"Neue-Post"-Chefredakteur Roland Hag: Heavy Metal in Adelskreisen

 

Sein klares Ziel war es immer, Chefredakteur zu werden, sagt Roland Hag. Seit 2014 leitet er in Hamburg die "Neue Post". Ziel erreicht. Wer ist der Mann hinter dem adelsorientierten Dickschiff des Bauer Verlages? kress.de zu Besuch in Hamburg.

Roland Hags Werdegang war eine Achterbahnfahrt, aber eine mit einem klaren Ziel. Angefangen hat der 52-Jährige als Fotograf bei der "Westdeutschen Zeitung" in Wuppertal, dann war er freier Mitarbeiter und Korrespondent beim Gong Verlag in München und Köln, stieg vom Reporter zum Chefreporter bei verschiedenen Yellow-Titeln auf, wurde Mitglied der Chefredaktion und Stellvertreter der Chefredakteurin in der Doppelredaktion von "Neue Welt" und "Das Goldene Blatt". Kurzer Cut, um vier Jahre lang den Service Pool der Funke Mediengruppe aufzubauen. Dann zog es ihn zurück zu seiner großen Liebe: den Yellows.

Fotoreporter, "Witwenschüttler", Chefredakteur

Hag hat, das betont er mehrfach beim Besuch von kress.de, das Handwerk von der Pike auf gelernt. Als Fotoreporter stand er an roten Teppichen, als "Witwenschüttler" klingelte er an den Türen. "Als Fotograf und Reporter habe ich harte und weiche Sachen gemacht, und diese ganze Erfahrung hilft mir heute ungemein bei der Beurteilung einer Geschichte. Ich weiß genau, wovon die Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion reden. Und die wissen umgekehrt auch, dass sie mir nichts erzählen können."

Er ist häufig in der Redaktion, hält die Zügel in der Hand, macht das Licht morgens zwar nicht immer an ("Wir haben eine alleinerziehende Mutter, die ihr Kind morgens in die Kita bringt und deshalb immer früher da ist."), aber abends sehr oft aus. Hag liebt die Arbeit im bunten Schmelztiegel des Boulevards. Und seine Leidenschaft für den Adel ist echt.

"Es ist doch unglaublich unterhaltsam, mit Stars, Schauspielern, Sängern, Adeligen zu sprechen und deren Geschichten zu erfahren, deren Lebenswege zu begleiten. Das finde ich hundertmal interessanter, als über die Sitzung des Stadtrates zu berichten", sagt Hag.

Liebeserklärung an die Regenbogenpresse

Ein Enthusiasmus, der beim journalistischen Nachwuchs zunehmend seltener wird, klagt der vierfache Vater: "Die Journalistenschüler oder Journalistenschülerinnen wollen häufig zu Closer, InTouch, oder so, und Kim Kardashian interviewen. Ist ja alles okay, aber eben auch total schade. Denn auch die Adelswelt birgt unheimlich viele spannende, interessante Geschichten, die wahnsinnig viele Menschen begeistern."

Was ein Journalist mitbringen sollte, um dem Genre zu dienen? Neben der Beherrschung des Handwerks vor allem Empathie. Und Humor, sagt Hag: "Man muss ein gutes Gefühl für Situationen und Menschen haben, nah dran sein und trotzdem eine berufliche, professionelle Distanz wahren. Und man muss den Adel und die Stars auch mögen, sonst klappt es natürlich nicht."

Die Liebe zu den Stars hatte der Journalist, der in den Achtziger Jahren in der Heavy Metal Band "Steeler" Bass spielte und auch heute noch zum Ausgleich Musik macht, schon immer - mit der zum Adel hat er sich über die Jahre hinweg infiziert. Ein typisch deutsches Ding, denn auch wenn die Adelswelt hierzulande eher mau aussehen mag (kein Königshaus und so) - die Begeisterung für das Thema ist riesig. Und wird, dank der jungen Riege internationaler Royals und dem Aufstieg von Bürgerlichen in die Adelswelt immer größer.

