Exklusiv aus "kress pro": Warum der Haussegen bei "Neon" und "Nido" wirklich schief hängt

 

Was ist bei "Neon" und "Nido" passiert, dass Chefredakteurin Nicole Zepter hinschmeißt und Gruner+Jahr verlässt? Einmal mehr hilft die Presseinformation nicht weiter, sondern ein Blick in unser Archiv. "Viele Seifenblasen" lautet der Titel der Story im "kress pro" 1/2016, die sich sich bereits Anfang des Jahres mit der Situation bei "Neon" und "Nido" beschäftigt hat. Lesen Sie die Story, um sich einen ungeschönten Einblick in die Situation der beiden Magazine aus dem Hause Gruner+Jahr zu machen.

Für Leser der Gruner+Jahr-Zeitschrift "Neon" hat das neue Jahr vertraut begonnen: Auf dem Cover der Februar-Ausgabe, erschienen am 11. Januar, schwebt eine junge Frau vor braunem Hintergrund durch die Luft. Die Titelzeile dazu lautet: "Finde dein Glück". Genau ein Jahr zuvor war an dieser Stelle unter der Überschrift "Tu es!" ebenfalls eine junge Frau durchs Bild geglitten. Immerhin: Sie sprang in die umgekehrte Richtung, von links nach rechts.

Die deutliche Anleihe beim Cover der bestverkauften Ausgabe 2015 (Auflage: 173.000 Exemplare) verwundert, weil im Mai jemand die Führung bei "Neon" übernommen hat, der eigentlich vieles anders machen wollte und sollte als der Vorgänger: Nicole Zepter löste damals Oliver Stolle an der Redaktionsspitze ab. Zugleich wurde sie Chefin des "Neon"-Schwesterblatts "Nido". Doch neun Monate nach ihrem Amtsantritt ist die Perspektive der beiden Titel ungewisser denn je. Die Stimmung in der Redaktion sei "katastrophal", sagt ein Redakteur.

"Neon", erfunden im Jahr 2003 von Michael Ebert und Timm Klotzek, war lange Zeit eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Mit dem Sound der frühen Jahre ("Planen oder treiben lassen?") traf der Titel den Geschmack von Anfang-, Mitt- und Endzwanzigern, die noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben waren, es mit dem Finden aber nicht so eilig hatten.In Spitzenzeiten verkaufte G+J 255.000 Exemplare von "Neon", doch seit gut drei Jahren geht die Auflage tendenziell zurück. Im vierten Quartal 2015 musste der Verlag laut IVW sogar ein Minus um rund 18 Prozent hinnehmen. Die verkaufte Auflage beträgt mittlerweile weniger als die Hälfte des Rekordwerts: nur noch 120.000 Exemplare. Die ebenfalls monatlich erscheinende Elternzeitschrift "Nido" entwickelt sich ähnlich unerfreulich: Von ihr verkaufte G+J zuletzt nur noch gut 34.000 Exemplare - 21 Prozent weniger als im Vorjahr.

Wichtige Gründe für die Misere dürften außerhalb des Verlagshauses zu finden sein: "Der Markt entwickelt sich gegen 'Neon', obwohl die Zeitschrift immer noch für ihre Zielgruppe hoch relevante Themen behandelt", analysiert Axel Dammler vom Marktforschungsinstituts Iconkids & Youth. "Die angestammten Leser wachsen irgendwann aus dem Heft heraus, und die Jüngeren sind immer weniger printaffin." Selbst bei jungen Frauen übernehme das Internet mittlerweile Funktionen, die früher Zeitschriften hatten, sagt der Marktforscher. Hinzu kommt: Lebensgefühlzeitschriften wie "Neon" scheiden oft früh dahin. Die Zeitschrift "Twen" zum Beispiel erschien nur zwölf Jahre lang bis 1971, und die legendäre "Tempo" wurde 1996 nach zehn Jahren eingestellt.

