HBO-Satiriker John Oliver: Warum unsere Gesellschaft ohne Lokaljournalismus nicht funktionieren kann

 

Jeden Sonntag spießt der Brite John Oliver auf dem amerikanischen Pay-TV-Kanal HBO die Lage der Nation auf und widmet sich einem Thema. Diesmal war es der Journalismus und sein bedauernswerter Zustand in den USA. "Die Medien sind eine Nahrungskette, die ohne Lokalzeitungen auseinanderfallen würde", sagt John Oliver. kress.de hat die wichtigsten Aussagen aus der Sendung ins Deutsche übersetzt.

1. "Zeitungen mussten über Jahre Stellen abbauen oder sogar schließen. Das betrifft uns alle. Selbst, wenn Sie Ihre Nachrichten nur von Facebook, Google, Twitter oder der Huffington Post beziehen. Diese verpacken oft nur die Arbeit von Zeitungen neu. Dabei machen das nicht nur Websites, sondern auch die Fernsehnachrichten zitieren täglich aus Printquellen. Ohne die Arbeit von Redakteuren vor Ort könnten Fernsehnachrichten nicht funktionieren."

2. "Selbst unsere kleine Show beruht auf der Arbeit von Journalisten. Immer wenn wir fälschlicherweise als Journalisten bezeichnet werden, ist das eine Ohrfeige für echte Journalisten, auf dessen Arbeit wir angewiesen sind."

3. "Die Medien sind eine Nahrungskette, die ohne Lokalzeitungen auseinanderfallen würde."

4. "Ein Problem ist: Printanzeigen sind weniger populär, als sie es früher waren und Onlineanzeigen produzieren wesentlich weniger Einnahmen. Hier ein Exempel: Zwischen 2004 und 2014 stiegen die Werbeeinnahmen der Zeitungen durch Digitalwerbung von 1,5 auf 3,5 Mrd USD. Unglücklicherweise gingen die Erlöse durch Printanzeigen im selben Zeitraum jedoch um 30 Mrd USD zurück. Das ist, als würden Sie einen Glückscent auf dem Bürgersteig finden, während Ihr Konto am selben Tag von einem 16-jährigen Hacker aus Belgien leergeräumt wird."

4. "Im Fall von 'The Oregonian' spiegelt sich wieder, was in vielen Verlagen passiert: sie werden zur digital-first company. Aus Kostengründen. Einige Auszüge aus einer PowerPoint-Präsentation für die Mitarbeiter des 'Oregonian' zeigen: von ihnen wird eine Quote von drei Blogeinträgen pro Tag erwartet - und sie sollen unter substanzielle Beiträge den ersten Kommentar verfassen. Was für einen besseren Weg könnte es geben, das Vertrauen der Leser zu gewinnen, als unter jedem Ihrer Artikel "First!!!1!" zu posten?!"

5. "Marty Baron, Executive Editor der 'Washington Post' ist besorgt über die neue Aufgabenvielfalt für Journalisten: "Sie müssen der traditionellen Berichterstattung nachkommen, in den sozialen Medien aktiv sein, sie müssen Agenturmeldungen produzieren, sie müssen für Videos verantwortlich sein - Sie sagen es: sie sind überall involviert. Von ihnen wird viel verlangt." (Marty Baron)

6. "Wenn von Journalisten konstant verlangt wird, zu schreiben, bearbeiten, fotografieren, drehen und twittern, dann schleichen sich Fehler ein."

7. "Eine Studie mit über 200 Tageszeitungen zeigt: zwischen 2003 und 2014 ging die Zahl der Vollzeitbeschäftigten Reporter und Redakteure um 35 Prozent zurück. Das ist nicht gut! Während es einige gute Nachrichtenquelle im Internet gibt, die sogar Lokalpolitik abdecken, gibt es nicht ansatzweise genügend, um zu ersetzen, was verloren ging. Hören Sie nur mal, was David Simon, der bevor er die TV-Show 'The Wire' erschuf, jahrelang bei der 'Baltimore Sun' gearbeitet hat, dazu sagt:

"Am Tag, als ich in Baltimore zum ersten Mal einen Reporter der Huffington Post sah, wusste ich, dass wir in einer Form von Equilibrium angekommen sind. Die nächsten 10 oder 15 Jahre in diesem Land werden eine großartige Zeit, um korrupter Politiker zu sein. Ich beneide sie wirklich." (David Simon)

Und er hat Recht! Keine Reporter bei Regierungssitzungen zu haben, ist wie als Lehrer den Raum einer siebten Klasse zu verlassen, damit diese sich selbst beaufsichtigen. Best-Case-Szenario: Britney hat Kaugummi in den Haaren. Worst-Case-Szenario: Sie haben keine Schule mehr."

