"Bild"-Chefredakteurin Tanit Koch im neuen "kress pro": "In deutschen Gerichten erleben wir Pressefreiheit zweiter Klasse"

 

Deutschlands Redaktionen lassen sich zu sehr von deutschen Gerichten einschüchtern und wehren sich nicht genug gegen falsche richterliche Entscheidungen. "Für mich ist das, was wir in vielen Gerichten erleben, Pressefreiheit zweiter Klasse", sagt "Bild"-Chefredakteurin Tanit Koch, Deutschlands wichtigste Zeitungsjournalistin, in der neuen Ausgabe von "kress pro".

Tanit Koch ist so etwas wie die Antithese zu "Bild"-Herausgeber Kai Diekmann. Sie ist ruhig, hält sich bis auf kleinere Scharmützel auf Twitter als Person aus den Sozialen Netzwerken heraus und führt doch mit "Bild" den wichtigsten Auflagentanker der Republik. Koch, die am zweiten August ihren neununddreißigsten Geburtstag feiert, hat bei Springer volontiert und viele Jahre in verschiedenen Positionen der Redaktion gearbeitet. Im Haus gilt sie als Strategin und als eine, die unmittelbar gegen alles vorgeht, was sie als ungerecht empfindet.

Wie zum Beispiel die Tatsache, dass deutsche Richter immer öfter die Berichterstattung aus den Gerichtssälen verhindern. Und damit freie Presse massiv einschränken.

Das verärgert Koch. Nicht nur, weil sie weiß, wie sehr ihre Leser die Gerichtsberichterstattung interessiert, sondern vor allem, weil sie es auffällig findet, wie häufig Gerichte versuchen, die Berichterstattung zu kontrollieren. "Medienanwälte und Strafverteidiger machen für ihre Interessen lautstark PR, über den Schutz der Persönlichkeitsrechte wird oft und intensiv gesprochen. Kaum aber über das schützenswerte öffentliche Interesse, dem Journalisten dienen", sagt Koch in einem Gespräch mit "kress pro" (den Original-Artikel gibt es digital im neuen "kress pro"). Ein aktuelles Beispiel findet sich am Montag ausgerechnet im Fachblatt für Markt-Liberalismus, dem "Handelsblatt". Dort kommt in einem großen Interview Gernot Lehr zu Wort, Medienrechtler aus Bonn, zu Wort.

Tanit Koch versteht vor allem die regelmäßigen Versuche der Gerichte nicht, Fotos als Teil der Berichterstattung zu verhindern. Dabei ginge es bei dem Wunsch nach Fotos keineswegs darum, alle Angeklagten zu zeigen - vielmehr sind es die großen Fälle, die sie umtreiben. "Die richterliche - unbegründete - Anordnung, den Angreifer der Kölner Oberbürgermeisterin nicht identifizierbar zu zeigen, ist eines der offensichtlichsten Beispiele für die Mischung aus Unkenntnis und Desinteresse in vielen deutschen Gerichten. Sie führt regelmäßig zu massiven Verletzungen der Pressefreiheit", sagt Tanit Koch. Und fügt hinzu: "Vielen Richtern mangelt es schlicht an dem Wissen, wie sehr sie in Artikel 5 Grundgesetz eingreifen. Und an der Erkenntnis, dass die Pressefreiheit eben nicht grundsätzlich hinter individuellen Interessen zurückzustehen hat - sondern dass bei schweren Straftaten das Berichterstattungsinteresse das Anonymitätsinteresse des Täters überwiegt, so das Bundesverfassungsgericht."

Aus Sicht von Tanit Koch stehen "viele sitzungspolizeiliche Anordnungen in krassem Widerspruch zu Artikel 5. Grundgesetz. Wir haben dazu zahlreiche Urteile erstritten, auch höchstrichterlich vor dem BGH und erst in diesem Monat eine Eilanordnung des Bundesverfassungsgerichts. Dennoch haben wir es oft mit Richtern zu tun, die sagen: 'Wir haben den Angeklagten gefragt, und er möchte nicht fotografiert werden.' Wenn unsere Reporter dann antworten, dass das nicht die Entscheidung des Angeklagten sei, bekommen sie zu hören: 'Das haben wir schon immer so gemacht'." Immer wieder wehrt Koch sich gegen derartige Beschneidungen und weist auch ihre Reporte an, solche Entscheide nicht zu akzeptieren.

Im Gespräch erinnert Koch auch daran, dass das öffentliche Interesse nicht per se und ständig hinter dem Persönlichkeitsrecht stehen dürfe. Die Situation sei für die gesamte Branche kritisch: "Für mich ist das, was wir in vielen Gerichten erleben, Pressefreiheit zweiter Klasse. Der Reporter vor Ort ist das schwächste Glied in der Kette. Und viele Redaktionen haben keine starke Rechtsabteilung im Rücken. Große Medienunternehmen, die es sich leisten können und wollen, erstreiten ihr Recht. Andere müssen hinnehmen, dass der Leser um das Recht gebracht wird, sich umfassend zu informieren", sagt Tanit Koch zu "kress pro".

Hintergrund

Chefredakteurin Print von "Bild" ist Tanit Koch, Chefredakteur Digital Julian Reichelt; Chefredakteur für digitale Entwicklungsprojekte ist Manfred Hart. Stellvertreter der Chefredakteure sind Daniel Böcking (Digital), Matthias Brügelmann (Print), Peter Huth (Print) und Ulrike Zeitlinger-Haake (Print). Der Chefredaktion gehören an Nikolaus Blome, Martin Brand, Martin Heidemanns, Florian von Heintze, Bettina Kochheim, Mandy Sachse und Walter M. Straten. Herausgeber der "Bild"-Gruppe ist Kai Diekmann.

Vorstandsvorsitzender von Axel Springer ist Mathias Döpfner, die Führung komplettieren Jan Bayer, Vorstand Bild- und Welt-Gruppe, Julian Deutz, Vorstand Finanzen und Personal, und Andreas Wiele, Vorstand Vermarktungs- und Rubrikenangebote. Geschäftsführer der Bild KG sind Donata Hopfen und Ralf Hermanns.

Ihre Kommentare
Kopf

Dr. Lothar Riemenschneider

01.08.2016
!

Eine Dame, welche die Pranger-Wiedereinführung für einen Teil der notwendigen "umfassenden Information" halten will, soll "Deutschlands wichtigste `Journalistin´" sein ? Dann Gute Nacht, Deutschland.
Angesichts dessen, mit welchen Problemen und Drohungen z.B. die Eltern des Münchner Attentäters zu kämpfen haben, oder womit Gegner von AfD oder "Links"- u.a. -"Radikalen" konfrontiert sind, könnte sie sich - wenn sie wollte - leicht vorstellen, was offen ausgestellten Schwerverbrechern droht.


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