"Bild"-Zeitung und Gott: Wie passt das zusammen?

 

Es waren keine einschneidenden Erlebnisse, wenn auch drei Dienstreisen nicht ganz unerheblich für Daniel Böckings Weg zum Glauben an Jesus Christus waren. Seitdem "krempelt Gott mein Leben um", wie der Stellvertreter des Chefredakteurs bei "Bild digital" sagt. Darüber hat er ein ehrliches, unterhaltsames und teilweise ergreifendes Buch geschrieben: "Ein bisschen Glauben gibt es nicht". kress.de hat mit dem 39-Jährigen Vize von Julian Reichelt gesprochen und stellte ihm eine Frage, die er nicht zum ersten Mal hörte: "Bild" und Glaube an Gott - wie passt das zusammen?

kress.de: Im Brief an die Galater schreibt Paulus, wir sollten einander nicht provozieren. "Bild" berichtet durchaus provokativ. Sind Sie als bibeltreuer Christ unter diesen Voraussetzungen dort am rechten Platz?

Daniel Böcking: Es wäre lächerlich zu bestreiten, dass "Bild" polarisiert. Aber dennoch: Ich bin hier am rechten Platz - auch im Sinne Gottes. Es heißt, man solle dort blühen, wo Gott einen hingesät hat. Ich mag es, Wahrheiten auszusprechen und pointierte Meinungen zu äußern. Was nun den Galater-Brief angeht, können wir nicht nur dort, sondern auch an vielen anderen Stellen der Bibel nachlesen, dass Paulus durchaus streitlustig gewesen ist. Im selben Absatz schreibt der Apostel aber auch, wir sollten nicht überheblich sein. Und das ist eine Stelle, die mich betrifft. Ich versuche, nie mehr grundlos einen Streit vom Zaun zu brechen, nur um ihn zu gewinnen.

Im April 2015 haben Sie sich bei Bild.de anlässlich des IS-Terrors als Christ geoutet. In dem sehr ausführlichen Beitrag schreiben Sie, Ihr Artikel sei ein "Ruf, das Böse mit Gutem zu überwinden". Das klingt ein bisschen nach Margot Käßmann, wir sollten islamistischen Terroristen mit Liebe begegnen. Ist das auch Ihre Haltung?

Daniel Böcking: Für mich sind solche Allgemeinplätze sehr schwierig. Ich habe niemanden im Terror verloren und würde mir daher auch niemals anmaßen zu sagen, wie man persönlich mit Terroristen umgehen soll. Der Text war auch kein militärischer Ratschlag. Mir ging es mit dem Satz einfach darum, dass die Christen anlässlich des unermesslichen Leids nichts von sich hören ließen. Vielleicht hatten viele Angst, dass durch ISIS jeder Gläubige in Verdacht gerät, nach dem Motto: Glaube ist nah am Extremismus. Was ich meine: Das Christentum ist eine Botschaft der Liebe und des Friedens, auch der Vergebung, und die müssen Christen dem Terror laut und mutig entgegensetzen.

Bevor Sie sich outeten, trieb Sie die Sorge um, Kollegen könnten Sie für "beknackt" halten. Inwiefern hat sich das bewahrheitet?

Daniel Böcking: Dass ein Bekenntnis zu Gott kein Beliebtheits-Booster sein würde, war mir klar. Aber mit dem Text sollte es nicht um mich gehen, sondern um Jesus Christus. Bei den User-Kommentaren gab es natürlich auch Spott und sogar blinde Wut - zum Teil auf mich, zum Teil auf "Bild". Ich habe aber auch viel Zuspruch erhalten. Von den Kollegen gab es jetzt nicht unbedingt Gruppenumarmungen, aber viele empathische Mails, selbst von denen, die nicht oder an etwas Anderes glauben. Nur ein Kollege fragte mich ganz offen, wer mir ein solches Brett vor den Kopf genagelt hätte. Nun weiß ich nicht, was hinter meinem Rücken geredet wird, aber ich denke nicht, dass mich eine Mehrheit für "beknackt" hält. Die Reaktionen waren so vielseitig wie "Bild", und daher bin ich so gern hier.

Die Umkehr zu Gott habe die Lebensarbeit nicht leichter gemacht: "Probleme im Job blieben Probleme im Job", notieren Sie. Sind die mit Gottes Hilfe denn nicht leichter zu lösen?

