Einwurf von Volker Warkentin: "Defizite auf beiden Seiten"

 

"Defizite auf beiden Seiten" erkennt kress.de-Autor Volker Warkentin in seinem Brief an Thomas Fischer, Vorsitzender Richter des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs.

Herr Vorsitzender,

in einigen Punkten ist Ihre Medienschelte korrekt. So sollten Journalisten, die über Strafprozesse berichten, juristische Grundkenntnisse besitzen und beispielsweise den Unterschied zwischen Beschuldigten, Angeschuldigten und Angeklagten kennen. Sie sollten auch wissen, wann vor einem Amtsgericht, einem Landgericht oder einem Oberlandesgericht verhandelt wird. Oder den Unterschied zwischen Berufung und Revision benennen können.

Aber Einspruch, Euer Ehren (ich weiß, ich weiß, dieser aus US-Serien bekannte Ausruf ist in deutschen Gerichtssälen nicht zulässig)! Ihr Rundumschlag gegen die Gerichtsberichterstattung deutscher Medien geht an der Sache vorbei. Das gilt vor allem für Ihren Ruf nach Juristen als Gerichtsreportern. Das Strafgesetzbuch und Strafprozessordnung neben sich auf der Pressebank, gerieren sie sich in den meisten Fällen als bessere Richter, Staatsanwälte und Verteidiger. Sie stürzen sich oft auf juristische Randprobleme, die in Prozessen vielleicht relevant, für das breite Publikum aber viel zu speziell sind. Da bleiben Lebendigkeit, Spannung und vor allem Allgemeinverständlichkeit leicht auf der Strecke.

Juristen neigen zu Fachchinesisch oder Bürokratendeutsch. Mich entsetzt noch immer die Formulierung "Unter Vorhaltung einer Waffe zwang er sie zur Durchführung des Geschlechtsverkehrs", der vor einigen Jahren in der Terminvorschau des Kriminalgerichts Berlin-Moabit auf einen Vergewaltigungsprozess hinwies. Sätze wie dieser machen deutlich, dass es Defizite auf beiden Seiten gibt. Hilfreich wären mehr Justizsprecherinnen und Justizsprecher, die Journalisten auch die kompliziertesten Sachverhalte allgemeinverständlich und zum Nutzen des Publikums erklären können.

Solche Beispiele gibt es. Mit Freude erinnere ich mich an Oberstaatsanwalt Volker Kähne, der später Chef der Berliner Senatskanzlei wurde, oder an die Richterin Uta Fölster, heute Präsidentin des Oberlandesgerichts in Schleswig-Holstein. Ihre kompetente "Übersetzungsarbeit" hat vielen Kollegen und mir geholfen, fundiert über Prozesse gegen korrupte Berliner Kommunalpolitiker, Mauerschützen und SED-Größen zu berichten.

Kurzum: Ein Stil-Coaching würde Juristen ebenso guttun wie ein Crashkurs Recht und Justiz so manchem Journalisten.

Unser Autor: Volker Warkentin, Mitarbeiter von kress.de, ist seit über 40 Jahren Journalist. Seine langjährige Tätigkeit als Reuters-Korrespondent hat ihn immer wieder in die Gerichte geführt - rein beruflich, versteht sich. So berichtete er nach 1990 ausführlich über die Prozesse gegen Mauerschützen sowie DDR-Spitzenpolitiker wie Erich Honecker, Erich Mielke und Egon Krenz.

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