Die Marktschreier oder: Wieviel Journalismus steckt im Sportreporter?

 

"Journalismus!" Paul-Josef Raue schreibt in seiner nacholympischen kress.de-Kolumne über Medienhengste, das ewige Duzen und die Angst des Journalisten vor dem Sportler.

Ein Medienkritiker hätte es nicht besser sagen können: Journalismus, gerade im Sport, ist keine PR. Doch der es sagte, ist Goldmedaillen-Gewinner in Rio. "Ich bin Sportler und kein PR-Mensch", grantelte der Diskuswerfer Christoph Harting auf einer kurzen Pressekonferenz in Rio - in inniger Abneigung gegen TV-Journalisten, die er als Teil der PR-Show namens Olympia sieht.

Harting hat sich aus Sicht von Journalisten daneben benommen. Als er nach dem Sieg in die Kabine ging, würdigte er den ZDF-Reporter Norbert König keines Blickes, als der ihm von der Seite die Glückwunsch-Hand anbot. Harting ging einfach weiter, ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein sprach vom "Verweigern" und zeigte den Sportler im Film, als er gegen ein gelbes Blech-Dreieck trat.

"Nach dem Sieg möchte ich mit denen feiern, die mir am nächsten stehen", erklärte Harting bei der Pressekonferenz - und dazu zählt er keine Journalisten. "Das, was Sie über mich denken, ist mir vollkommen egal", sagte er und sprach von schlechten Erfahrungen. "Ich bin kein Medienhengst, der gern in die Öffentlichkeit drängt."

Bei großen Sportereignissen, ob WM, EM oder Olympia, geraten die Sportreporter ins Visier und werden - aus Sicht der meisten Kritiker - ihrem Ruf als Schmuddelkinder des Journalismus gerecht. Dies Urteil ist ungerecht, vor allem gegenüber TV-Reportern: Wer über zwei Wochen immer wieder senden muss, der bewegt sich im schwierigem Gelände - und er kennt die Vorwürfe, denen er ausgesetzt wird: Das Phrasenschwein vor dem Mikrofon.

Doch nicht nur die Verhunzung der Sprache, die schiefen Bilder, die endlose Folge der Phrasen und Plattitüden beklagen die Kollegen Kritiker, sondern auch das ewige Geduze und die große Nähe zu den Sportlern, ob jubelnd im Sieg oder zersetzend in der Niederlage - treu dem Boulevard-Motto: Wer mit uns im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch wieder runter; dabei ist die Fahrt abwärts meist ein Sturz ins Bodenlose.

"Es handelt sich um Show, um Unterhaltung im besten oder ärgsten Sinn", schrieb Reporter-Legende Horst Vetten schon vor dreißig Jahren. Die Kritik ist also nicht neu, und sie kommt meist von Schreibern, denen also, die nachdenken können, bevor sie die Öffentlichkeit erreichen. Der "FAZ"-Redakteur Steffen Haffner war einer der Großen, war Sportjournalist des Jahres und klagte schon vor einem Jahrzehnt über den Sport im Fernsehen:

"Mit Journalismus hat das meist nichts mehr zu tun. Die Moderatoren sind selbst Showstars geworden, die gleich Marktschreier das teuer gekaufte Produkt ihres Senders hochzujubeln haben."

Wer stundenlang Olympia schaut, spürt die Angst der Reporter vor den Sportlern: Kommen sie ihnen zu nah, wird ihnen PR unterstellt und Kotau vor ihren Sendern, die zig Millionen für die Rechte bezahlt haben. Bleiben sie distanziert, gelten sie als gefühlsarme heimatlose Gesellen, die den Stolz der Deutschen vor dem TV-Gerät nicht teilen wollen. 

"Was war das für ein Gefühl?", fragt fast jeder Reporter nach Wettkampf oder Spiel. Nach gefühlten sechshundert Olympia-Interviews beschleicht den Zuschauer der Verdacht: Gesprächstechnik war offensichtlich kein Teil der Ausbildung. Beim Fußball ist es ähnlich: Die Bundesliga-Stars bekommen deshalb von ihren Vereinen ein Training, wie sie sich vor der Kamera verhalten sollen; sie kennen die Textbausteine der Reporter, lernen ihre und legen einen Fundus an Antworten an. Ein Textbaustein passt immer: Sportler und Reporter ergänzen sich als Platitüden-Lieferanten.

