Wenn Journalisten von der Selbstständigkeit in einer anderen Branche träumen: Verliebt in eine Geschäftsidee

 

Viele Journalisten träumen von der Selbstständigkeit in einer anderen Branche. Oft sind sie aber nur verliebt in die Idee, nicht in die Realität dahinter, sagt Medien‐Coach Attila Albert.

Ich treffe kaum einen Journalisten, der nicht schon überlegt hat, "etwas ganz anderes zu machen". Die Motive sind vielfältig: Skepsis über die Zukunft der eigenen Branche oder Frustration über die persönlichen Aussichten, Begeisterung über eine Geschäftsidee, die man irgendwo in New York, London oder Paris gesehen hat ­- oder Wunsch, nicht immer nur über die Erfolge anderer zu berichten, sondern endlich einmal selbst etwas aufzubauen.

Sehr schnell, meist schon in der ersten oder zweiten Coaching-­Session, läuft das Gespräch auf eine entscheidende Reflektion zu: Bin ich nur verliebt in die Idee, noch einmal von vorn anzufangen, mich in eine andere Branche und Position einzuarbeiten, die Risiken und Mühen auf mich zu nehmen ­oder meine ich das tatsächlich ernst? Hier einige Punkte, die Ihnen bei Ihren eigenen Gedanken dazu helfen können.

Überdenken Sie Ihre Motivation

So verständlich der Wunsch ist, einen ungeliebten und ausgeschöpften Job zu verlassen oder mehr zu verdienen: Eine Idee, die vor allem darauf basiert, dass andere zukünftig für Sie arbeiten, während Sie sich "als Unternehmer" aus den Erlösen zur Ruhe setzen, ist unrealistisch. Wer sich selbstständig macht, wird wahrscheinlich viele Jahre mehr arbeiten, höhere Risiken tragen ­ mit der überhaupt nicht garantierten Option auf Erfolg.

Suchen Sie etwas, das Sie gern tun

Da Unternehmer tendenziell mehr arbeiten, nicht zwingend mehr verdienen, und höhere Risiken tragen als ein Angestellter, sollten sie schon einen Gewinn aus der Tätigkeit an sich ziehen. Beispiel: Wenn Sie überlegen, ein Bio-Restaurant zu eröffnen, sollten Sie ein echtes Interesse daran haben, auf Lebensmittelmärkte zu gehen, über Rezepte und Zubereitungen zu diskutieren, aber auch über Mitarbeiterauswahl, Lokalgestaltung und -­management. 

Die besten Geschäftsideen vereinen also etwas, das Sie gern und damit wahrscheinlich überdurchschnittlich gut tun, mit der Lösung eines realen Problems: Sie tun etwas, das einem Kunden wichtig ist. Dafür ist er bereit, Ihnen etwas zu bezahlen. Regelmäßig lese ich Geschäftspläne, die sich eher nach einem Plan für eine persönliche Weiterbildung oder Sinnfindung lesen ­ das sind wichtige Nebeneffekte, aber keine Geschäftsidee.

Machen Sie einen Realitätsvergleich

Es ist extrem aufschlussreich, sich der unternehmerischen Realität Ihres Traums so weit anzunähern, wie es Ihnen vorab möglich ist: Besuchen Sie ähnliche Betriebe für eine Reportage oder Besichtigung, machen Sie einen Praktikumstag oder arbeiten Sie über einen Nebenjob mit, möglicherweise können Freunde oder Bekannte vermitteln. Achten Sie auf Ihr Gefühl dabei: Finden Sie die Umgebung anregend, macht Ihnen die Tätigkeit Freude, interessieren Sie sich wirklich für die Themen und Fragestellungen dieser Branche?

Achten Sie darauf, wen Sie um Rat fragen

Es ist sinnlos oder geradezu schädlich, wahllos Verwandte oder Freunde nach ihrer Meinung zu fragen. Ein mutloser Angestellter, der seit Jahren selbst unglücklich festsitzt, wird Ihnen trotzdem abraten oder auf die Risiken verweisen. Fragen Sie Leute, die den Schritt, über den Sie nachdenken, schon gegangen sind: Nicht nach ihrer Empfehlung ("Was würdest du an meiner Stelle machen?"), sondern nach ihren Erfahrungen, was ihnen geholfen hat und nach faktischen Informationen ­ Ansprechpartner, Gesetze, Fördermöglichkeiten.

Wenn ich mit Klienten diesen Prozess durchlaufe, gibt es verschiedenste Ergebnisse: Einige kommen mit ersten Businessplänen und Kalkulationen zur nächsten Session, haben Räume besichtigt, auch wenn sie das Geld dafür noch nicht haben, sind begeistert von der Idee und arbeiten an den ersten Details. Das sind möglicherweise zukünftige Unternehmer.

Andere haben nach einem oberflächlichen Eindruck, etwa einer Besichtigung und einigen Google­Suchen, nichts davon getan, listen aber alle denkbaren (und realen) Probleme auf: Kein Geld, keine Kontakte, gibt's ja alles schon. Das ist keineswegs verwerflich, sondern ein wichtiger Hinweis: Ihnen gefällt die Idee, aber nicht die mühsame Realität dahinter. Für sie, und das ist die Mehrheit, ist das Angestelltenverhältnis wahrscheinlich die bessere Option ­ oder eine Mischlösung, etwa eine Kombination aus Teilzeitstelle und Unternehmen.

Zum Autor: Attila Albert (43) begleitet mit seiner Firma "Media Dynamics" seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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