"Hummeln im Arsch": Die Sprache der Journalisten

 

JOURNALISMUS! Wer hat die Sprache erfunden, mit der wir die Menschen erreichen können - wenn wir uns mühen und verständlich schreiben? Paul-Josef Raue hat für seine Kolumne eine Ausstellung auf der Wartburg besucht: "Luther und die deutsche Sprache".

Wenn Journalisten schreiben, sind sie Dolmetscher: Sie übersetzen aus Spezialsprachen in die Alltagssprache ihrer Leser, Zuschauer und Zuhörer. Denn Wissenschaftler, Experten und Manager schreiben für Wissenschaftler, Experten und Manager - und kümmern sich nicht ums einfache Volk; das ist auch nicht ihre erste Aufgabe. Auch Politiker und Funktionäre schreiben meist nicht für die Bürger - auch wenn es ihre erste Aufgabe wäre, klar und verständlich zu sein für Menschen, die sie gewählt haben.

Die Demokratie braucht also Dolmetscher, um zu funktionieren und um wache und informierte Bürger zu schaffen. Als Dolmetscher verstand sich schon der Schöpfer der deutschen Sprache: "Sendbrief vom Dolmetschen" nannte Martin Luther sein Essay, in dem er seine Methode beschrieb und gegen seine Kritiker verteidigte - und in dem der Satz zu lesen ist, den jeder Journalist kennen und beherzigen muss:

"Man muss die Mutter im Haus, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Mart fragen und auf das Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen; so verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet."

Eine Ausstellung auf der Wartburg lenkt den Blick auf Luther als den Meister der deutschen Sprache. Luther schrieb unentwegt und gab zu, bisweilen wisse er nicht, wo ihm der Kopf stehe: 80.000 Seiten, heute gesammelt in 127 Bänden der "Weimarer Ausgabe". Wer durch die Ausstellung auf der Wartburg flaniert, entdeckt vieles, was in unserer Alltagssprache immer noch lebendig ist - ein halbes Jahrtausend danach:

"Die Zeichen der Zeit"

"Rat und Tat"

"Milch und Honig"

"wie Butter in der Sonne schmelzen"

"Hummeln im Arsch" (ja, genau so)

"Hochmut kommt vor dem Fall"

"Memme" - und vieles mehr.

Jutta Krauß organisierte die Ausstellung und zeigt das Spektrum des wohl bedeutendsten Schriftsteller deutscher Sprache, zumindest der Wirkung nach über die Jahrhunderte: Übersetzer, Lehrer, Publizist, Streiter, Dichter und privater Briefeschreiber. Nur - wie kann man Luthers Sprache ausstellen und so moderne Menschen faszinieren?

Jutta Krauß zeigt Zitate auf Plakat-großen Tafeln und reizt auch die zum Lesen, die noch nie die Bibel oder einen Brief Luthers in der Hand gehalten haben. Die Macht der Sprache zieht die Besucher in den Bann, im Sinne Luthers, "auf dass das Wort dringe und klinge ins Herz, durch alle Sinne".

Die Ausstellung führt buchstäblich vor Augen: Ein Sprach-Magier wie Luther konnte feinfühlig sein wie im Magnificat, dem Lobgesang Marias, und beleidigend wie in Polemiken gegen den Papst und die Juden. Ohne Bilder kommt auch die Ausstellung - ebenso wie Luther - nicht aus: Szenen aus Christi Leben und Leiden auf und in der Bibel und im Katechismus, Buchumschläge, Gesangbücher, Handschrift-Proben und einige mehr.

Im empfehlenswerten und preiswerten Katalog zur Ausstellung erzählt Jutta Krauß, wie sich Luther plagte und wie er vergeblich nach Vorbildern suchte: "Ich habe bisher noch kein Buch und keinen Brief gelesen, in denen nach rechter Art deutsche Sprache drinnen war", schreibt er an einen Freund über die "Wacken und Klötze" bei der Übersetzung der Bibel; Wacken sind harte Steine wie etwa Fluss-Kiesel.

Auch heute protestieren Politiker, Wissenschaftler und Bürokraten, wenn Journalisten Unverständliches und Gestelztes übersetzen. Zu Luthers Zeiten riskierte einer, der die Bibel  allzu frei übersetzte, den Ausschluss aus der Kirche und das Ende seiner Existenz. Luther brauchte also auch Mut, wir würden es heute Zivilcourage nennen, wenn er seine Methode durchzog:

"Ist das deutsch gesprochen? Welcher Deutscher versteht es?"