Heavy Metal in Adelskreisen

Das Klischee von der Kernzielgruppe Ü60, die sich einfach nur ablenken wollen, hat sich längst überholt. Nicht des Alters wegen - die "Neue Post" wird tatsächlich vornehmlich von Frauen ab 60 gekauft - aber genau diese Zielgruppe verändert ihr Profil. Die Leserinnen kämen nicht nur, erzählt Hag, aus der Mitte der Gesellschaft, sie würden auch immer aktiver, internetaffiner und offener als noch vor einigen Jahren. Deshalb baut er die "Neue Post" zielgruppengerecht um.

Roland Hag: "Das kann man nicht beschönigen: Auch in unserem Bereich wird der Kuchen kleiner. Wir haben im Bauer Verlag für das gesamte Segment immer noch Millionen Käufer pro Woche, und bei der aktuellen MA sind wir mit 2,22 Millionen Kontakten mit Neue Post Spitzenreiter. Aber der Markt ist schwierig, deswegen ist Qualität auch so wahnsinnig wichtig."

Nur wer sich abhebt, kann sich langfristig in diesem schwierigen Markt durchsetzen.

Blickwinkel macht den Unterschied

Hag setzt Themen, die anders, die deutlich frischer sind. Er behält das Interesse seiner Leserinnen im Mittelpunkt, sie sollen in ihrer "Neuen Post" das finden, das sie interessiert - und zwar auf hohem Niveau. Wie entstehen eigentlich die Geschichten aus der Welt des Hochadels? "Wir versuchen, glaubhaft zu spekulieren, also aus fundierten Informationen Schlüsse zu ziehen. Dass wir internationale Korrespondenten mit Kontakten zu wichtigen Schaltstellen haben - sei es nun im Buckingham Palace oder in einem der anderen Königshäuser, ist das A und O dabei. Das führt natürlich dazu, dass wir kopiert werden und das ist nicht schön, aber immer noch besser, als selbst zu kopieren."

Gerade den Yellows machen die unzähligen "Me-too"-Magazine im Markt zu schaffen, die mit ähnlich klingendem Namen und teilweise deutlich niedrigerem Copypreis den Dickschiffen wie "Neue Post" die Auflage vermiesen. Ein wichtiges Tool für diese Qualität ist aus Sicht von Roland Hag neben der guten Vernetzung und Glaubwürdigkeit auch eine gut ausgestattete und engagierte Redaktion. "Unsere Chefreporterin fährt wirklich zu den Parties, die spricht mit den Leuten", berichtet Hag beim kress.de-Besuch: "Dadurch sind wir näher an den Stars als alle anderen. Und das können Sie jetzt glauben oder nicht, aber das macht beileibe nicht mehr jede Yellow-Redaktion. Im Gegensatz zu anderen haben wir den Vorteil, dass wir eine starke, 18-köpfige Redaktion haben und uns eigenen Recherchen erlauben können."

Hintergrund

Adel mit exklusiven News aus den Königshäusern, nationale und internationale Stars aus der Welt von Film und Fernsehen, ein großer Serviceteil mit Schwerpunkten Wohnen, Ratgeber, Gesundheit sowie Mode und Beauty bilden seit über 60 Jahren den Schwerpunkt der "Neuen Post", deren erste Ausgabe noch als "Die neue Landpost - Wochenblatt für die Familie" am 20. März 1948 in Düsseldorf erschienen ist. Erster Chefredakteur war Werner von Elsbergen. "Neue Post" setzt ganz bewusst auf die Nähe zur Leserin: mit emotionaler Ansprache, umsetzbaren Mode- und Kosmetik-Tipps und seriöser Beratung zu Alltagsproblemen. Woche für Woche verkauft die "Neue Post" im Abo und vor allem im Einzelverkauf 579.253 Exemplare (laut IVW 2/2016). Chefredakteur ist Roland Hag, die Redaktionsleitung liegt bei Tanja Milbourn, Jörg Konert ist Art Director, Jasper Juckel ist Textchef, Thomas Wackernagel Chef vom Dienst, Christina Martin Chefreporterin, Verlagsgeschäftsführer Ingo Klinge, Anzeigenleiter Thomas Schmidt. kress.de-Tipp: Wöchentlich erscheint außerdem der Adels-Newsletter "Nachgehagt" von Chefredakteur Roland Hag, der direkt per Email kostenlos bestellt werden kann.

Mitarbeit: Tania Witte

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