschienen. 255 Seiten, 17,95 Euro, ISBN-10: 3849014576

 

Ihre Kommentare
Kopf

Johanna Bahlmann

29.07.2016
!

Super spannender Artikel! Die Möglichkeit auf Teilzeit oder flexible Arbeitsmodelle hat viele Vorteile und sollte mehr etabliert sein: Die GEFTA bietet schon seit Jahren mit Home Office genau das: keine langen Pendelwege und mehr Zeit für Familie! Mehr unter: http://bit.ly/2ahVgin


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