Die Medien und das Umfragegeschäft: "Ergebnisse der Wahlforscher nicht das Geld wert, das sie kosten"

02.09.2016
 
 

Zumindest ARD und ZDF sollten das Geschäft mit der Umfrage vor Wahlen nicht mehr unterstützen. Nur wenn sie als Auftraggeber von demoskopischen Befragungen eine verbesserte Qualitätssicherung einfordern (und erhalten), bringen die Umfragen auch wieder etwas. Die Gremien der öffentlich-rechtlichen Anstalten sind angehalten, diese Verträge zu kontrollieren, fordert Konrad Woede. Seine Analyse ist erschreckend: "Die Ergebnisse solcher Erhebungen sind das Geld nicht wert, das sie kosten - es sei denn, sie dienen anderen Zwecken als denen, die sie vorgeben."

"Die im Folgenden aufgeführten Beispiele für die mangelhafte Treffsicherheit der Ergebnisse solcher Meinungsforschung weisen gegenüber den später festgestellten Wahlergebnissen gravierende Differenzen auf. Die Forschungsinstitute weisen zwar oft darauf hin, dass ihre Umfrage-Ergebnisse nicht als Prognosen missverstanden werden dürfen. Fast alle Empfänger solcher Nachrichten vertrauen jedoch auf die Glaubwürdigkeit und Präzision solcher Zwischen-Meldungen. Sehr viele fühlen sich geschockt. Nicht wenige triumphieren, sehen sich bestätigt oder machen den neuen Nachrichten entsprechend woanders ihr Kreuz.

Meinungsumfragen umschwirren uns fast täglich mit neuen, viele Menschen aufregenden Zahlen, nicht nur zu den anstehenden Landtagswahlen; auch zur politischen Situation auf Bundesebene werden in kurzen Abständen immer "neue Erkenntnisse" veröffentlicht.

Viele Empfänger solcher Nachrichten glauben, was da verkündet wird: Dass nach diesem Beispiel die AfD in Mecklenburg-Vorpommern stabil ist und gewählt werden kann/sollte; dass CDU, Linke und Grüne relativ stabil bleiben; dass aber die SPD schwere Verluste zu erwarten hat (weit über 10%!). - Wandern ehemalige SPD-Wähler zur AfD ab? Oder bleiben viele SPD-Wähler enttäuscht zu Hause und stärken bisherige NPD-Sympathisanten und Nichtwähler die AfD? Was stimmt? Schaffen solche Umfragen allmählich die Wirklichkeit, die sie zu erforschen vorgeben? Welche Bedeutung haben so erforschte Daten für zukünftige Wahlergebnisse?

Ein Vergleich der in der Vergangenheit in die Öffentlichkeit gegebenen Zahlen zeigt, dass es viele zum Teil sehr erhebliche Differenzen zwischen den Ergebnissen der letzten Umfragen vor den Wahlen und den Wahlergebnissen gibt. Das bedeutet: Die veröffentlichten Daten der Meinungsumfragen zum jeweiligen Stand möglichen Wahlverhaltens der Wahlberechtigten sind im höchsten Grad unsicher (besonders in Zeiten, in denen die nächste Wahl noch lange nicht ansteht).

Beispiele vergangener Wahlen

Es folgen einige Belege für diese Aussage. Beispielhaft gegenüber gestellt wurden jeweils die letzten Umfragewerte vor einer Wahl und die entsprechenden endgültigen Ergebnisse einzelner Parteien. Genannt wird anschließend jeweils die Differenz zwischen dem letzten Umfragewert einer Partei und ihrem Wahlergebnis. Es folgt eine "Fehlkalkulation" genannte Prozentangabe, die die Relation zwischen der Differenz und dem letzten Umfragewert erfasst (dieser Wert ist fett hervorgehoben).

Mecklenburg-Vorpommern:

Landtagswahl am 04.09.2011; letzte Umfrage: Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) 26.08.2011, Ergebnis CDU: 23,0%; Letzte Umfrage: 28%; Differenz: 5%-Punkte; Fehlkalkulation 18%

Bundestagswahl am 22.09.2013; letzte Umfrage: Emnid (Nordkurier) 14.09.2013, Ergebnis SPD: 17,8%; Letzte Umfrage: 31%; Differenz: 13,2%-Punkte; Fehlkalkulation 43%

Europawahl am 25.05.2014; letzte Umfrage: infratest dimap (NDR, SVZ) 07.05.2014 Ergebnis AfD: 7,0%; Letzte Umfrage: 4%; Differenz: 3%-Punkte; Fehlkalkulation 75%

Berlin:

Bundestagswahl am 22.09.2013; letzte Umfrage: infratest dimap (RBB, Berliner Morgenpost) 11.09.2013 Ergebnis Grüne: 12,3%; Letzte Umfrage: 18%; Differenz: 5,7%-Punkte; Fehlkalkulation 32%

