Radio-Bremen-Rundfunkrats-Chef Klaus Sondergeld: "Wir müssen darum kämpfen, dass die Glaubwürdigkeit wahrgenommen wird"

 

Anfang Juni wurde Klaus Sondergeld, 63, zum neuen Vorsitzenden des Rundfunkrats von Radio Bremen gewählt. Trotz Schlagwörtern wie etwa "Lügenpresse" sieht Sondergeld Radio Bremen nicht in einer Glaubwürdigkeitskrise. "Aber es geht um eine sachliche und kritische Begleitung der Programmarbeit eines jeden Senders - auch durch die Rundfunkräte. Und wir müssen natürlich darum kämpfen, dass die Glaubwürdigkeit, die bei der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung aus meiner Sicht gegeben und durch Umfragen belegt ist, auch wirklich wahrgenommen wird." 

In den Rundfunkrat wurde Sondergeld vom Senat für die Stadtgemeinde Bremen entsandt, der nach einem mehrheitsfähigen Vertreter mit genügend Zeit suchte. Vorgängerin Eva-Maria Lemke-Schulte hatte den Vorsitz acht Jahre inne, gehört dem neuen Gremium auf eigenen Wunsch nicht mehr an.

Zuletzt Mitglied der Wirtschaftsförderung Bremen Geschäftsführung (WFB), ist Sondergeld mit Anfang Juli in Pension gegangen. Als Geschäftsführer hätte er dieses Amt nicht ausführen können. "Der Rundfunkratsvorsitzende muss vom Verdacht frei sein, Interessen verquicken zu wollen, denn Stadtwerbung ist nicht die Aufgabe eines Öffentlich-rechtlichen Senders", weiß Sondergeld. "Sie sind eine wichtige Stimme in der politischen Meinungsbildung. Dazu gehört die Bereitstellung von Informationen, aber auch deren Einschätzung und Bewertung. Und das brauchen wir in den heutigen Zeiten ja umso dringlicher."

Zwischen Journalismus und Public Relations

Der gebürtige Wolfsburger war sowohl im Journalismus als auch in der PR ausgiebig tätig. Nach einem Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und Publizistik in Münster, war er Mitte der 1980er-Jahre nur kurz Volontär beim Sender Freies Berlin (SFB), weil ihn ein Posten als Leiter der Pressestelle an der Universität Bremen lockte. Durch eine "Zeit"-Annonce wurde Sondergeld auf den Süddeutschen Rundfunk neugierig, bekam die Stelle in der Wissenschaftsredaktion Fernsehen. Damals wurde die Sendung "Abenteuer Wissenschaft" aus der Taufe gehoben. Ab Mitte 1987 war der Journalist Leiter Aktuelles im Studio Mannheim. Und wechselte erneut die Seiten: Vom 1. September 1990 bis Ende August 1999 fungierte Sondergeld als Sprecher des Senats der Freien Hansestadt Bremen. "Den Wechsel kann man nur aus der damaligen Zeit heraus verstehen - 1989 war die Mauer gefallen und 1990 in eine Landesregierung zu wechseln, auch wenn es die des kleinsten Landes ist, war spannend." Seine Dienstjahre als Senatssprecher prägten drei unterschiedliche politische Konstellationen: erst eine SPD-Alleinregierung, gefolgt von einer Ampelkoalition - "übrigens die erste in der Republik" -, ab 1995 eine große Koalition. In den Norden kehrte Sondergeld mit seiner Frau und damals einem Kind gerne zurück, im September 1990 kam dann auch das zweite Baby zur Welt. Sohn und Tochter sind heute 26 und 28 Jahre alt.

