Weltweites Interesse: Der Nazi-Goldzug und die eigene Welt der Medien

25.08.2016
 

Die Suche nach einem angeblichen Zug mit geraubtem Nazi-Gold in Polen fasziniert die Newsportale, Zeitungen und TV-Sender. Tatsächlich geht es bei den kürzlich begonnenen Ausgrabungsarbeiten eigentlich um etwas ganz anders. Aber die Medien haben längst die Regie übernommen und schaffen sich ihre eigene Wirklichkeit. Die klingt halt spannender.

Tief in der polnischen Provinz, irgendwo an einer Bahnstrecke nahe der Stadt Walbrzych (dem früheren deutschen Waldenburg), findet gerade Weltgeschichte statt. Oder, vielleicht zumindest. Die Medien jedenfalls stürzen sich begeistert auf das, was gerade an Kilometer 65,2 zwischen Jelona Gora und Breslau vor sich geht: drei Hobby-Historiker buddeln sich gemeinsam mit ihrem Team mit gemieteten Baggern durch die Erde auf der Suche nach einer echten Sensation: einem Zug, beladen mit Gold und Schätzen. Und zwar mit Schätzen, die die Nazis während ihrer Raubzüge durch Europa im Zweiten Weltkrieg überall mitgehen ließen und von denen Teile bis heute verschollen sind. So bekommen es jedenfalls Leser und Fernsehzuschauer von Deutschland bis Australien zu lesen und zu sehen. Denn das Interesse an der Sache ist weltweit, seit vor etwa gut einem Jahr das erste Mal Gerüchte aufkamen, der Zug, über den bereits seit Jahrzehnten spekuliert wird, sei gefunden.

Sex und Hitler gehen immer

Verlorene Nazischätze und die Suche tapferer Männer danach war immer mal wieder selbst Stoff für Hollywood-Streifen, á la Indiana Jones. Und erfahrene Medienmacher wissen, dass zwei Themen immer gehen, wenn gar nichts anderes mehr läuft: Sex und Hitler. Niemand war beispielsweise so oft Coverboy auf "Spiegel"-Heften wie der "Führer" (mehr als 50 Mal). Nun können sich die Medien zwar in diesem Sommer wirklich nicht über ein Sommerloch beklagen - Erdogan, Putsch in der Türkei oder islamistischer Terror, Russland sind nur ein paar Stichworte. Doch die Aussicht, dabei zu sein, wenn ein veritabler "Nazi-Goldzug" entdeckt wird, übt einen immensen Reiz aus.

"Der angebliche Nazi-Goldzug ist eine reine Mediengeschichte"

So weit, so gut. Das Problem an der Sache: "Der angebliche Nazi-Goldzug ist eine reine Mediengeschichte", sagt Christel Focken. Sie tritt als Pressesprecherin des Unternehmens im deutschsprachigen Raum auf und ist Vorsitzende des "Bundesverbandes der privaten Historiker e.V.". "Wir reden von einem Zug, von dem wir glauben, dass er an der Stelle, an der wir graben, in den letzten Kriegstagen oder -wochen abgestellt wurde. Das kann ein Panzerzug sein oder auch einer der Züge, mit der Hitler reiste". Ja, es sei auch nicht ausgeschlossen, dass der Zug tatsächlich irgendwelche Schätze geladen habe - aber das sei gar nicht das, was das Archäologenteam suche. "Und wir selbst haben das auch nicht behauptet", sagt Christel Focken. Das seien die Medien gewesen. Inzwischen allerdings reden selbst die Forscher auf ihrer Website vom "Goldzug" - es klingt wie eine Kapitulation vor der Medien-Realität.

Focken und ihre Mitstreiter suchen etwas ganz Anderes. "Wir vermuten, dass der Zug in der Einfahrt zum geplanten Führerhauptquartier Riese steht". Das zu finden, wäre ein tolle Sache - für Historiker. Das Interesse der Medien daran ist deutlich geringer als am "Goldzug". Dazu muss man wissen, dass Hitler vermutlich zwölf Führerhauptquartiere bauen ließ, von denen die "Wolfsschanze", in der er sich von 1941 an bis wenige Monate vor Kriegsende regelmäßig über längere Zeiträume aufhielt, die berühmteste ist. Es gab aber weitere Hauptquartiere, die er entweder nur ganz kurz oder gar nicht nutzte.

Anders als die "Wolfsschanze", die in den ostpreußischen Wald gebaut wurde und aus oberirdischen Bunkeranlagen bestand, scheint Riese als gigantische unterirdische Anlage geplant worden zu sein. Gefunden wurde die Anlage, deren Bau möglicherweise noch begonnen, aber nicht zu Ende geführt worden war, bis heute nicht. "Riese dürfte eine unterirdische Anlage von den Ausmaßen einer Kleinstadt sein", glaubt Christa Focken. Diesen Ort zu finden ist es, was das deutsch-polnische Team aus Hobby-Historikern reizt.

Der Medien-Rummel nutzt den Forschern auch

Doch die Medien nahmen den Forschern das Thema aus der Hand und schafften sich längst ihre eigene Geschichte: die vom "Nazi-Goldzug". Als die Forscher glaubten, Anzeichen für einen unterirdisch abgestellten Zug entdeckt zu haben, war für viele Redaktionen sofort klar: dabei müsse es sich um einen Zug mit Nazi-Gold handeln. Die Forscher selbst hofften dagegen auf einen Beleg, dass sich an der Stelle die Zufahrt ins geplante Hauptquartier findet.

Sie sehen die "Goldzug"-Euphorie der Medien mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn den Trubel können sie durchaus gut gebrauchen. Er sichert ihnen weltweite Aufmerksamkeit. Und die kann hilfreich sein, zum Beispiel, wenn es um das Einsammeln von Sponsorengeldern geht.

Polnische Experten von der Universität Krakau schließen aus, dass sich an der Stelle, wo jetzt gesucht wird, ein Zug befindet. Das ficht das deutsch-polnische Team nicht an. Sie wollen weitersuchen und die Suche könnte noch länger dauern. Gut möglich, dass die Medien das Interesse verlieren, wenn der sagenhafte Nazi-Schatz nicht bald gefunden wird und der Traum vom Gold zu Staub zerronnen ist. Gut möglich aber auch, dass sie dann verpassen, wenn die Forscher an ihr tatsächliches Ziel kommen und den Eingang zum Führerhauptquartier finden.

Ihre Kommentare
Kopf

Stefan Csevi

26.08.2016
!

Das unterirdische Führerhauptquartier heisst Riese, nicht Riesa. Riesa ist eine Mittelstadt im sächsischen Landkreis Meißen.


Thomas Hamm

Produkttester

28.08.2016
!

Danke Stefan, das hatte mich auch verwirrt


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