G+J hat allerdings durch umstrittene verlagspolitische Entscheidungen die Überlebenssicherung von "Neon" erschwert. Im September 2013 beschloss der Verlag, seine Münchner Redaktionen nach Hamburg zu verfrachten. Bei "Neon" hatte das viel schwerwiegendere Folgen als bei den gleichfalls betroffenen Titeln "P.M." und "Eltern": Die Zeitschrift war ein Münchner Gewächs, und ein erheblicher Teil des Teams machte den Umzug nicht mit. Es ging auch fast die gesamte Führungsriege, allen voran die Chefredakteure Patrick Bauer und Vera Schroeder. Nach ihnen übernahm Oliver Stolle die Chefredaktion, ein "Neon"-Mitarbeiter der ersten Stunde. Er beschäftigte sich intensiv mit Ergebnissen der Marktforschung zur "Generation Y" und verpasste dem Heft einen daran orientierten Relaunch. Adressaten waren pragmatische junge Erwachsene, die auch in ihrer Freizeit nichts mehr dem Zufall überlassen wollen. Doch das Erscheinen der ersten überarbeiteten Ausgabe am 11. Mai 2015 erlebte Stolle nicht mehr als Chefredakteur, weil ihn der Verlag wenige Tage zuvor überraschend und gegen seinen Willen durch Nicole Zepter ersetzt hatte. Ihr Wegbereiter war offenbar G+J-Produktvorstand Stephan Schäfer.

Zepter hat insbesondere zwei Referenzen für den neuen Job: Zwischen 2008 und 2009 war sie Chefredakteurin des Lifestyle- und Stadtmagazins "Prinz" (Jahreszeiten Verlag). Sie ging dort nach einem Jahr "im freundschaftlichen Einvernehmen" wegen unterschiedlicher Vorstellungen über die Zukunft des Titels. Zwischen 2012 und 2013 war sie Verlegerin und Chefredakteurin von "The Germans", einem "Politik- und Zeitgeist-Magazin" aus Berlin-Mitte für 18- bis 35-Jährige, das sich auf dem Zeitschriftenmarkt aber nicht etablieren konnte.

Anders als einst "The Germans" bedient "Neon" nicht nur die Nische, sondern hatte immer auch den Mainstream im Blick: Gründungschef Ebert nannte gerne die "Germanistikstudentin aus Heidelberg" und nicht etwa den "Szenegänger aus Berlin-Mitte" als Referenzpunkt. Zepter machte bei "Neon" dennoch gleich zu Beginn intern ehrgeizige Ansagen: Sie wolle an die frühen Zeiten der Zeitschrift anknüpfen und mit ihr wieder Medienpreise gewinnen. Außerdem kündigte sie an, das Heft umgehend erneut zu überarbeiten.

Sichtbare Veränderungen hat es indes seitdem kaum gegeben: Die von Stolle konzipierte Grundstruktur von "Neon" mit dem neuen Ressort "Machen" ist bis heute unverändert geblieben. Der Verlag nannte zunächst den Herbst 2015 als Zeitpunkt für eine erneute Heft­reform, ließ diesen Termin aber verstreichen. Vor einigen Wochen kündigte Produktvorstand Schäfer einen Relaunch für "die ersten Monate" des neuen Jahres an, der inzwischen auf Heft 5/2016 (im April) terminiert wurde.

Tatsächlich hat Zepter ihrer Redaktion Ende 2015 Pläne für einen Relaunch präsentiert - und damit bei vielen Teilnehmern eine große Ratlosigkeit hinterlassen. Zwar gibt es ein ausgearbeitetes neues optisches Konzept für die Zeitschrift, aber die Chefredakteurin konnte ihrer Mannschaft nicht vermitteln, was sie inhaltlich mit "Neon" vorhat. Sie sei nicht in der Lage, Begriffe wie "mehr Haltung", "Zeitgeist", "Relevanz" oder "Wärme" zu konkretisieren, so die Klage.