Europawahl am 25.05.2014; letzte Umfrage: infratest dimap (RBB, Berliner Morgenpost)14.05.2014Ergebnis CDU: 20,0%; Letzte Umfrage: 28%; Differenz: 8%-Punkte; Fehlkalkulation 29%

Sachsen-Anhalt:

Bundestagswahl am 22.09.2013; letzte Umfrage: infratest dimap (MDR) 20.08.2013 Ergebnis Grüne: 4,0%; Letzte Umfrage: 7%; Differenz: 3%-Punkte; Fehlkalkulation: 43%

Europawahl: Es gab anscheinend keine entsprechende Umfrage

Landtagswahl am 13.03.2016; letzte Umfrage: Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) 10.03.2016 Ergebnis AfD: 24,3%; Letzte Umfrage: 18%; Differenz: 6,3%-Punkte; Fehlkalkulation 35%

Baden-Württemberg:

Bundestagswahl am 22.09.2013; letzte Umfrage: infratest dimap (SWR, StZ)16.05.2013 Ergebnis Grüne: 11,0%; Letzte Umfrage: 28%; Differenz: 17%-Punkte; Fehlkalkulation: 61%

Europawahl am 25.05.2014; letzte Umfrage: infratest dimap (SWR) 13.05.2014 Ergebnis Grüne: 13,2%; Letzte Umfrage: 21%; Differenz: 7,8%-Punkte; Fehlkalkulation 37%

Landtagswahl am 04.09.2011; letzte Umfrage: Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) 10.03.2016Ergebnis AfD: 15,1%; Letzte Umfrage: 11%; Differenz: 4,1%-Punkte; Fehlkalkulation 37%

Rheinland-Pfalz:

Bundestagswahl am 22.09.2013; letzte Umfrage: infratest dimap (SWR) 05.09.2013Ergebnis SPD: 27,5%; Letzte Umfrage: 34%; Differenz: 6,5%-Punkte; Fehlkalkulation 19%

Europawahl am 25.05.2014; letzte Umfrage: infratest dimap (SWR) 08.05,2014 Ergebnis Grüne: 8,1%; Letzte Umfrage: 11%; Differenz: 2,9%-Punkte; Fehlkalkulation 26%

Landtagswahl am 13.03.2016; letzte Umfrage: Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) 10.03.2016 Ergebnis AfD: 12,6%; Letzte Umfrage: 9%; Differenz: 3,6%-Punkte; Fehlkalkulation 40%

Umfragen unterschiedlichster Qualität überfluten den Medienmarkt und dienen Journalisten oftmals als "inneres Geländer", um mit den vermeintlich sicheren Daten ihre Kommentierung zu unterfüttern. Aber die Qualität und analytische Grundierung der veröffentlichten Daten hat - wie belegt - eine höchst problematische Schwankungsbreite. Ein Grund: Deutschland wird immer mehr zu einer Stimmungsdemokratie, Stimmungen und Wahlabsichten sind aber zwei verschiedene Dinge. Diese Volatilität können Demoskopen mit ihren diffusen von Institut zu Institut abweichenden, höchst subjektiven "Gewichtungsformeln" nicht ausgleichen. Die Inflation der höchst unterschiedlichen Umfragen führt zudem zu einem Spardruck. Gespart wird beispielsweise bei der Feldarbeit, der genauen Analyse der Parteien in den jeweiligen Ländern und bei der Zahl und Qualität der Befragung der Wähler nach dem Urnengang. Hier muss in den anstehenden Verträgen nachgebessert werden. Zudem müssen alle Medien, die Umfragen veröffentlichen, angehalten werden, die potentielle Fehlerquelle bei der Veröffentlichung der Daten zu dokumentieren. Der Presserat könnte eine entsprechende Klausel als verpflichtend normieren.

Konrad Woede

kress.de-Hinweis: Eine ausführliche Analyse von Konrad Woede gibt es hier für kress.de-Leser (PDF).

 

Ihre Kommentare
Kopf

Eberhard Opl

02.09.2016
!

Seit Jahren wissen wir, dass Umfrageergebnisse Momentaufnahmen sind und dass das Wahlvieh … äh … -volk sich tatsächlich die Freiheit heraus nimmt, seine Meinung zu ändern, vielleicht auch beeinflusst von der Ergebnissen der Umfrageergebnisse; spätestens seit der Bundestagswahl 1965 wird immer wieder darüber diskutiert, ob Umfrageergebnisse tatsächlich das Wählerverhalten beeinflussen können, berühmt geworden ist Elisabeth Noelle-Neumanns Schweigespirale in dieser Diskussion. Einerlei, aktuell is


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