Doch beim Übersetzen geriet Luther schnell, aber durchaus gewollt ins Interpretieren und Kommentieren. Dies kennen auch heute Journalisten, wenn sie frei, vielleicht allzu frei, eine Politiker-Rede wiedergeben und heftig gescholten werden - zurzeit vorzugsweise von AfD-Politikern wie Frauke Petry, etwa nach dem "Schießbefehl auf Flüchtlinge" im "Mannheimer Morgen", oder nach Alexander Gaulands Boateng-Vergleich in der "FAS".

Oft reicht ein Wort - wie bei Luthers Übersetzung einer Passage des Paulus-Briefs an die Römer. "Allein durch den Glauben wird der Mensch gerecht", schreibt Luther, das Wort "allein" steht allerdings nicht im Originaltext. Die Theologen schäumen, aber Luther rechtfertigt sich: "Es steht so nicht in der Bibel, aber es gehört eben im Deutschen hinein um der Klarheit willen."

Luther musste auch Wörter finden und erfinden. Auch vor Luther gab es eine Reihe von deutschen Übersetzungen wie die von Johannes Mentelin, ein gutes halbes Jahrhundert vor Luther. Viele Wörter in Mentelins Text kannte Luther nicht wie "Trom", das Luther nach langem Nachdenken mit "Balken" umschrieb, oder "agen", das er mit Splitter übersetzte: "Du siehst den Splitter (agen) im Auge deines Bruders, aber nicht den Balken (trom) in deinem Auge." 

Journalisten müssen viel lesen und ihren aktiven Wortschatz erweitern. Das wäre Luthers Rat an Volontäre wie gestandene Redakteure: "Wer dolmetschen will, muss einen großen Vorrat von Worten haben", ist im "Sendbrief vom Dolmetschen" zu lesen. Luther schätzte zudem eine Sprache mit Gefühl - eben "auf dass es dringe und klinge ins Herz, durch alle Sinne".

Auch Luther lebte in einer Medien-Revolution. Ein Jahrtausend lang hatten seine Vorfahren in den Kloster-Bibliotheken abgeschrieben, bis die Feder krumm war. Dann kam Gutenberg und machte Legionen von Mönchen arbeitslos. Was wäre Luther ohne Gutenbergs Druckerpresse gewesen? Ein Revolutionär, den keiner lesen konnte. 

Gutenbergs Presse war eine technische Revolution, so wie es das Internet für unsere Zeit ist. Ohne die neue Technik, mit Druckwerken Massen zu erreichen, hätte Luther nie die Wirkung erzielt. So steht der Nachbau einer Gutenbergschen Druckerpresse als Attraktion in der Wartburg-Ausstellung, auf der sich jeder für einen Euro selbst eine Seite drucken kann. 

Direkt neben der Druckerpresse steht, weniger beachtet, noch eine aussterbende Kunst: Das schöne Schreiben. Es ist ein aktueller, mit Tinte geschriebener Lobpreis: Ruth Tesmars Briefe an Luther. Günter Schuchardt, der Burghauptmann, hatte die letzte, mittlerweile emeritierte Universitäts-Zeichenlehrerin gebeten, an Luther Briefe zu schreiben, in schöner Tinten-Schrift, mit Bildern umrahmt. Die nicht getaufte "Heidin", wie sie sich selber bezeichnet, schreibt: "Ich teile die Leidenschaft Luthers für das Schreiben und Lesen, wie auch für die Geheimnisse der Dinge und deren Sprache."

INFO

Die Ausstellung "Luther und die deutsche Sprache"

Die erstaunlich gut besuchte Ausstellung ist die letzte von sechs Ausstellungen der Wartburg vor dem Lutherjahr 2017, in dem die Ausstellung "Luther und die Deutschen" von Mai bis November 2017 zu sehen sein wird. Das Welterbe Wartburg ist die meistbesuchte Lutherstätte.

Die Sonderausstellung "Luther und die deutsche Sprache" ist bis zum 8. Januar 2017 auf der Wartburg zu besichtigen (im Sommer bis Oktober von 8.30 bis 17 Uhr); der Katalog kostet 12,95 Euro.

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