Daniel Böcking: Ich würde das heute im Präsens schreiben. Die Herausforderung zum Beispiel, gute Ideen für eine Digitalstrategie zu finden, ist natürlich nicht kleiner geworden. Aber insgesamt ist auch mein Berufsleben schon ein wenig einfacher, denn ich bitte Gott auch bei Kleinigkeiten um Hilfe, und seine Antworten geben mir Kraft. Das erleichtert den Job.

Vor Ihrer Umkehr waren Sie dabei, Ihren "moralischen Kompass zu verlieren". Hatte das auch etwas mit der Arbeit bei "Bild" zu tun?

Daniel Böcking: Ich habe schon befürchtet, dass Sie mir diese Frage stellen, und daher habe ich vorher schon über eine Antwort nachgedacht. Aber es ist nicht so. Ich habe das auf mich als Privatmensch bezogen, denn oft habe ich total anders gelebt als es mein eigener Anspruch war. Motto: Hoch die Tassen und nach mir die Sintflut! Dadurch vernachlässigte ich andere, wirklich wichtige Dinge - zum Beispiel meine Familie. Aber es war nicht nur das sinnlose Feiern. Es ging vor allem um meine Geduld. Fühlte ich mich ungerecht behandelt, konnte ich schon sehr unfair und ungeduldig sein.

Sie selbst bezeichnen das Christentum in Ihrem Buch als "radikal". Sind Sie ein radikaler Christ?

Daniel Böcking: Ich weiß, dass das Wort total negativ besetzt ist. Ich meine radikal nicht im politischen Sinne, also jemandem mit aller Macht meine Meinung aufzuzwingen; ganz und gar nicht. In Bezug auf das Christentum und mich ganz persönlich bin ich radikal, ja, denn es geht an meine Wurzeln. Ich versuche es 24 Stunden am Tag zu leben - nicht nur am Rande meines Alltages: Ich möchte radikal nächstenliebend, radikal selbstlos sein. Insofern wäre ich sehr froh, wenn ich das Evangelium eines Tages so radikal positiv umsetzen könnte.

Sie schreiben, Sie haben eine "Standleitung zu Gott". Wie können wir uns das vorstellen?

Daniel Böcking: Ich besitze kein exklusives rotes Telefon zu Gott. Vielmehr ist es so, dass Gott im Alltag präsent ist. Früher habe ich oft aus Pflichtgefühl ein Gebet gesprochen. Heute bete ich, wenn mir der Sinn danach steht, und das ist ständig der Fall. Dabei falte ich nicht jedes Mal die Hände oder falle auf die Knie. Nein, ich meine diese stillen Hosentaschengebete.

Journalismus ist auch eine eitle Branche, meinen viele Insider. In Ihrem Buch stellen Sie die Frage, ob es aus christlicher Sicht nicht sogar schon falsch sei, "auf Lob und Anerkennung erpicht zu sein". Ist es das? Und schaffen Sie das?

Daniel Böcking: Ich sage es mal anders herum: Nirgendwo in der Bibel steht, man solle erpicht auf Lob und Anerkennung sein. Diese Mühe müssen wir uns gar nicht machen. Früher fiel es mir sehr schwer, wenn jemand anderes ein Lob kassierte, das in meinen Augen mir gebührte. Da konnte ich meine Klappe nicht halten. Das ist für mich nun kein großes Problem mehr. Ich spüre in solchen Situationen innere Ruhe und inneren Frieden. Ob ich das wirklich immer schaffe? Sicher nicht. Ich stehe noch am Anfang meines Weges. Aber das Tolle ist ja: Jesus kennt uns, er kennt unsere Schwächen, und er vergibt uns.

Haben Sie seit Ihrem Erweckungserlebnis keinen Ehrgeiz mehr? Sie schreiben, seitdem gebe es "keinen Wettlauf mehr. Gegen wen auch?" Vielleicht gegen die Konkurrenz?

Daniel Böcking: Na klar habe ich diesen Ehrgeiz noch. Nicht zuletzt werde ich auch dafür bezahlt. Selbst in der Bibel steht, man solle seinen Job möglichst gut erledigen. Was ich meine, ist der falsche Ehrgeiz; der Ehrgeiz mit dem Ellenbogen, der sich gegen Kollegen richtet. Also: Ehrgeiz für die Sache, absolut ja! Ehrgeiz, um den eigenen Egoismus zu befördern? Nein, das stelle ich jetzt hinten an. 