In der Redaktion ist Kritik an der Chefredakteurin weit verbreitet und fällt sehr grundsätzlich aus: Mehrere Redakteure und ehemalige Redakteure äußern sich gegenüber "kress pro" unabhängig voneinander fast gleichlautend. Tenor: "Neon" habe ein Führungsproblem, das sich in einem schlecht geplanten Redaktionsalltag äußere. "Wir haben uns von Heft zu Heft gerettet", klagt ein ehemaliger Redakteur und verweist auf den mittlerweile recht knappen Stehsatz des Heftes. Außerdem habe Zepter zwar viele Ideen, doch diese seien zumeist sehr wolkig oder würden von ihr nicht umgesetzt. "Sie pustet Seifenblasen in die Luft, dann dreht sie sich um und geht", sagt der Ex-Redakteur.

Fairerweise muss man sagen, dass die Chefredakteurin unter schlechteren Rahmenbedingungen arbeitet als ihr Vorgänger. Kurz nach ihrem Start verabschiedeten sich bewährte Führungskräfte: ihre Stellvertreter Sascha Chaimowicz und Anke Helle sowie Art-Direktorin Ji-Young Ahn. In den Monaten darauf gingen weitere Redaktionsmitglieder, viele von ihnen folgten den Lockrufen anderer Redaktionen. Jüngster prominenter Abgang ist der von Textchef Tobias Moorstedt. Nach "kress pro"-Infos wechselt er in die Selbstständigkeit und wird sich wieder mehr der von ihm mitgegründeten Content-Agentur Nansen & Piccard widmen.

Der Verlag hat einige dieser Abgänge nur verzögert und/oder eingeschränkt kompensiert: Einziger Vize ist Jan Abele, ein Zepter-Vertrauter aus "The Germans"-Zeiten; die Grafik verantwortet freiberuflich der renommierte Designer Mirko Borsche. Um die Zeitschrift "Nido" kümmert sich in der Chefredaktion jetzt niemand mehr schwerpunktmäßig. Sie hat im Übrigen nur noch einen fest angestellten Redakteur: Textchef Daniel Ramm.

Nicole Zepter stand für ein Gespräch mit "kress pro" nicht zur Verfügung - laut Verlag aus zeitlichen Gründen. Auf detaillierte schriftliche Fragen an die Adresse der Chefredakteurin antwortete eine G+J-Sprecherin mit einem allgemeinen Statement zu den Relaunch-Plänen: Die junge Generation in Deutschland sei in den vergangenen Jahren "deutlich zielstrebiger, erwachsener und auch selbstbewusster" geworden. Auf diese Veränderungen in der "Kernzielgruppe" von "Neon" wolle man mit dem geplanten "großen Relaunch" reagieren: "Wir arbeiten intensiv daran, unsere Inhalte optisch und konzeptionell neu aufzustellen, um der Zielgruppe ihre aktuellen Fragen zu beantworten, und sind überzeugt, sie durch genau diese Ausrichtung einfangen zu können."

In der "Neon"- Titelgeschichte (2/16) steht auf Seite 63 ein Satz, den man als Kommentar dazu verstehen könnte: "Statt zuzugeben, dass es im Leben auch mal nicht so gut laufen kann, machen wir lieber ein Daumen-hoch-Selfie und schicken es an unsere Freunde."

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Ihre Kommentare
Kopf

blasenphrasen

03.08.2016
!

Es muss irgendwo ein Phrasenbuch für VerlagsmitarbeiterInnen in gehobenen Positionen geben, denn die immergleichen Sprüche wie "konzeptionell neu aufstellen" oder "müssen Frage beantworten" sind ein Indiz dafür. Und getan wird: nichts. Immer weniger Macher, immer mehr Sabbler. Ich durfte das selbst häufiger erleben und mich wundert die Medienkrise so gar nicht.


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