"Spiegel"-Redakteur Dieter Bednarz über Interviews mit Despoten: "Ein Journalist scheut den Schlagabtausch nicht"

 

Paul-Josef Raue hat für die neueste Folge seiner wöchentlichen kress.de-Kolumne "Journalismus!" "Spiegel"-Redakteur Dieter Bednarz interviewt. Raue befragte Bednarz nach dem Erdogan-Interview von Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, ausgestrahlt in der ARD und danach teilweise heftig kritisiert.

Dieter Bednarz, 59, ist der Reporter für die schwierigen Interviews. Kaum ein deutscher Journalist dürfte so viele Despoten interviewt haben wie er. Auch mit Erdogan hat er schon ein "Spiegel"-Gespräch geführt, als der heutige Präsident noch Premier war und nicht unter Autokratie-Verdacht stand.

Ich befragte Bednarz nach dem Erdogan-Interview von Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, ausgestrahlt in der ARD und danach teilweise heftig kritisiert. "Stichwort-Kastrat" nennt ihn Tomas Avenarius in der "Süddeutschen Zeitung": "Gottlieb plaudert sich einfühlsam nickend wie ein Psychotherapeut durch das halbstündige Interview." Für Avenarius steht Gottlieb in einer Reihe "mit anderen verständnisvollen Befragern ungezügelter Machtmenschen: Jürgen Todenhöfer bei Baschar al-Assad, Claus Kleber bei Mahmud Ahmadineschad, Hubert Seipel bei Wladimir Putin".

"Die Taktik von Gottlieb war gar nicht schlecht", kommentiert dagegen Michael Hanfeld in der "FAZ". "Er trat schon fast übertrieben freundlich auf, fiel nicht mit der Tür ins Haus und fragte eher um die Ecke." Hanfeld gibt zu bedenken, dass nach drei Minuten das Interview zu Ende gewesen wäre, hätte Gottlieb mit den ersten Fragen "gleich klare Kante" gezeigt.

Ich fragte Dieter Bednarz: "Als Sie Sigmund Gottlieb, den Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, im Interview mit dem türkischen Staatschef Erdogan gesehen haben, kam da bei Ihnen Neid auf?"

Bednarz: Ich wäre nicht aufrichtig, wenn ich das verneinen würde. Jeder politisch engagierte Journalist, erst recht wenn die Türkei zu seinem Fachgebiet gehört, hätte gerne die Gelegenheit gehabt, sich Erdogan vorzuknöpfen und ihm einige kritische Fragen zu stellen.

Gottliebs Fragen sind als zu brav kritisiert worden; er hätte schärfer nachhaken müssen, heißt es.

Bednarz: Ich gehöre nicht zu den Kollegen, die sich hinstellen und sagen: Wieder so ein langweiliges Interview - zu dem wir leider gar nicht erst die Gelegenheit hatten. Um sich dazu seriös zu äußern, müsste man wissen, unter welchen Bedingungen der Termin zustande kam und ob die Präsidenten-Berater gar Forderungen gestellt haben.

Hätten Sie schärfer gefragt?

Bednarz: Nach dem Putsch-Versuch waren wir vom "Spiegel" mit vier Kolleginnen und Kollegen in der Türkei, haben mit Anhängern, aber auch mit Gegnern Erdogans gesprochen. Ich selbst habe unter anderem Richtern gegenübergesessen, deren Kollegen Opfer der "Säuberungen" geworden waren. Wer sich so mit dem Land auseinandersetzt, geht natürlich mit einer eigenen Position in einen solchen Termin, kommt als kritischer Frager und scheut auch den Schlagabtausch nicht. Auf diese eigene Haltung kommt es - neben Fachwissen - an.

Ein "Spiegel"-Gespräch mit dem iranischen Außenminister Motakki haben Sie einmal mit der Frage begonnen: "Beschämt es Sie nicht, dass in Ihrem Land Menschen gesteinigt werden?" Hätte Gottlieb in dem Ton sein Interview beginnen sollen?

Bednarz: Es wäre nicht redlich, die Interviews miteinander zu vergleichen. Mit Motakki hatte ich während dessen Amtszeit schon zwei Gespräche geführt. Er wusste in etwa, was ihn erwartete, als er mich auf dem Höhepunkt der internationalen Anti-Steinigungs-Debatte empfing.

