Frühere "Journalist"-Chefredakteurin Anna von Garmissen: Warum hat die Medienbranche ein Problem mit Müttern?

08.08.2016
 
 

Dank der fortgeschrittenen Technik bietet sich der Journalismus heutzutage wie kaum ein anderer Berufszweig an, Job und Familie miteinander zu vereinbaren. Sollte man meinen. Die Realität in deutschen Medienhäusern sieht oft anders aus - nicht nur auf der Führungsebene. "Warum ist unser Beruf eigentlich so familienunfreundlich?", will Anna von Garmissen wissen. Die freie Journalistin war Chefredakteurin vom Magazin "Journalist".

Anfang Juli fragte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük "Kann eine Kaufzeitschrift in Teilzeit geführt werden?". Einerseits empfinden viele allein schon die Frage als eine Zumutung - haut sie doch in die alte Kerbe, Frauen in Führungspositionen seien ungeeignet, wenn sie nicht nahezu 24/7-Präsenz zeigen. Nicht nur mir stieß das auf. Im Netz und in den sozialen Medien erfolgte prompte Kritik, etwa von Lisa Seelig.

Doch dieser Schlagabtausch kratzt nur an der Oberfläche. Denn auch wenn die Medienbranche inzwischen erkannt hat, dass Familienfreundlichkeit, Work-Life-Balance und Frauen in Führungspositionen zum guten Ton gehören, klaffen Schein und Sein in vielen Häusern noch weit auseinander.

Schon die Diskussion ist ein Fortschritt

Die Personalie, über die Ürük berichtet, lässt tief blicken: Da hat G+J-Journalistin Claudia ten Hoevel es tatsächlich gewagt, nach der Geburt ihres Kindes ihren Job als "Grazia"-Chefredakteurin mit reduzierter Arbeitszeit wieder aufnehmen zu wollen. Erfolglos: Offenbar darf ten Hoevel erst dann zurück in ihre Position, wenn sie der Redaktion wieder Vollzeit zur Verfügung steht. Bis dahin schaut sie als Herausgeberin und "Brand Ambassador" zu, wie ein anderer ihren Job übernimmt.

Dass ten Hoevels Fall überhaupt öffentlich diskutiert wird, muss wohl schon als Fortschritt gewertet werden. Denn was ihr widerfahren ist, ist kein Einzelfall. Während der Nachwuchs in den Redaktionen großenteils weiblich ist, muss man Ressortleiterinnen, Chefreporterinnen oder gar Chefredakteurinnen mit kleinen Kindern fast mit der Lupe suchen. Gehen sie alle freiwillig? Wohl kaum.

Viele Journalistinnen, die sich Kündigungen oder Herabstufungen im Zusammenhang mit ihrer Elternrolle ausgesetzt sehen, bauschen ihre Geschichten verständlicherweise lieber nicht auf. Hier lassen sich Untiefen einer Branche erahnen, die unsere Gesellschaft aufklären, ihre Entfaltung abbilden und einen Beitrag zu unserer Zukunftsfähigkeit leisten will. Wie wollen wir glaubwürdig gesellschaftliche Missstände kritisieren, wenn wir selbst in alten Rollenbildern steckenbleiben?

Frauen werden ausgebremst, weil sie Mütter sind - oder werden könnten

Ein Chefredakteur oder eine Chefredakteurin muss nicht permanent physisch in der Redaktion anwesend sein. Das ist weder notwendig noch sinnvoll - und entspricht ja auch nicht der Realität, wie Tina Groll in ihrem Beitrag "Jede Position lässt sich in Teilzeit ausüben" ausführt. Tipps, wie man das vermeintliche Dilemma auflösen kann, nennt Nicola Wessinghage - etwa mittels Top Sharing, klarer Absprachen oder der Nutzung digitaler Kommunikationsmedien. Moment mal. Muss ausgerechnet die Branche, die seit Jahren über ihre eigene Digitalisierung diskutiert, auf die Möglichkeit flexiblerer Arbeits- und Führungsmodelle hingewiesen werden?

Unsere Gesellschaft hat ein Strukturproblem - nicht mit Frauen, sondern mit Müttern. Mein Eindruck: Frauen werden nicht ausgebremst, weil sie Frauen sind. Sondern weil sie Mütter sind - oder werden könnten. Das gilt besonders für den Journalismus. Nach wie vor bleiben überdurchschnittlich viele Journalistinnen kinderlos. Einer Untersuchung an der Uni München aus dem Jahr 2014 zufolge bekommt nur ein Drittel von ihnen Kinder und bleibt im Journalismus. Ähnliche Zahlen nennt das Statistische Bundesamt. Sollten Redaktionen nicht auch in dieser Hinsicht ein Abbild der Gesellschaft sein?

Studie zeigt: Auch Freie fühlen sich unter Druck

Der ganzen Debatte um die Vereinbarkeit haftet nach wie vor etwas Verlogenes an. Nicht nur liegen Außendarstellung und innere Verfasstheit vieler Medienhäuser noch weit auseinander. Auch müssen Journalistinnen mit Kindern sich weiter rechtfertigen und gegen die "Alles-ist-möglich-Lüge" stemmen. Und das gilt offenbar nicht nur für Festangestellte. Im Herbst veröffentlicht die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Untersuchung über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im freien Journalismus - der vermeintlichen Insel der Glückseligkeit, da Home Office und selbst bestimmte Arbeitszeiten den familiären Bedürfnissen entgegenkommen. Eine Tendenz zeichnet sich jetzt schon ab: Die meisten Befragten haben das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben, um allen Ansprüchen gerecht zu werden.So frustrierend die Debatte um die mangelnde Familienfreundlichkeit zum Teil auch sein mag, sie muss weiter geführt werden - in fast jeder Branche, aber eben und gerade auch in unserer.

Anna von Garmissen

Die Autorin

Anna von Garmissen ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Von 2007 bis 2015 war sie Chefredakteurin des vom Deutschen Journalisten-Verband herausgegebenen Magazins "Journalist". Zuvor arbeitete die Mutter von zwei Kindern unter anderem als Redakteurin für das Medienmagazin "Insight".

 

Ihre Kommentare
Kopf

Klein

08.08.2016
!

Ich glaube das Problem liegt tiefer. Es ist kein Problem der Frauen, es ist auch keines der Mütter. Sie bilden lediglich die größte Gruppe derer, die Teilzeit arbeiten möchten und teilweise müssen und daher der Verweiger un im besonderen Maße ausgesetzt sind. Das Grundproblem hinter allem ist, dass unsere Wirtschaft, egal ob gegenüber Frauen oder Männern absolut unaufgeschlossen ist, was Teilzeit angeht. Man gilt in der deutschen Wirtschaft nur als produktiv, wenn man mind. 40 Stunden arbeitet.


Dorothea Neitzel, Journalistin in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (DPRG)

10.08.2016
!

Schon der Titel des Beitrages von Frau Garmissen offenbart eine Wurzel der gesellschaftlichen Schräglage: "Problem" und "Mütter" sind Begriffe, die einem Satz auftauchen. Seltsam, warum hat die Medienbranche kein Problem mit Vätern? Genau - dabei gibt es zunehmend Männer, die Kind und Familienarbeit mehr Zeit widmen. Wenn Medienhäuser Teil einer Gesellschaft haben sein WOLLEN, die Mutter- und Vaterschaft unterstützt, gibt es auch die passenden Arbeitsmodelle im Führungsbereich.


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