Gisela Friedrichsen zur Lokaljournalisten-Schelte von Bundesrichter Fischer: "Wenden Sie sich mit Ihrem Urteil bitte an die Verlage"

15.08.2016
 
 

Der Vorsitzende Richter am Bundesgerichtshof Thomas Fischer gefällt sich oft in Sottisen über den eigenen Berufsstand. Bisweilen zieht er aber auch in harschen, ja verletzenden Pauschalurteilen über Personen anderer Profession her, mit Vorliebe über Journalisten, die über die Arbeit seiner Richterkollegen zu berichten haben. Von Gisela Friedrichsen.

Wie kress.de heute Morgen gemeldet hat, teilte Fischer jetzt gegen Lokalreporter aus und deren angeblich "unterschichtenorientierte Medienberichterstattung über Straftaten". Nicht, dass so etwas nicht vorkommt. Nur: Die Adressaten sind die falschen.

"Realität in den Redaktion sieht anders aus"

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, was meinen Sie, wie viele Journalisten gern andere, bessere Texte schreiben würden, stattete man sie mit dem entsprechenden Wissen aus, gewährte man ihnen vernünftige Arbeitsbedingungen und honorierte man sie angemessen? Die Realität in den Redaktionsstuben, so es solche überhaupt noch gibt, sieht nämlich anders aus, als sie sich ein hochdotierter Bundesrichter vorstellt. Welcher Verlag beschäftigt denn noch einen Gerichtsreporter? Die meisten Kollegen haben nicht mal mehr einen eigenen Schreibtisch in ihrem Verlag. Dort gibt es zwar Sportreporter, Wirtschaftsredakteure, Feuilletonisten und politische Korrespondenten.

Ins Gericht geschickt aber werden Volontäre (damit sie auch dies mal gesehen haben und daran üben können) oder pensionierte Kollegen gleich welcher Fachrichtung, die ihre schmale Rente damit aufbessern. Freie Mitarbeiter, und das sind die meisten, weil es Festanstellungen kaum noch gibt, werden mit jämmerlichen Zeilenhonoraren abgespeist und kämpfen um Drei-Monats-Verträge. Wer davon leben muss, dem sollte nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass er vielleicht eine Nichtigkeit zur "Story" aufbläht. Sie muss ihm nämlich abgekauft werden. Andernfalls geht er leer aus und bleibt vielleicht gar noch auf den Kosten sitzen.

"Kritik bitte an die Verlage"

Der Vorsitzende Richter Fischer möge sich mit seinem Urteil bitte an die Verlage wenden, deren Aufgabe es wäre, für die Ausbildung junger Leute zu sorgen und ihnen die Haltung zu vermitteln, deren es bedarf, wenn über Menschen - nicht Bestien - berichtet werden soll. Manche Straftäter haben furchtbares Unheil über andere und auch über sich selbst gebracht. Darüber zu berichten, zählt zu den heikelsten Aufgaben im Journalismus und verlangt vom Berichterstatter hohe Kompetenz. Er muss nicht nur juristisches Grundwissen mitbringen, das lässt sich lernen. Nicht erlernen lassen sich menschliche Qualitäten im Umgang mit gescheiterten Personen und vor allem auch mit sich selbst.

Stehen bei Chefredakteuren und Geschäftsführern nur noch die Kosten im Vordergrund, weil nämlich Anzeigen und Abonnentenzahlen wegbrechen, dann werden Stellen abgebaut bis zur Funktionsunfähigkeit von Redaktionen. Journalistisches Ethos oder die Frage nach der Aufgabe von Journalisten als Vertreter der sogenannten vierten Gewalt im Staat bleiben auf der Strecke. Dann geht es nur noch ums Verkaufen - und sei es an die von Fischer herablassend zitierte Unterschicht.

"Strukturelle Probleme"

Fischer stößt sich daran, dass Gerichtsberichterstatter bisweilen Straftäter nur mit Vornamen nennen. Es gab einmal Zeiten, Fischer dürfte sich noch an sie erinnern, da wurden die Namen zumindest von Kapitalverbrechern vollständig genannt und auch Fotos unverpixelt gezeigt. Heute durchsuchen Heerscharen von Medienanwälten Druckerzeugnisse und TV- oder Radiosendungen nach potentiellen Mandanten, deren Persönlichkeitsrechte vielleicht verletzt sein könnten. Wen wundert es, wenn Journalistenkollegen dann ihren Protagonisten auf der Anklagebank nur noch irgendwelche Vornamen verleihen, womit sie presserechtlich auf der sicheren Seite sind und keinen Ärger mit der Geschäftsführung riskieren? Das sind strukturelle Probleme, Herr Vorsitzender, und hat mit professioneller Unfähigkeit oder "Orientierung an der Unterschicht" wenig zu tun.

Fischer macht den Fehler, den er bei anderen so gern hämisch aufspießt. Er äußert sich über Dinge, von denen er, der geniale und hochkompetente Jurist in der Komfortzone richterlicher Unabhängigkeit, nichts versteht. Dazu gehört der Journalismus und vor allem dessen heutige Praxis. Seine persönlichen Erfahrungen als Kommentator bei "Zeit" und "Zeit online", wo ihm sichtlich keine Grenzen gesetzt werden, sollte er dabei nicht zum Maßstab nehmen. Ein Fehler übrigens, der bei Richtern oft vorkommt.

Gisela Friedrichsen

Zur Autorin: kress.de-Gastkommentatorin Gisela Friedrichsen ist Gerichtsreporterin beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

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Ihre Kommentare
Kopf

M.Z. Berlin

15.08.2016
!

Liebe Frau Friedrichsen,
wenn jemand die Inkompetenz so mancher Journalisten bemängelt, hilft es wenig und zeigt von wenig Standesbewusstsein auf Seiten der Journalisten, dann diese Kritik weiterzureichen. Nicht die Verlage schreiben schlechte Artikel, sondern die vermeintlichen Journalisten, die dann noch nicht mal in der Lage zu sein scheinen, die von Ihnen kritisierten Umstände in den Verlagshäusern intern zu adressieren.... dann sollen sie eben den Job aufgeben, Mittelmaß ist keine Benchmark


Torsten

16.08.2016
!

Gisela Friedrichsen hat doch recht, wenn sie sagt, dass Fischer es sich mit seiner Kritik zu leicht macht. Überdies sollte man auch ehrlich eingestehen: niemand würde Fischers textlich überdehnte Kolumnen in der "Zeit" lesen, würde der Mann nicht diesen Posten beim BGH haben. Die "Zeit" würde auch keinem normalen Richter so viel Freiraum gewähren, sondern diese Texte von einem Schwall-o-Maten prüfen lassen und auf ein lesbares Maß stutzen.


Blaupause

17.08.2016
!

Vielen Dank, Frau Friedrichsen.


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