"Die Sache ist durch - oder?", fragte im April 2014 der junge ZDF-Reporter Jochen Breyer den Dortmunder Trainer Jürgen Klopp, nachdem dessen Mannschaft im Hinspiel gerade hoch in Madrid verloren hatte. Das ist eine Suggestivfrage, die ein Journalist nur in hoher Not nutzt - wenn er beispielsweise einen Politiker in die Enge treiben will, um ihm die Wahrheit zu entlocken.

"Doofe Frage", meinte denn auch "Bild"-Briefeschreiber Franz-Josef Wagner und rammte den ZDF-Reporter in Grund und Boden: "Ein grinsendes Milchbärtchen, der sein Mikro hält wie einen Babyschnuller... und erst einmal anfangen sollte bei Blindekuh und Federball." Der "FAZ"-Redakteur Tobias Rüther, zehn Jahre älter als der ZDF-Reporter, kritisierte heftig, aber nicht so ehrabschneidend wie der Bild-Kollege: "Im Vollbesitz des Mikrofons weidete sich Jochen Breyer an der Wehrlosigkeit Klopps."

Rüther zielte mit seiner Kritik ins Grundsätzliche: Welches Selbstverständnis haben Sportjournalisten im Fernsehen? Ist es der Opportunismus des Boulevards: Läuft es gut, siegen die Moderatoren immer schön mit; geht's schlecht aus, wissen Journalisten, woran es gelegen hat? Das ist eine Machtfrage, die Sport-Profis wie Klopp umdrehen können. Er antwortete mit einer Gegenfrage auf das Suggestiv: "Wie könnte man mir Geld überweisen für meinen Job, wenn ich heute hier stehen würde und sagen würde: Das ist durch?"

Ein Vorschlag wäre, TV-Interviews direkt nach einem Spiel oder Olympia-Gold mit einem Warnhinweis zu versehen, wie wir ihn aus der Medikamenten-Werbung kennen: "Zu Risiken und Nebenwirkungen von Sportler-Interview fragen Sie Intendanten und Leitende Redakteure."

Wir haben in Deutschland einen vergleichsweise guten Sportjournalismus, vor allem in "FAZ" und "Süddeutscher Zeitung", in "11 Freunde" und anderen Zeitungen und Magazinen - aber auch im Fernsehen, wenn beispielsweise Hajo Seppelt die Doping-Mafia entlarvt oder die Korruption im Welt-, Europa- und Deutschland-Fußball.

Der Sportjournalismus hat überdies mit starken Gegnern zu kämpfen: Mit Sponsoren, Geschäfts-Machern, die Lizenzen verkaufen, mit Funktionären, die sich die Macht über die Bilder und die Gewalt über die Sportler gesichert haben. Nicht nur Bayern München hat einen eigenen TV-Kanal und filmt nur, was genehm ist - und verkauft die Bilder. Die Fußball-Profis unterschreiben Verträge, dass ihre Meinung immer nur die Meinung der Vereinsführung ist; wem man so die Kandare anzieht, der darf nichts mehr sagen, was nicht die Pressestelle autorisiert hat.

"Zwischen Maulkorb und Meinungsfreiheit" nennt David Bernreuther sein Buch, in dem er auch die Lahm-Affäre beschreibt. Der Bayern-Spieler hatte 2009 der "Süddeutschen Zeitung" ein Interview gegeben, das den Vorstand verärgerte, gar entsetzte und das Uli Hoeneß zu der Aussage hinriss: "Das Interview wird er noch bedauern."

Eben weil Sport mehr Unterhaltung ist als Politik, eben mehr Jubel und Enttäuschung als Kontrolle und Kritik, sitzen Sportjournalisten in einer Falle, die der Medienprofessor Thomas Horky aus Hamburg so beschreibt:

"Es ist ein Armutszeugnis für den Journalismus, wenn kaum noch zu unterscheiden ist, welche Geschichten von den Pressestellen der Klubs kommen und welche von echten Reportern."