Haben Sie keine Angst, harte Fragen zu stellen?

Bednarz: Nein, meine einzige Sorge ist mitunter, dass eine zu harte Frage, womöglich wie bei Motakki gleich als Einstieg, zum Abbruch des Termins führt. Aber das Risiko muss man in Kauf nehmen. Dabei ist es allerdings beruhigend zu wissen, dass ich mich beim Spiegel immer auf die Rückendeckung durch meine Chefredakteure verlassen konnte, egal wer bei uns oben auf der Brücke stand. Und das gilt erst recht für unseren jetzigen Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, mit dem ich 2013 nach Damaskus gefahren bin für unser großes Assad-Gespräch - das dann als Titelgeschichte weltweit für Aufsehen gesorgt hat.

Sollte ein seriöser Journalist überhaupt einen Despoten interviewen?

Bednarz: Ich hätte keine Scheu, morgen auch nach Nord-Korea zu reisen, wenn ich dort einen Termin bekommen könnte. Wichtig ist doch, dass Sie die richtigen Fragen stellen.

Aber Leute wie Assad oder Erdogan nutzen solche Interviews doch nur zur Propaganda.

Bednarz: Das versuchen sie, na klar. Ich glaube, bei Assad ist es uns gelungen, dessen Antworten als Lügen zu entlarven. Das habe ich jedenfalls aus den Reaktionen geschlossen, die wir von Kollegen bekommen haben.

Lohnt sich so ein Trip nach Damaskus denn überhaupt, wenn man weiß, dass man sowieso belogen wird?

Bednarz: Ich bin Journalist geworden, weil mich politische Entwicklungen sowie Menschen und deren Schicksale interessieren. Das gilt nicht nur für die Mächtigen, sondern auch für Oppositionelle. Eine großartige menschliche Bereicherung waren die zwei Stunden Interview mitten in der Nacht, die mir Ahmadinedschad-Gegenspieler Mehdi Karroubi, der unter Hausarrest stand, gewährt hat. Und wenn Sie zweieinhalb Stunden mit einem wie dem ägyptischen Staatschef Sisi reden, dann bekommen Sie schon eine Ahnung davon, wie diese Person tickt und welche Botschaft sie zum Beispiel an die Bundesregierung übermitteln will. Wenn das Gespräch gut geführt wird, dann erschließt sich das auch dem Leser und ist ein Gewinn für ihn.

Verraten Sie uns: Wie kommen Sie an solche Gesprächspartner? Ist das Zufall? Wird man erwählt? Gilt so eine "Einladung" Ihnen oder dem "Spiegel"?

Bednarz: Hinter jedem dieser Gespräche steckt viel Arbeit auf der Grundlage einer kontinuierlichen Beschäftigung mit der Region, in der der Spiegel ein großes Ansehen als das europäische Nachrichtenmagazin genießt, über Jahrzehnte aufgebaut. Der Rest sind Kontaktpflege, Diplomatie und unermüdliches Klinkenputzen.

Und dann?

Bednarz: Dann stehen Sie irgendwann und irgendwo vor den Beratern dieser Leute, es beginnen Gespräche, in denen es darum geht: Wie lange dauert die Begegnung? Worum geht es inhaltlich? Kann ich ein Tonband mitbringen? Ist ein Fotograf erlaubt?

Legen Sie auch Ihre Fragen vor?

Bednarz: Nein, aber in den Vorgesprächen lassen wir schon erkennen, um welche Themen es geht, und wir klammern da auch nichts aus.

Aber Sie legen die Gespräche hinterher zur Autorisierung vor. Da hat auch der iranische Außenminister Motakki keinen Einspruch gegen Ihre erste Frage erhoben?

Bednarz: Nein, hat er nicht. Und das fand ich ziemlich professionell.

Paul-Josef Raue, 65, war über ein Jahrzehnt Gast und Referent bei den deutsch-türkischen Journalistentreffen in der Türkei. Sein "Handbuch des Journalismus", verfasst zusammen mit Wolf Schneider, erschien auch in türkischer Übersetzung, kurz nach der ersten Auflage in Deutschland vor zwanzig Jahren.

Auf kress.de erschien von Raue die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

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