Hauptfolge Ihres neuen Verhältnisses zu Gott sei "ein neuer Blick". Wie fällt der auf Ihren Beruf aus?

Daniel Böcking: Natürlich hat es mich beschäftigt: Was ist, wenn mir das Buch ganz enorm - auch beruflich - auf die Füße fällt? Oder wenn ich mit diesem neuen Blick irgendwann bemerke, dass ich auch in Sachen Job etwas hart ändern muss? Ich behaupte, der Glaube an Jesus Christus ist das Lebenswichtigste für mich. Wäre ich also bereit, auch solche krassen Veränderungen zu akzeptieren oder sogar selbst anzupacken? Ich hoffe sehr, das wäre ich. Ansonsten wäre mein Glaube nur ein Lippenbekenntnis. Gott sei Dank ist das nicht nötig, ich fühle mich prächtig und richtig bei "Bild". Ich sehe jetzt einfach viel klarer, was ich tue und wofür ich es tue. Ich bin freier und mutiger geworden. Partys und Alkoholgenuss mit Freunden haben in Ihrem Leben zuvor eine große Rolle gespielt. Das änderte sich mit Ihrem tiefen Glauben, weil "Gott genau das von mir wollte". An anderer Stelle schreiben Sie, der Glaube verlange, "meinen eigenen Spaß hintanzustellen".

Gönnt uns Gott keine irdischen Freuden?

Daniel Böcking: Gott gönnt uns jede Freude. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament kommt Freude immer wieder vor. Aber mit der gottgegebenen Freude bin ich heute viel zufriedener. Alkohol und Partys sind per se nichts Schlechtes. Aber mich brachte das nicht weiter. Oft war ich der Letzte am Tresen. Ich habe diesen Hang, über das Ziel hinauszuschießen, kam am Wochenende oft erst morgens nach Hause, nahm keine Rücksicht darauf, ob sich jemand um mich sorgte. In der Bibel steht: Und wenn du durch deine rechte Hand zu Fall kommst, dann hau sie ab und wirf sie weg. Und mich brachte dieser Lebenswandel immer wieder zu Fall. Daher fiel mir der Bruch nicht schwer.

In der Bibel spielt doch Wein keine unbedeutende Rolle...

Daniel Böcking: Ja, da haben Sie Recht. Und Gott verbietet uns nicht, Alkohol zu trinken. Nur mein größtes Problem war eben, dass meine Feierei sinn- und maßlos war. Im Gebet spürte ich, dass dies einfach falsch war. Heute trinke ich gar nichts mehr, und es fehlt mir nicht.

Letztlich haben Sie drei dienstliche Erlebnisse in 2010, nämlich Ihre Berichte über das Erdbeben in Haiti, die Duisburger Loveparade-Katastrophe und das Grubenunglück von Chile, auf den Weg zum tiefen Glauben gebracht. Während viele über unterbezahlte Journalisten klagen, kam Ihnen die Erkenntnis: "Ich verdiene viel zu viel Geld." Warum denken Sie so?

Daniel Böcking (lacht): Ich hoffe, dass mein Chef das anders sieht. Was ich damit sagen wollte: Wenn ich mich mit der Welt vergleiche, dann verdiene ich unwahrscheinlich viel Geld. Mir ging es wunderbar, als ich zu Gott fand: Keine finanziellen Sorgen, Spaß im Beruf, eine phantastische Familie. Ich hatte keine Lebenskrise, die zu meiner Umkehr führte. Und trotzdem hat sich Gott die Mühe gemacht, mich auf den richtigen Weg zu schicken. Dafür bin ich unendlich dankbar.

kress.de-Tipp: Daniel Böcking: Ein bisschen Glauben gibt es nicht - Wie Gott mein Leben umkrempelt. Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten, 17,99 Euro, ISBN: 978-3-579-08640-8

Ihre Kommentare
Kopf

TCDK

06.09.2016
!

Was denkt Gott wohl über den "Alligator-Jungen" - da wünsche ich mir nämlich, das es doch eine Hölle gibt.


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