Wer sich also von Funktionären und Pressesprechern lenken lässt, riskiert Ansehen und am Ende sogar den Job. Denn nur wiedergeben, was andere vorgeben - das können mittlerweile Roboter schneller und besser. Die Washington Post setzte bei den Spielen in Rio schon eine Software ein, die automatisch aus Daten Artikel produziert: Der Roboter-Reporter. Die Reporter aus Fleisch und Blut und mit Leidenschaft sollen Analysen schreiben und Artikel, die in die Tiefe gehen.

Sportjournalisten müssen sich auch als Profis profilieren. Deshalb ein...

Entwurf für das Selbstverständnis der Sportjournalisten:

1. Habe Respekt vor Sportlern wie Publikum (vor dem TV und hinter der Zeitung)!
2. Sei Stellvertreter des Publikums, das sich freut und leidet - aber aus der Distanz des
Journalisten! Meide Euphorie und Verachtung!
3. Erkläre dem Publikum, was es sieht - verständlich, fachkundig und gut vorbereitet!
4. Lass Dich von Funktionären nicht vereinnahmen, sondern kontrolliere und kritisiere!
5. Schätze unsere Sprache, die unendlich schön ist und reich!
6. Meide Phrasen, Klischees und dumme Fragen!
7. Habe keine Angst vor dem Schweigen!

Die meisten Sportreporter bei diesen olympischen Spielen in einem zerrissenen Land waren besser als ihr Ruf, wenn man bedenkt: Wer so viel senden und so viel schreiben muss, hat unendlich viele Chancen, sich zu verirren. Und nur wenige haben sich im Labyrinth verlaufen.


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INFO

Trainer-Reaktionen auf dumme Journalisten-Fragen

"Bild"-Kolumnist Alfred Daxler öffnete 2014 in "Nachgehakt" sein Archiv und brachte die
schönsten Trainer-Antworten auf Journalisten-Fragen:

o "Dann interview dich doch selbst!" (Jürgen Klopp)
o "Haut's euch in Schnee!" (Ernst Happel)
o "Sie (Journalisten) denken nur von der Tapete bis zur Wand!" (Max Merkel)
o "Schleich di mit deinem Kasperl-Sender..." (Franz Beckenbauer)


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Quellen und Lese-Tipps

 Michael Schaffrath: Das sportjournalistische Interview im deutschen Fernsehen
(2000)
 David Bernreuther: Zwischen Maulkorb und Meinungsfreiheit (2012)
 "Bild" vom 4. und 5. April 2014, FAZ 4. April (Klopp-Interveiw)

 

Paul-Josef Raue (66) war Sportredakteur und gründete vor mehr als vierzig Jahren den "RN"-Lokalsport Castrop-Rauxel; einige Jahre später sollte er für den "stern" über die Olympischen Spiele in Moskau berichten. Als die Rote Armee in Afghanistan einmarschiert war und die Bundesrepublik, den USA folgend, nicht an den Spielen teilnehmen wollte, entschied Henri Nannen: "Für die DDR schicken wir keinen Redakteur nach Moskau. Raue bleibt in Hamburg." Raue wechselte zum "Vlothoer Tageblatt"; danach arbeitete er für weitere sieben Lokal- und Regionalzeitungen und gründete mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch-deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standwerk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft" und erscheint regelmäßig diese Kolumne "Journalismus!" Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

Ihre Kommentare
Kopf

Axel

24.08.2016
!

In meiner Diplomarbeit habe ich vor knapp 10 Jahren das Qualitätsverständnis von Sportjournalisten untersucht. An eine Aussage eines Sportjournalisten werde ich mich stets erinnern, denn sie war und ist kennzeichnend für den Sportjournalismus. Frage: Wie wichtig ist Ihnen Objektivität? Antwort: "Ich bin objektiv, ja, aber mit Begeisterung für den eigenen Verein"


Thomas Hamm

Produkttester

28.08.2016
!

Gut auf den Punkt gebracht. Ich wundere mich schon seit längerem über die "Qualität" im Sport-Journalismus


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