8. "Zweifelsohne ist es schlau für Zeitungen, auf dem Digitalmarkt zu expandieren. Aber die Gefahr dabei ist, sich an den Klickzahlen zu orientieren. Daher ist es für Führungskräfte wichtig zu verstehen, dass das Populärste nicht immer das Wichtigste ist. Leider ist das nicht immer der Fall. Schauen wir uns mal Sam Zell an - einen Milliardär und Investor, der vor neun Jahren die Firma 'Tribune' übernahm, der Zeitungen wie die 'Los Angeles Times', die 'Orlando Sentinel' und die 'Chicago Tribune' gehören. Nachdem er die Firma gekauft hatte, sprach er zu den Mitarbeitern:

"Meine Einstellung zum Journalismus ist sehr einfach. Ich will genügend Geld verdienen, damit ich mir Sie leisten kann. Es ist tatsächlich so einfach, okay? Sie müssen mir demnach helfen, indem Sie ein Journalist sind, der sich darauf fokussiert, was unsere Leser lesen wollen und dadurch mehr Einkommen generiert." (Sam Zell)
 Einwand einer angestellten Journalistin: Aber was die Leser wollen sind Hundewelpen und wir müssen die Gesellschaft ja auch informieren."
 "Sie geben mir hier ein Beispiel der klassischen 'journalistischen Arroganz', wie ich es nenne. Sie entscheiden, dass Welpen nicht wichtig sind. Hoffentlich erreichen wir den Punkt, dass unsere Einnahmen so deutlich sind, dass wir Hundewelpen und Irak machen können." (Sam Zell)

Sam Zell hat damit ein inspirierendes neues Motto für die 'Orlando Sentinel' erschaffen: 'Alle Welpennachrichten, die in die Zeitung passen und vielleicht auch ein paar Nachrichten aus dem Irak, falls wir es uns leisten können. Das Gute ist: Zell gehört 'Tribune' heute nicht mehr. Das Schlechte: die jüngste Idee, 'Tribune' zu 'Tribune publishing' zu rebranden, ist noch dümmer: Sie nennt sich 'tronc'. Es steht für Tribune Online Content. Sie haben tatsächlich beschlossen, sich 'tronc' zu nennen. Es klingt wie das Geräusch, welches ein ejakulierender Elefant macht - oder passender: Das Geräusch eines Stapels Zeitungen, der in eine Mülltonne geworfen wird."

9. "Verleger sind verzweifelt. Es gibt niemanden mit einer Idee, wie Zeitungen über Wasser gehalten werden können. Eine Möglichkeit ist es, von einem Milliardär geschluckt zu werden, der Verluste verkraften kann. Jeff Bezos, Gründer von Amazon, hat 2013 die 'Washington Post' gekauft und einige gute Ansätze gehabt. Die Reporter scheinen glücklich, trotz einiger seiner weniger cleveren Ideen wie ein Spiel, das es Lesern erlaubt, die Vokale aus einem Artikel zu entfernen, wenn er ihm nicht gefällt."

10. "Es gibt allerdings auch potenzielle Nachteile, bei der Übernahme eines reichen Investors. Schauen Sie sich an, was im letzten Jahr mit dem 'Las Vegas Review-Journal' passierte. Es wird gekauft von Sheldon Adelson, ein Milliardär aus der Casino-Branche und Mega-Geldgeber der Republikaner. Er ist eine große Nummer in Vegas und dadurch ein zentraler Punkt vieler Themen, die das 'Las Vegas Review-Journal' abdeckt. Sowohl Adelson, als auch die Mitarbeiter der Zeitung hatten bestritten, dass sich das Investment auf die Form der Berichterstattung über Adelson auswirkt. Jetzt hat ein Redakteur zugegeben: alle Artikel die über Sheldon Adelson oder seine Firma geschrieben werden, müssen einem besonderen Review Process unterzogen werden - um sicherzugehen, dass diese fair sind. Es könnte keinen schlimmeren Besitzer einer Zeitung in Las Vegas geben, als Adelson."

11. "Einen großen Teil der Schuld an der Krise der Branche tragen wir und unsere Gratis-Mentalität. Wir wollen nicht für die Arbeit bezahlen, die ein Journalist produziert. Wir sind es mittlerweile gewohnt, Nachrichten umsonst zu erhalten - und je länger wir etwas kostenlos erhalten, desto weniger sind wir gewillt, dafür zu bezahlen."

12. "Früher oder später werden wir entweder für Journalismus bezahlen müssen, oder wir alle werden dafür bezahlen müssen." (Im Original aufgrund der stärkeren Doppeldeutigkeit von "to pay for it" besser.)

Übrigens - während sich Deutschlands Zeitungsverleger über solch ein Interesse an ihrem Gewerbe freuen würden, reagieren die amerikanischen Zeitungsverleger verschnupft. John Oliver solle nicht über einzelne Verleger herziehen, fordert David Chavern, Chef des Verbands Newspaper Association of America, vielmehr solle er Lösung liefern, wie der Journalismus der Zukunft finanziert werden könne.

kress.de-Tipp: John Oliver über den Zustand des Journalismus in den USA gibt es hier auf YouTube.

Ihre Kommentare
Kopf

Falk Sinß

10.08.2016
!

Ich würde unter 4. noch aus den amerikanischen Billionen die europäischen Milliarden machen, damit die Übersetzung korrekt ist.


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