Ambitionierter Stadtvermarkter

Mit einem Vertreter der Industrie begründete der Senatssprecher 1997 nebenamtlich die Bremen Marketing GmbH, die er ab 1999 hauptamtlich als Geschäftsführer leitete. Die eigenständige kleine Firma ging 2009 in das Großunternehmen WFB - Wirtschaftsförderung Bremen GmbH - über, dafür wurden vier öffentliche Gesellschaften zusammengeführt. Sondergeld war auch in den letzten sechs Jahren in der Geschäftsführung für Bremen Marketing zuständig. "Bremen gehörte in den letzten Jahren zu den Image-Aufsteigern der großen deutschen Städte. Die Wahrnehmung der Stadt hat sich enorm verbessert und der Städtetourismus einen enormen Aufschwung erfahren", weiß Sondergeld. "Das hat natürlich nicht nur mit unserer Arbeit zu tun, sondern auch mit Investitionen der Stadt und privater Unternehmen."

Rundfunkrat Neu

Der neue Rundfunkrat von Radio Bremen (Intendant: Jan Metzger) umfasst 32 Mitglieder (zuvor 26). "Das Gewicht der Vertreter von Politik und Parteien ist seit dem neuen Radio Bremen Gesetz aus dem März 2016 noch einmal verringert worden", erklärt Sondergeld. Nach dem letzten Bundesverfassungs-Gerichtsurteil zum ZDF ergab sich Änderungsbedarf für die Rundfunkgesetze einiger Länder. Nur ein Drittel der Mitglieder dürfen Vertreter von Regierung, Parteien oder Fraktionen sein.

Kritisches Kontrollorgan

Trotz Schlagwörtern wie etwa "Lügenpresse" sieht Sondergeld Radio Bremen freilich nicht in einer Glaubwürdigkeitskrise. "Aber es geht um eine sachliche und kritische Begleitung der Programmarbeit eines jeden Senders - auch durch die Rundfunkräte. Und wir müssen natürlich darum kämpfen, dass die Glaubwürdigkeit, die bei der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung aus meiner Sicht gegeben und durch Umfragen belegt ist, auch wirklich wahrgenommen wird. So haben wir auch eine Aufgabe nach außen." Formal steht für den neuen Vorsitzenden jetzt erst Mal die Wahl des Verwaltungsrates im nächsten Rundfunkrat am 8. September an. 

Als Machtorgan will Sondergeld die Rundfunkräte nicht verstehen, vielmehr als "maßgebliches Kontrollorgan". Wichtigste Befugnis seien die Wahl des Intendanten oder der Intendantin, außerdem müssen die wesentlichen formalen Beschlüsse wie etwa Wirtschaftsplan oder Jahresabschluss den Rundfunkrat passieren. "Den Rundfunkrat als Machtinstrument zu begreifen, ist die falsche Sichtweise. Er ist ein kritischer Begleiter der Programmarbeit und der Redaktionen im Sender."

Zukunft heißt Bremen NEXT

Eine der größten Herausforderungen sieht der neue Vorsitzende darin, über neue Kanäle junges Publikum zu erreichen. "Da hat ja der alte Rundfunkrat zum Glück noch das Prüfverfahren für Bremen NEXT, ein crossmediales Angebot für junge Leute, verabschiedet. Das wird ein wichtiges Erprobungsfeld für die Zukunftsgestaltung." Mitte August ist "Bremen NEXT" mit einem Angebot in den sozialen Medien, das sich auch im Hörfunk widerspiegelt, an den Start gegangen.

"In meinem alten Job kamen beim Stadtportal Bremen.de, dem Internetauftritt der Stadt, rund 40 Prozent der Nutzer schon über Smartphone oder andere mobile Geräte auf die Website. Wenn die Leute eben nicht mit dem Kofferradio unterwegs sind, müssen wir natürlich überlegen, wie öffentlich-rechtliche Angebote platziert werden können." Eine Aufgabe, die den neu gewählten Ausschüssen (Fernsehen, Hörfunk, Zukunft für Online Angebote) zukommt.

Klaus Sondergeld: "Die große Herausforderung ist doch, junge Zielgruppen an sich zu binden, ohne die alten Zielgruppen zu verlieren. Da ist etwa das Radio Bremen Regionalmagazin 'buten un binnen' in den letzten zwei Jahren sehr erfolgreich gewesen."

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