Nach der Entscheidung des ZDF: "Sehr traurig", dass die Markus-Lanz-Sendung nicht lief

 

Das ZDF kippt überraschend eine Folge der Talkshow von Markus Lanz. Begründet wird die Entscheidung nach den Anschlägen von Würzburg, München und Ansbach mit mangelnder Aktualität. Zwei Gäste, beide Flüchtlingshelfer, haben nur begrenztes Verständnis dafür - und gar keins, falls "man auf die Sendung aus Vorsicht verzichtet hätte".

Maria Leenen und Michael Räber sind engagierte Flüchtlingshelfer. Die Hamburger Unternehmensberaterin Leenen ist Mitinitiatorin des Projekts Deutschstunde.eu, das sich zum Ziel gesetzt hat, "Menschen zu verbinden, die Deutsch lernen wollen mit denjenigen, die ehrenamtlich Deutsch unterrichten wollen". Der Schweizer Räber ist seit vielen Monaten freiwillig und auf eigene Faust in Griechenland tätig. Erst engagierte er sich für Gestrandete auf Lesbos, seit März ist er mit seiner privaten Organisation swisscross.help in Idomeni.

Als Markus Lanz sie in seine Sendung einlud, über ihr Wirken zu berichten, zögerten sie nicht, die Chance zu nutzen, für ihre Initiativen, die auf Freiwilligkeit und Spenden beruhen, die Werbetrommel zu rühren. Leenen wohnt in Hamburg, war aber nach eigener Aussage am Tag der Aufzeichnung der Ausgabe von "Markus Lanz" im Ausland und hat "großen Aufwand betrieben", rechtzeitig in die Hansestadt zurückzukehren. Räber lebt in Kiesen südlich von Bern, ist aber meistens in Griechenland. Die Sendung war im Juni voraufgezeichnet worden.
 
Am 26. Juli twitterte das ZDF 15 Minuten vor Beginn der Talkshow um 23.15 Uhr: "Lanz entfällt heute. Dafür zeigen wir die Silicon-Valley- Doku 'Schöne neue Welt' mit Claus Kleber." Später erklärte der Sender zur Begründung: "Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse der vergangenen Wochen entsprechen im heutigen Fall die voraufgezeichneten Gesprächsinhalte nicht mehr den Anforderungen an Aktualität, die man an 'Markus Lanz' stellt." ​Gemeint waren die Bluttaten von Nizza, Würzburg, München, Reutlingen und Ansbach. Einen Tag danach schob das ZDF nach: "Gerade diesen Gästen, die sich so intensiv für Flüchtlinge einsetzen, wäre eine Sendung ohne Aktualitätsbezug nicht gerecht geworden."

Das stimmt sicher und kann als Fingerspitzengefühl interpretiert werden. Allerdings: Wenn sich das ZDF Gedanken darüber macht, wie es den Anliegen von Gästen möglichst gerecht werden könnte: Warum bindet es sie dann nicht in die Entscheidung ein? Genau das aber hat das ZDF nach Angaben Leenens und Räbers nicht getan. Das ZDF stellte sie vor vollendete Tatsachen. Wobei Räber betont: "Das hätte ich auch nicht erwartet."

"Die Absage der Sendung wurde mir durch die Redaktion Lanz mitgeteilt", die vorher vom ZDF informiert worden sei, sagte Räber auf Anfrage. Er glaube nicht, dass die Redaktion des Moderators an der Absage beteiligt gewesen sei. Lanz sei selbst Vater und könne sich in die Situation von Flüchtlingen hineinversetzen. Leenen erklärte: "Ich war vorab informiert darüber. Man hat mich nicht persönlich erreicht, sondern mir auf die Mailbox gesprochen. Die Begründung entsprach der offiziellen Verlautbarung."

Das Vorgehen nennt die Hamburgerin "okay". Sie machte allerdings auch klar, dass sie alles andere als begeistert von dem Beschluss ist, die Ausgabe aus dem Programm zu nehmen. "Natürlich ist das für mich und unser Anliegen eine blöde Sache und ich bin sehr traurig darüber, dass die Sendung nicht lief. Mein Verständnis für die Entscheidung ist begrenzt. Die Ausgabe von 'Markus Lanz' hätte auch mit dem Hinweis gezeigt werden können, dass es sich um eine Aufzeichnung handelt. Bei anderen Sendungen wird das schließlich auch gemacht."

"Wofür ich überhaupt kein Verständnis hätte"

Was sie mit "begrenztem Verständnis" meint, erläutert Leenen im Gespräch mit kress.de so: "Ich bin sicher: Die Gäste würden bei einer neuen Aufzeichnung wieder so antworten wie in der nicht gezeigten Folge. Aber der Fairness halber muss ich auch sagen: Markus Lanz würde mit Sicherheit nach den Ereignissen von Würzburg, München und Ansbach anders fragen. An der Stelle verstehe ich ihn und das ZDF." Zugleich machte Leenen aber klar: "Wofür ich überhaupt kein Verständnis hätte, wäre, wenn man auf die Sendung aus Vorsicht verzichtet hätte, weil sich die Verantwortlichen von Einzeltätern mit sehr unterschiedlichen Motiven und Zielsetzungen einschüchtern ließen."

Nach eigener Aussage hofft die Flüchtlingshelferin, dass Lanz das Thema nochmals aufgreift und sie Gelegenheit bekommt, das Projekt Deutschstunde.eu vorzustellen. "Mir ist nicht bange, mein Gesicht zu zeigen. Ich bin sehr hoffnungsvoll, dass Lanz mich nochmals einlädt." Deutschunterricht für Flüchtlinge sei ein entscheidender Baustein der Integration, weshalb das Thema über den Tag hinaus diskutiert und vorangebracht werden müsse.

Räber sagte: "Ich glaube, dass Medien ihr Publikum richtig einschätzen können und dass auch das ZDF weiß, was es seinen Zuschauern zumuten kann und was nicht." Das sei "Selbstzensur, die in allen Medien herrscht. Die das nicht tun, verlieren ihr Publikum." Der Schweizer nannte es allerdings "bedenklich", dass "einer Mehrheit des ZDF-Publikums in diesen Tagen nicht zugemutet werden kann, zwischen flüchtenden Familien in Not und kriminellen Terroristen von Daesh zu differenzieren". Seiner Meinung nach gibt es sachlich keinen Zusammenhang zwischen dem Thema der Sendung, nämlich Integration und andere konkrete Hilfe für Flüchtende, und Terror unter einem muslimischen Deckmantel. "Ich würde sehr gerne noch einmal in der Sendung auftreten." Er sei überzeugt, dass Lanz bei diesem Thema nicht lockerlasse.

Das ZDF gab sich auf Nachfrage sehr wortkarg und erläuterte nicht näher, was es genau befürchtet hatte. Eine Sprecherin in Mainz teilte auf Nachfrage von kress.de lediglich mit: "Insbesondere bei den Gesprächen mit Maria Leenen und Michael Räber hätte sich der Zuschauer gefragt, weshalb sie nicht auf die Geschehnisse in den letzten Wochen eingehen." Die Sendeanstalt bestätigte, die Entscheidung getroffen und die Gäste lediglich informiert zu haben. "Es gab keine negative Rückmeldung." Zu Fragen, ob die Sendung noch ausgestrahlt oder, falls die Sendung komplett gestrichen wird, die Gäste nochmals eingeladen werden, teilte die Sprecherin mit. "Ein neuer Sendetermin ist derzeit nicht geplant."

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Kopf

User001

01.08.2016
!

Na Das Freut die Bevölkerung auch .. niemand braucht Lügen Lanz


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